Vorsicht, 1. FC Union: Platz eins ist ein Segen, war aber auch schon Fluch

Die Eisernen sollten wissen, dass es alles schon gab: Aufstieg und Meister, Meister und Abstieg und alles auf der Achterbahn der Gefühle.

Beim 1. FC Union Berlin sollten die Spieler Siege wie das 2:0 gegen den VfL Wolfsburg und die Tabellenführung in der Bundesliga genießen.
Beim 1. FC Union Berlin sollten die Spieler Siege wie das 2:0 gegen den VfL Wolfsburg und die Tabellenführung in der Bundesliga genießen.Imago/Matthias Koch

Spaßbremsen sind nirgendwo gern gesehen. Erst recht nicht dieser Tage in Köpenick. Dabei ist eines schon mal klar: Der 1. FC Union ist als Spitzenreiter der Bundesliga alles andere als eine Eintagsfliege. Damit steht zugleich fest, dass die Eisernen im Platz-1-Ranking den SC Paderborn und den FC St. Pauli – auch die lagen mal vorn, allerdings eben nur an einem Spieltag – überholt und zum SC Freiburg, ihrem Tabellenführer-Vorgänger, aufgeschlossen haben. Dazu kommen als Teams, die das Oberhaus in ihrer Vereinshistorie gleichfalls an zwei Spieltagen angeführt haben, Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen. Die einen, um auch das nicht unerwähnt zu lassen, schreiben sich tatsächlich Weiss und die anderen Weiß.

Höhen und Tiefen in Essen, bei 1860 oder St. Pauli

Auf ihre Weise haben alle Geschichte geschrieben. Paderborn deshalb, weil die Ostwestfalen acht Jahre in Folge immer in einer anderen Liga gespielt hätten, wäre ihnen nicht 2017 der Lizenzentzug von 1860 München zu Hilfe gekommen. Von 2013/14 sieht die Achterbahnfahrt so aus: 2. Bundesliga, Aufstieg, Abstieg, Abstieg, 3. Liga, Aufstieg, Aufstieg, Abstieg. St. Pauli ist auf immer der Weltpokalsiegerbesieger. Freiburg ist der Verein, der seine Trainer zu Methusalems werden lässt. Seit 1991 ist Christian Streich dort erst der vierte Trainer. Essen spielte in der Bundesliga nie eine wichtige Rolle, war aber 1955 in der Premierensaison des europäischen Meisterpokals dort der erste deutsche Teilnehmer. Oberhausen schaffte nur vier Jahre oben, stellte aber 1970/71 mit Lothar Kubluhn zu einer Zeit den Torschützenkönig, als der beste Torjäger zuvor zweimal und danach dreimal Gerd Müller hieß.

Das bedeutet für den 1. FC Union vor allem: Erstens sollen die Eisernen mitsamt ihren Anhängern den Moment natürlich weiterhin genießen, sie sollen zweitens aber wissen, dass nichts in Stein gemeißelt und schon gar nicht für die Ewigkeit ist. Noch nämlich bewegen sich die aus der Alten Försterei dort, wo die Geschichte um Platz eins ausgesprochen fragil ist. Zugleich gibt es Vereine, die waren wie Bayer Leverkusen 73-mal, Schalke 59-mal und Eintracht Frankfurt, am Sonnabend der nächste Gegner der Rot-Weißen, 55-mal ganz vorn, in der Bundesliga aber nie Meister.

Es ist ein Kunststück, ganz nach oben zu kommen. Dazu braucht es Können, Klasse, Kontinuität, die richtigen Leute an den richtigen Hebeln und die unvermeidliche Portion Glück. Um sich jedoch über Jahre oben zu halten, braucht es von allem mindestens dreimal so viel. Dass es nach unten nämlich viel schneller gehen kann als nach oben, zeigt die Bundesliga schonungslos. Das Beispiel mit dem größten Abschreckungspotenzial ist noch immer der 1. FC Nürnberg, der 1968 Meister geworden war und eine Saison später abstieg. Aber auch 1860 München (1966 Meister, 1970 Absteiger) und Eintracht Braunschweig (1967 oben, 1973 nach unten) sind bald nach ihrem Triumph abgeschmiert. Viel turbulenter hat es der 1. FC Kaiserslautern hinbekommen: 1991 Meister, 1996 Absteiger und Pokalsieger, 1997 Aufsteiger, 1998 Meister, 2006 Absteiger, 2018 Absteiger in die 3. Liga, 2022 Aufsteiger in die 2. Bundesliga. Um das auszuhalten, muss ein Fan einen glänzenden Kardiologen haben und einen aufgeweckten Seelendoktor.

Der 1. FC Union kann derzeit kräftige Böen überstehen

Das ist, schon klar, pure Schwarzmalerei. Allerdings ist der 1. FC Union anno 2022 derart in sich gefestigt, mit der Alten Försterei geradezu verwurzelt, dass immer stärker das Gefühl wächst, selbst kräftigere Böen zu überstehen. Man nehme nur den trotz der Erfolge überaus nüchternen Kapitän Christopher Trimmel, den in sich ruhenden Trainer Urs Fischer oder den geradezu im Verborgenen arbeitenden Manager Oliver Ruhnert.

Trotzdem kann Platz eins Segen sein und, wie die Geschichte zeigt, ein wenig auch Fluch. Für Spaßbremsen ist es dennoch nicht die Zeit, weil der 1. FC Union gerade dabei ist, fleißig an einer nahezu einmaligen Erfolgsgeschichte zu schreiben.