Vorsicht, Falle! Union tut sich oft schwer mit „einfachen“ Gegnern  

Der Tabellenführer 1. FC Union spielt beim Schlusslicht in Bochum. Erst fünfzehnmal in der Bundesligageschichte hat der Letzte den Ersten besiegt. Aber ...

Fußball-Bundesliga Saison 2022/2023, 1. FC Union Berlin
Fußball-Bundesliga Saison 2022/2023, 1. FC Union BerlinIMAGO/opokupix

Verrückter geht es kaum noch, was in diesem Spieljahr rund um den 1. FC Union Berlin passiert. Tabellenführer in der Bundesliga sind die Eisernen, das hat sich inzwischen vom hintersten Winkel des Schwarzwaldes bis auf die entfernteste ostfriesische Insel Borkum herumgesprochen. Auch dass die Rot-Weißen die meisten Siege eingefahren haben bisher, nämlich sieben, und dass sie die stabilste Abwehr mit den wenigsten Gegentoren, nämlich sechs, stellen, haben gegnerische Trainer und jede Menge Experten genauestens analysiert.

Inzwischen hat man sich an der Alten Försterei von der Ursprünglichkeit der Tabellensituation gelöst. Weil es bei einem Vier-Punkte-Vorsprung auf den Nahezu-immer-Ersten und den Fast-immer-Meister FC Bayern mindestens einen weitere Spieltag so bleiben wird, macht sich hier und da bereits so etwas wie Übermut breit. Schon tauchen erste freche Sprüche auf wie etwa der: Aus eigener Kraft können die Bayern nicht mehr den Titel holen.

Dahinter verstecken sich gleich mehrere Wahrheiten. Die erste: Die Männer um Trainer Urs Fischer müssten, um allen Eventualitäten aus dem Weg zu gehen, dafür alle ausstehenden Spiele gewinnen – bis auf das bei den Bayern. Das könnten sie dann großzügig abschenken. Die zweite: Wer das annimmt, ist bestenfalls ein Träumer. Die dritte: Solch eine rot-weiße Union-Brille muss erst noch hergestellt werden. Schließlich die vierte, wozu es keinerlei prophetischer Gaben bedarf: So wird es auf keinen Fall eintreten. Allerdings: Ihre Frotzeleien und Späßchen dürfen die Anhänger getrost machen, denn es ist ja das erste Mal, dass sich Union in einer derart komfortablen Situation befindet. Also: Auskosten. Genießen. Spaß haben.

Eine ganz andere Wahrheit ist: Siege gegen eigentlich überlegene Gegner oder zumindest solche, mit denen man sich auf Augenhöhe wähnt, fallen manchmal leichter. Der Druck ist zwar ebenso vorhanden, aber wenn eine Blamage drohen könnte, ist die Sache viel heißer. Insofern steht der 1. FC Union am Sonntag ab 15.30 Uhr beim VfL Bochum vor einer diffizilen Aufgabe. Nichts ist mehr damit, dem Gegner die Favoritenrolle zuzuschieben. Wenn der Spitzenreiter beim Schlusslicht antritt, gibt es nur eines: drei Punkte und ab nach Hause.

Zuletzt gewann der Letzte aus Cottbus gegen den Ersten aus Leipzig

Im Duell Erster gegen Letzter hat zumeist der Primus das bessere Ende für sich, völlig klar. Ein Spaziergang aber ist es selten. Und es kommt auch schon mal vor, dass der mit der Roten Laterne dem ganz oben eine übergebraten und hinterher umso ausgelassener gejubelt hat. Fünfzehnmal in 59 Bundesligajahren hat ein Schlusslicht gegen einen Spitzenreiter gewonnen. Viermal hat es dabei die Bayern erwischt. Naja, sie waren schließlich auch mit deutlichem Abstand am häufigsten Spitzenreiter und sind dadurch so oft wie kein anderes Team in diese Lage gekommen.

Angefangen hat das im Spieljahr 1963/64, der Premierensaison, als der 1. FC Köln auf dem Weg zum Meistertitel nur zwei Partien verlor, eine davon zu Hause gegen den da schon abgeschlagenen 1. FC Saarbrücken, der am Ende krachend abstieg. Nürnberg hat es als Tabellenletzter zweimal geschafft, den Ersten zu schlagen, 1968/69 die Bayern mit 2:0 und zehn Jahre später den VfB Stuttgart mit 1:0. Auch Duisburg hat sich als Schlusslicht in frühen Jahren einen Namen als Tabellenführerbesieger gemacht, und zwar in der Saison 1969/79 gleich doppelt, auch wenn die damaligen Ersten mit Hannover 96 und Rot-Weiß Oberhausen alles andere als die Aura eines Giganten haben.

Ebenso hat es Wolfsburg zweimal gepackt. Im Herbst 2001 hat der VfL den 1. FC Kaiserslautern am achten Spieltag mit 2:0 geknackt, nachdem die Pfälzer die sieben Spiele zuvor sämtlich gewonnen hatten, in der Saison 2006/07 haben sie den Bayern mit 1:0 einen Dämpfer verpasst. Auch an die Lausitz werden die Münchner kaum beste Erinnerungen haben. Bei Energie Cottbus setzte es 2000/01 ein 0:1 und 2007/08 gar ein 0:2. Das bisher letzte Mal, dass ein Letzter dem Ersten den Tag vermiest hat, ist noch gar nicht so lange her. Vor sechs Jahren schickte der FC Ingolstadt, der trotzdem abstieg, die Rasenballer aus Leipzig mit einem 0:1 zurück nach Hause.

Ungewohnt ist die Situation für den 1. FC Union gleich doppelt, denn in ihren bisherigen 112 Partien in der Bundesliga ist der Gegner in den seltensten Fällen davon ausgegangen, dass die Eisernen das Spiel gestalten. Selbst aktuell ist das alles andere als ihr dringlichstes Vorhaben. Der Ballbesitz zuletzt beim 2:0 gegen Borussia Dortmund lag bei 23:77 Prozent, beim 1:1 gegen die Bayern bei 25:75 und beim 2:1 gegen Leipzig bei 26:74. Selbst Schalke hatte, obwohl die Köpenicker in Gelsenkirchen 6:1 dominierten, einen 59:41-Vorteil.

Was vom Ballbesitz indes im Ernstfall zu halten ist, zeigt das 0:2 bei Eintracht Frankfurt. Es war das einzige Mal, dass das Team um Kapitän Christopher Trimmel öfter den Ball hatte als der Gegner, aber auch nur deshalb, weil die Hessen am Ende einen Mann weniger auf dem Platz hatten. Insofern ist Ballbesitz nicht unbedingt die Kategorie, mit der Spiele gewonnen werden.

Eine völlig andere Sache sind Spiele gegen Kellerkinder, vor allem für die Eisernen. Rückblick: In der ersten Bundesligasaison, Partie bei Mitaufsteiger Paderborn, der sich gerade von Abstiegsplatz 18 auf Abstiegsplatz 17 geschlichen hatte, erreichte das damalige Team von Immer-Unioner Steffen Baumgart mit Mühe ein 1:1. In der nächsten Saison war Schalke dabei, saisonübergreifend einen neuen grandiosen Rekord an sieglosen Spielen abzuliefern, und wieder gab es keinen Dreier für Union, sondern zweimal ein 1:1. Im dritten Spieljahr dann Greuther Fürth, der Neuling, der bis zum Besuch des 1. FC Union keines seiner 23 Heimspiele gewonnen hatte, längst abgeschlagener Letzter war, und dann verlor Union mit 0:1. Das Rückspiel endete 1:1.

Die Dauerbelastung gefühlt mit einem Lächeln wegstecken

Nun also Bochum. Die zweite Saison für den VfL nach dessen Aufstieg 2021. Die Euphorie ist erst einmal dahin und Aufstiegstrainer Thomas Reis weg. So sprechen die belastbaren Dinge – Ballbesitz hin, Effektivität her – eindeutig für die Eisernen. Außerdem haben sie ihre Pokalaufgabe gegen den Zweitligisten Heidenheim am Mittwoch mit 2:0 seriös gelöst. Auch wenn die Köpenicker bereits ihr siebzehntes Saisonspiel bestreiten, schwere Beine kennen sie nicht und müde sind sie noch lange nicht. Es grenzt nahezu an ein Wunder, dass sie die Dauerbelastung gefühlt mit einem Lächeln wegstecken.

Der VfL, der immerhin auch dreimal Tabellenführer war (zuletzt allerdings vor zwanzig Jahren), steht mit erst vier Punkten mehr als jedes andere Team mit dem Rücken zur Wand. Mit Thomas Letsch haben sie im Pott einen neuen Trainer. Bei seiner ersten Station im deutschen Berufsfußball ging allerdings so ziemlich alles schief. 2017 begann er bei Zweitligist Aue mit ganz viel Euphorie, musste das Erzgebirge nach drei Niederlagen in den ersten drei Spielen aber prompt wieder verlassen. Die Rechnung war für Letsch, er ist Mathematiklehrer, ganz und gar nicht aufgegangen.

Kann sein, dass diesmal alles anders für ihn wird. Seltsam kann der Fußball nämlich immer wieder sein. Allein dieses Beispiel macht das manchmal Verrückte mehr als deutlich. Die Eisernen als Erster haben erst ein Spiel verloren: gegen Frankfurt. Die Bochumer als Letzter haben erst ein Spiel gewonnen: gegen Frankfurt. Mit anderen Worten, auch wenn Über-Kreuz-Vergleiche rein gar nichts besagen: Der Neue beim VfL könnte seinem Kollegen Urs Fischer durchaus die eine oder andere taktische Knobelei stellen. Es sollte für den Union-Trainer und sein Team bei aller Vorsicht und allem Respekt dennoch keine Aufgabe mit zu vielen Unbekannten werden.