BerlinWer auch immer dieser Tage Unions Mittelfeldabräumer Robert Andrich zuhört, beispielsweise wenn er sich zu dem bevorstehenden Derby am Freitag bei Hertha BSC (20.30 Uhr/DAZN) äußert, kommt kaum auf den Gedanken, dass der 26-Jährige eine blau-weiße Vergangenheit hat. Das in rot-weißen Kreisen gern benutzte und natürlich etwas despektierlich gemeinte Wort Charlottenburger als Synonym für die alte Dame aus dem Westend kommt ihm so leicht über die Lippen, als ob er in Köpenick geboren und rot-weißes Blut durch seine Adern fließen würde. Folglich kann sich jeder selbst ausmalen, wie heiß der gebürtige Potsdamer auf das innerstädtische Duell ist. Zumal der Stachel von der letzten Begegnung im Olympiastadion, das mit einem 0:4 aus eiserner Sicht in einem Fiasko endete, immer noch tief sitzt. 

„Ich hoffe, das motiviert alle“, meinte deshalb auch Unions Trainer Urs Fischer. Besondere Motivation hat Andrich, Unions „aggressive leader“, kaum nötig. Wie kaum ein zweiter pusht sich der 1,87 Meter große Sechser selber. Vom Stellenwert her ist er für die Eisernen durchaus mit Mark van Bommel seinerzeit bei den Bayern vergleichbar. Wobei ihm die Rolle nicht auf den Leib geschneidert schien, als er erstmals den roten Dress der Köpenicker überstreifte. 

Ein kleiner Rückblick auf den 18. August 2019: der erste Bundsligaspieltag. Folglich auch die Premiere von Robert Andrich im Oberhaus des deutschen Fußballs. Sang- und klanglos gehen die Eisernen gegen den verpönten Brauseklub aus Leipzig unter. Alle standen neben ihren Schuhen. Robert Andrich noch ein bisschen mehr als die Kollegen. So sehr, dass mancher Zeitzeuge ihn postwendend zurück nach Heidenheim schicken wollte.

Kolossaler Irrtum der Beobachter

Welch kolossaler Irrtum der Beobachter. Der Neffe des alten DDR-Oberligaspielers Frieder Andrich, 72, der zwischen 1968 und 1977 in 277 Partien für Vorwärts Frankfurt und Stahl Riesa 91 Tore erzielte, mauserte sich. 374 Tage später stehen immerhin 30 Erstligakicks und ein Tor für Andrich, der auf dem Platz weder sich noch den Gegner schont, zu Buche.  Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann für einen Novizen. Mr. Eklig wurde zu Mr. Unverzichtbar.

Andrichs größtes Manko: mangelnde Torgefahr und vor allem seine Gelbsucht. Elfmal zeigten ihm die Unparteiischen den gelben Karton. Das, so Andrich in der Vorbereitung, sollte anders werden. „Ich wurde ja immer so dargestellt, als ob ich nur aggressiv bin und gar kein Fußball spielen kann. Ich bin nicht nur dafür da, dass ich dazwischenhaue. Ich kann das schon anders“, hatte Andrich in der Sommerpause angekündigt. 

Gesagt, getan. Neun Spiele weiter ist Andrich immer noch gesetzt. Das Kartensammeln - bislang gab es erst eine für ihn - überlässt er anderen. Und Tore macht er nun auch. Mit drei Toren ist er der zweitbeste Schütze der Köpenicker hinter Max Kruse.

Eine Entwicklung, für die auch Trainer Urs Fischer Pate steht. „Ich glaube schon, dass ihm dieses erste Jahr in der Bundesliga geholfen hat. Aber auch in der Vorbereitung war es immer wieder ein Thema in den Gesprächen, dass er sich trauen muss, in die Box zu gehen“, macht der Schweizer einen Unterschied zur Vorsaison aus. 

Warnung von Trainer Urs Fischer

Ein weiteres Gesprächsthema zwischen den beiden: „Die vielen Gelben haben ihm ja auch nicht so gepasst, da waren mit Sicherheit auch solche dabei, die er als unnötig empfindet. Er hat auch dazugelernt, ohne die nötige Aggressivität zu verlieren“, so Fischer anerkennend.

Zu guter Letzt trugen natürlich auch die letzten Wochen dazu bei. „Bei allem“, so Fischer „helfen auch die Resultate. Du gewinnst an Selbstvertrauen und Überzeugung. Er hat in allen Teilen zugelegt. Aber es besteht immer noch Luft nach oben. Darauf ausruhen darf er sich nicht.“ Diese Gefahr scheint aktuell nicht besonders hoch.