Berlin-KöpenickStellen Sie sich vor, Sie wollen Ihre Wohnung neu gestalten, besuchen deshalb einen Baumarkt und ein charmant charismatischer Baumarktmitarbeiter überzeugt Sie davon, es doch einmal mit einer schlichten grauen Wandfarbe zu versuchen. Nicht, weil Grau derzeit modern oder gar schön ist – sondern einfach, weil der Baumarktmitarbeiter davon überzeugt ist, dass Grau die richtige Farbe für Ihre Wohnung ist. Und Sie nehmen drei große Farbtöpfe mit, leben fortan glücklich in Ihrem grauen Heim und danken dem Baumarktmitarbeiter ewig dafür, dass er Ihnen gezeigt hat, dass Gutes „schlussendlich“ so einfach sein kann.

Erfolgreich wie kein Union-Trainer zuvor

So in etwa lässt sich das Verhältnis zwischen dem 1. FC Union, seinen Spielern, seinen Fans und Trainer Urs Fischer erklären. Der Schweizer hat den schon damals durchaus aufstiegsambitionierten Köpenickern bereits zu Zweitligazeiten das Bewusstsein dafür gegeben, einfach zu denken, statt große Pläne zu schmieden. „Von Spiel zu Spiel“ zu planen ist eine Phrase, die im Fußball häufig verwendet wird, doch der Schweizer lebt sie seit seinem ersten Tag am Stadion An der Alten Försterei und ist damit so erfolgreich wie kein Union-Trainer zuvor.

Dafür bringt er jedoch auch Opfer. Frühmorgens fährt er nach Köpenick, beginnt früher als alle anderen den Arbeitstag und ist oft der letzte sportliche Funktionär, der das Vereinsgelände verlässt. Akribisch arbeitet er daran, die Eisernen und ihr Spiel, auf den jeweiligen Gegner abgestimmt, immer wieder neu zu erfinden. Auch deshalb kränkte es ihn ein wenig, als man ihm im ersten Bundesliga-Jahr vorwarf, er würde bevorzugt Anti-Fußball spielen lassen, eine beinharte Defensive und schnelle, lange Bälle auf baumlange Angreifer. Fußball aus den Neunzigern.

Tatsächlich war Fischer stets ein Verfechter des ästhetischen Kombinationsspiels, bevorzugt in einem variablen System aus vier Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern. Nur stehen für den Schweizer die Qualitäten der Spieler im Vordergrund und nicht seine eigenen Wünsche, weshalb er die Eisernen eben in dem Stil spielen lässt, den die jeweiligen Spieler am besten umsetzen können. Im Vorjahr war das ein fundamentalerer, in der laufenden Saison eben ein kreativerer.

Dabei liebt es der 54-Jährige, tief in die Spielvorbereitung einzutauchen. Das ist es, was ihn am Trainerdasein reizt, nicht das Rauschen drumherum. Auch deshalb versucht er, echte freie Momente auch als solche zu nutzen, und meidet den Rummel der Hauptstadt. Vor der Corona-Pandemie nutzte Fischer jede Möglichkeit, um in die Schweiz zu seiner Frau Sandra und seinen Töchtern Chiara und Riana zu reisen. Er liebt das Fliegenfischen und die Ruhe der Natur seiner Heimat, die er auch in Wanderungen erkundet. Selbst in seinen Hobbys ist Unions Trainer bodenständig und besonnen.

Damit musste so mancher zu Beginn von Fischers Engagement in Köpenick erst klarkommen. Heute lieben sie ihn im Südosten Berlins, verehren ihn vielleicht sogar. Weil Fischer den Eisernen gezeigt hat, dass Gutes so einfach sein kann. Dafür werden sie ihm ewig dankbar sein.