Berlin - Seine Entscheidung hatte Christopher Lenz schon sehr früh getroffen. Es war Ende Januar, als der Linksverteidiger überraschend seinen Abschied vom 1. FC Union Berlin verkündete und sich für einen Wechsel zu Eintracht Frankfurt entschied. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, sagte er damals, sprach in einem Interview für seinen neuen Verein aber von einer großen Vorfreude auf die neue Aufgabe. Damals war gerade der erste Rückrundenspieltag absolviert, das Saisonende noch in weiter Ferne. Mittlerweile aber zählt Christopher Lenz die Tage bis zum 22. Mai, anders als seine Noch-Teamkollegen. Die sagen in der Kabine: „Nur noch drei Spiele, dann ist Urlaub, und denken gar nicht daran, dass ich andere Gedanken habe“, erzählte Lenz am Dienstag in einer Videokonferenz, „klar, in drei Wochen ist Urlaub, aber für mich sind es meine drei letzten.“

Gegen Wolfsburg, Leverkusen und Leipzig unsterblich machen

Die letzten drei Wochen in dem Verein, mit dem er sich durch den Aufstieg in die Bundesliga in die Geschichtsbücher eingetragen hat. Aber auch drei Wochen, in denen er noch etwas mehr mit den Köpenickern erreichen kann: den Einzug ins europäische Geschäft. „Nicht nur ich persönlich, sondern wir als Mannschaft machen uns fast unsterblich, wenn wir das jetzt schaffen würden“, sagt der Linksverteidiger, „im zweiten Jahr in der Bundesliga sowas zu erreichen, wäre unglaublich.“ Dafür aber braucht es die maximalen Punkte gegen Wolfsburg, Leverkusen und Leipzig. Die Früchte allerdings würden andere ernten. Die Mitspieler, die auch über den Sommer hinaus bleiben. Und natürlich die Spieler, die von den Eisernen noch verpflichtet werden. Torwarttalent Alexander Nübel soll ein Kandidat sein, dessen Dienste sich die Unioner auf Basis eines Leihgeschäfts mit dem FC Bayern München sichern wollen.

Diese möglichen Wechselspielchen spielen freilich für Christopher Lenz jetzt keine Rolle mehr. Für ihn geht es in ein paar Wochen in Frankfurt weiter. Eventuell in der Champions League, in jedem Fall aber in der European League. Für jemanden, der sich bei den Unionern zu einem gestandenen Bundesligaspieler entwickelte, ist das das nächste Level. Und weil die Perspektive auf einen der europäischen Wettbewerbe im Januar in Frankfurt größer als bei den Unionern war, hatte er sich letztendlich für den Wechsel von der Spree an den Main entschieden.

Natürlich hätte er auch in Berlin bleiben können. Bei den Unionern, bei der Familie, den Freunden und dem gewohnten Umfeld, in dem er weiß, wie er seine Schritte zu setzen hat. Das wäre aus seiner Sicht der bequemere Weg gewesen. Grundsätzlich aber sei er ein Typ, der immer nach mehr strebt und der es im Nachhinein nicht bereuen wolle, eine solche Chance nicht ergriffen zu haben. „Und deshalb bin ich der Meinung, dass Frankfurt für mich der nächste Karriereschritt ist, um auch mal international zu spielen und mir damit einen Kindheitstraum zu erfüllen“, so der 26-Jährige. Wobei er sich bei dem rasenden Tempo, welches die Unioner in ihren ersten zwei Bundesliga-Jahren hingelegt haben, diesen Traum möglicherweise auch in Berlin hätte erfüllen können. 

Christopher Lenz hat bereits eine Wohnung in Frankfurt

Aber die Wahl ist längst gefallen, die Wohnung in der neuen sportlichen Heimat bereits gefunden. Und so konnte Christopher Lenz die vier freien Tage in der vergangenen Woche noch einmal in Berlin verbringen. Die waren schön, aber natürlich ist er im Moment etwas nachdenklicher. So groß die Vorfreude im Januar auf die neue Herausforderung war, so stark wächst jetzt der Gedanke an den nahenden Abschied aus Köpenick, aus der Alten Försterei, die er sogar mit ihren besonderen Fans erleben durfte.

Dass sie jetzt bei seinem letzten Auftritt am 22. Mai im letzten Heimspiel der Saison gegen RB Leipzig nicht dabei sein werden, sei „emotional sogar besser für mich“, weil der Abschied vor leeren Rängen nicht ganz so sehr schmerzt wie vor ausverkauftem Haus. Wenn Christopher Lenz danach seinen Spind ausräumt, wird er wenig Materielles, dafür aber viele Erinnerungen mitnehmen. Und wenn es perfekt läuft auch die Qualifikation für Europa geschafft haben.