Berlin-KöpenickEs war im Februar 2019, als sich Urs Fischer und Uwe Neuhaus das erste und bis dato letzte Mal im Stadion An der Alten Försterei begegneten. Es war nicht die erste Rückkehr für den Trainer von Arminia Bielefeld, der den 1. FC Union zwischen 2007 und 2014 von der damals noch drittklassigen Regionalliga Nord in die neu gegründete Dritte Liga und schließlich in die Zweite Bundesliga geführt hatte. Wie üblich brandeten „Uwe, Uwe!“-Rufe auf der Tribüne auf, die noch lauter wurden, als sich die Köpenicker von den Ostwestfalen versöhnlich mit 1:1 trennten. Uwe Neuhaus war und ist eine eiserne Legende.

Umso erstaunlicher ist es, dass es keine zwei Jahre gedauert hat, ehe sich die beiden an gleicher Stelle, jedoch unter völlig anderen Vorzeichen wiedersehen. In der Bundesliga, der Spielklasse, die man, so glaubte man einst bei den Eisernen, mit dem beliebten, gelegentlich aber auch trocken bis eintönig anmutenden Neuhaus nie werde erreichen können. Urs Fischer ist in Köpenick indes kein Trainer-Neuling mehr, sondern mindestens so populär wie Neuhaus zu seiner Zeit.

Das liegt oberflächlich betrachtet natürlich am umjubelten Aufstieg sowie an der stets charmanten Art des Schweizers. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass sich der 54-Jährige in seiner kompletten Zeit bei den Eisernen noch nie vercoacht hat. Als perfektes Beispiel fungierte am vergangenen Montag der Sieg bei der TSG Hoffenheim, bei dem Fischer zur Überraschung aller auf eine flexible Fünferkette in der Defensive setzte. „Wir wollten einfach besseren Zugriff auf Hoffenheim bekommen und dafür mussten wir das Mittelfeld stabilisieren“, erklärte Fischer rückblickend. Dafür verdichtete er mit Sebastian Griesbeck als zusätzlichem Mittelfeldspieler auch die Reihe vor den drei Innenverteidigern. „Unser Eindruck in der Analyse war, dass Hoffenheim vornehmlich über die Zentrale das Spiel aufbaut.“

Ein Plan, der aufging und sich sehenswert in die Reihe von Spielen eingliederte, bei denen Fischer mit seinen Personal- und Taktikentscheidungen zuerst überrascht hatte und später dann dafür gefeiert wurde. Auch in Hoffenheim behielt er die zuletzt formstarken Sheraldo Becker und Joel Pohjanpalo bei sich auf der Bank, eine Maßnahme, die in Beckers Fall „absolut nichts mit seinen Leistungen davor zu tun hatte“. Pohjanpalo wiederum dankte es ihm mit einem erneuten Jokertor.

Kampferprobtes Mannschaftsgefüge mit Einzelkönnern

Uwe Neuhaus war seinerzeit bei den Eisernen kein Taktikfuchs. Was freilich an der Tatsache gelegen haben dürfte, dass der 60-Jährige über etwas minder talentierte Kicker verfügte als sein Schweizer Gegenüber aktuell. Unter Neuhaus lebten die Eisernen von einem kampferprobten Mannschaftsgefüge, aus dem sich immer mal wieder Einzelne mit besonderen Taten hervortaten. Sei es Torsten Mattuschka mit seinen ruhenden Bällen, Karim Benyamina mit seinem Torriecher oder auch John Jairo Mosquera, wenigstens kurzzeitig, mit seiner erfrischend unbekümmerten Angriffsweise. Neuhaus wusste, wie er die Spieler ansprechen musste, ließ Freiheiten, wo er konnte, und schränkte ein, wo er musste. Seine Zufriedenheit mussten sich die Kicker erarbeiten.

Das hat er wiederum mit Urs Fischer gemein. Der vermied es, sich im Vorlauf der Partie die Favoritenrolle geben zu lassen. „Für mich ist das ein Spiel auf Augenhöhe“, bekräftigte er und wollte erst gar nicht ins Schwärmen geraten, wenn es um die zuletzt streckenweise überragenden Leistungen seiner Mannschaft ging. „Ich glaube, diese Leistungen zu bestätigen, ist ein Punkt, auf den ich eher Wert lege. Das machen wir momentan nicht schlecht. Entscheidend ist für mich, diese Ekligkeit beizubehalten.“

Eklig konnte Union auch unter Uwe Neuhaus sein, so wie beim 2:1 im Berliner Olympiastadion im Winter 2011, als die auf dem Papier gnadenlos unterlegenen Eisernen Hertha BSC, damals so etwas wie „der FC Bayern der Zweiten Bundesliga“ (Siegtorschütze Torsten Mattuschka), den Schneid abkauften und das Team um Adrian Ramos und Raffael in Grund und Boden kämpften.

Es waren Spiele wie dieses, die den Unionern bei aller Demut, die den Verein stets geprägt hat, ein Fünkchen Hoffnung gaben, dass sie irgendwann einmal mehr sein könnten als der kleine Klub aus Köpenick. Dass da eine Zukunft warten könnte, die nicht nur einen verschworenen Haufen, sondern eine riesige Masse von Menschen begeistern kann. Eiserner Fußball für alle, die ihn ins Herz schließen wollen.

In diesem Sinne führt Urs Fischer beim 1. FC Union weiter, was Uwe Neuhaus einst begonnen hat. Beide sind sie schon jetzt Vereinslegenden, wenn auch auf ihre ganz eigene Art. Am Sonnabend treffen sie sich wieder.