Urs Fischer am Spielfeldrand bei der Partie des 1. FC Union auf Schalke.
Foto: Matthias Koch

Berlin-KöpenickMan möchte nicht mit Urs Fischer tauschen. Der Schweizer verzieht das Gesicht, blickt fast ein wenig gequält und seine Augen sagen: „Muss ich schon wieder darauf antworten?“ Nach dem Spiel beim FC Schalke 04 (1:1) überlagern die Befindlichkeiten der namhaftesten Eisernen die wieder einmal beachtliche, diesmal jedoch nicht vollends belohnte Leistung des Teams. Statt über die Partie, soll sich Fischer nun also dazu äußern, warum er Stürmerstar Max Kruse von Beginn an auflaufen lassen hat, obwohl der in den Tagen zuvor mit einem Video von einem Glücksspielabend mit ihm fremden Personen ohne Mund- und Nasenschutz für Aufregung gesorgt hatte.

Fischer reißt sich sichtlich zusammen und antwortet so wenig genervt wie möglich: „Irgendwann muss es dann auch einmal gut sein.“ Er hat keine Lust, noch einmal auszudiskutieren, warum Kruses Handlung wenig vorbildlich war. Viel mehr jedoch missfällt ihm die betonte Überraschung darüber, dass er dem 32-Jährigen Stürmerstar keinen Denkzettel verpasst, ihn auf die Bank verbannt oder gar aus dem Kader gestrichen hat.

Fischer verleiht dem Team die größte Stärke

Viel ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren über Urs Fischers Leistungsprinzip geschrieben und auch gesprochen worden. Tatsächlich gibt es kaum Themen, über die der Schweizer, sonst in der Öffentlichkeit eher wenig auskunftsfreudig, selbst so ausführlich spricht wie über seine Philosophie, bei der spieltäglichen Kaderzusammenstellung einzig und allein die sportliche Leistung im Training und im Spiel zählen zu lassen. Handlungen außerhalb des Trainings- und Spielfeldes sind für den 54-Jährigen ähnlich irrelevant wie große Namen. Vermeintliche Toptransfers wie Carlos Mané oder Yunus Malli, deren Startelfeinsätze bei ihren jeweiligen Leihgeschäften eigentlich als sicher galten, die sich dann aber auf der Bank oder gar nicht erst im Kader wiederfanden, können ein Lied davon singen.

Und so versteht Urs Fischer nicht, warum er Max Kruse, fußballerisch der beste Spieler im Team, bestrafen und damit seine Mannschaft schwächen soll. Wissentlich oder unwissentlich verleiht der Trainer den Eisernen mit diesem Leistungsprinzip die vielleicht größte Stärke. Denn egal, was unter der Woche schiefläuft, wer unzufrieden ist oder Mist gebaut hat: Am Spieltag steht die stärkste und für den Gegner am unangenehmsten zu bespielende Elf auf dem Rasen. Darauf können sich stets alle verlassen. Bezeichnend: In den zweieinhalb Jahren, in denen Urs Fischer bei den Eisernen im Amt ist, gab es keinen Kicker, der über einen längeren Zeitraum mit schwächeren Leistungen in der Startelf stand.

Gleichsam ist Fischer bereit, auch eigene Befindlichkeiten dem Teamerfolg unterzuordnen. Als es zu Beginn der vergangenen Saison zwischen ihm und Stürmer Sebastian Andersson kriselte, verzichtete Fischer ebenso auf einen machtspieligen Denkzettel und der Schwede dankte es – nicht unbedingt Fischer persönlich, aber dem Klub – mit zwölf Saisontoren und dem damit durchaus verbundenen Klassenerhalt. Und wenn man den Beobachtungen des Autoren Christoph Biermann, der die Eisernen für sein Buch „Wir werden ewig leben“ ein Jahr lang hinter den Kulissen begleitete, Glauben schenkt, war der Schweizer gelegentlich tierisch von der extrovertierten, teils sogar unverschämten Art seines Torhüters Rafal Gikiewicz genervt. Dennoch verpasste der Pole in seinen zwei Jahren bei Union nur ein Ligaspiel, als es im Abgang der vergangenen Saison sportlich um nichts mehr ging.

Luthe ist der Ruhepol

Doch verlangt Fischer von seinen Schützlingen die gleiche Professionalität. So wie von Loris Karius, der den Kampf um die Nummer eins im Tor der Köpenicker vorerst verloren zu haben scheint. Karius habe, so Fischer, die Entscheidung „sportlich“ genommen – „glücklich war er jedenfalls nicht, das hätte mich aber auch gewundert“. Wie passt es mit Fischers Leistungsprinzip zusammen, dass er den auf dem Papier stärksten ihm zur Verfügung stehenden Torhüter auf die Bank setzt? „Ausschlaggebend war, dass wir mit Andreas Luthe im Tor stabil waren, eine Grundordnung und eine Balance im Team hatten, die auch auf ihn zurückzuführen war.“ Schon zuvor hatte der Trainer die Entscheidung als „Entscheidung für Luthe und nicht als Entscheidung gegen Karius“ erklärt. Der 33-Jährige blieb auch gegen Schalke der Ruhepol des Teams, vermittelte Souveränität und Sicherheit und rechtfertigte seine Wahl nachdrücklich mit diesen weichen Faktoren.

Fischers Leistungsprinzip geht also weiterhin auf. Entscheidend wird sein, dass der Schweizer Unzufriedenheiten im Team ebenso gut moderieren kann, wie er es in der Vergangenheit getan hat. Dann blieben die nervigen Fragen einiger Journalisten seine einzige Sorge.