Der 1. FC Union Berlin hat vergangene Saison eine Spielzeit hingelegt, die eigentlich kaum getoppt werden kann. Wenn man sich die Videointerviews mit Urs Fischer und Oliver Ruhnert aus dem Mai 2022 anschaut, bekommt man regelrecht Gänsehaut beim Anblick ihrer Reaktionen vor den Fans, der Gerührtheit und der spürbaren Überwältigung von Trainer und Geschäftsführer angesichts der schier umwerfenden Erfolge. Fünfter Platz in der Bundesliga und das Ticket für die Europa League. Unglaublich! Damit hat Union Berlin die erfolgreichste Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte hingelegt.

Und was jetzt? Die Träume bei den Fans sind groß. Champions League! DFB-Pokal! Meisterschaft! Zeitweise herrscht wiederum die Angst, dass die Glückssträhne bald zu Ende sein könnte. Immerhin: Das Selbstbewusstsein wächst. Noch kurz vor dem Einzug in die Bundesliga (Spielzeit 2019/20) gab sich fast jeder Unioner bescheiden. Vereinspräsident Dirk Zingler teilte mit Trainer Urs Fischer die Devise aus, vor allem den Klassenerhalt erreichen zu wollen. Es war so, als ob die erstmalige und damit historische Präsenz in der Bundesliga dem vergleichsweise kleinen Verein ein wenig Angst gemacht hätte. So als könnten die neuen Erfolge die Intimität, den Zusammenhalt unter den Fans, das eingeschworene Gemeinschafts- und, ja, auch das Heimatgefühl gefährden.

„Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union.“

Vereinspräsident Zingler hat mit seiner herzlichen und manchmal auch ruppigen Art dafür gesorgt, dass der Club, und mit ihm die Mitglieder, Spieler, Trainerstab und Fans, auf dem Boden geblieben sind. Zugleich war es genau diese geerdete Einstellung, die dazu beigetragen hat, dass der Verein über sich hinauswachsen konnte, ohne zugleich seine DNA zu verlieren. Anders als etwa künstlich finanzierte und aufgeblasene Vereine wie RB Leipzig, die das Gegenteil von Union Berlin verkörpern, ist Union „echt“ geblieben. Das spürt man. Das sieht man.

Woran liegt nun der Erfolg vom 1. FC Union Berlin? Was macht seinen Charme aus? Klar, man könnte jetzt auf den Korpsgeist verweisen, den Dirk Zingler immer wieder beschwört. Die bescheidene Art des Trainers. Die klugen Entscheidungen von Manager Ruhnert. Die unglaubliche Fankultur. All das stimmt, und doch ist es nur ein Teil der Erklärung. Wer den Erfolg vom 1. FC Union Berlin verstehen will, der muss auch begreifen, dass der unbeirrbare Sonderweg des Clubs eng mit den Transformationserfahrungen von der DDR in die Bundesrepublik verwoben ist. Nicht umsonst heißt es in der Hymne: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union.“

Auch mal gegen den Strom schwimmen

Das ist ernst gemeint. Der 1. FC Union Berlin hat es geschafft, mit Herzblut, Engagement und der Geduld für einen langsamen Aufstiegsweg immer größere Erfolge zu feiern, ohne sich den korrupten Verlockungen des Geldgebertums hinzugeben. Zugleich hat der Club sein Erbe als Ost-Club niemals verleugnet und sich nicht den Gepflogenheiten des westdominierten und turbokapitalistisch geprägten Fußballs angepasst.

Langsames Wachstum und Geschichtsbewusstsein, aber auch der Wille dazu, seinen eigenen Weg zu gehen, machen den Erfolg des Clubs aus. Wer einmal geschnallt hat, dass Systeme untergehen können (wie die DDR), wer skeptisch auf die Realität da draußen blickt und weiß, dass alles, wirklich alles vergänglich ist, der hat ein dickeres Fell und schaut auf Erfolge mit der notwendigen Skepsis und Erdung. Der Schriftsteller Robert Musil würde sagen, dass Menschen mit einer Erfahrung, wie sie die Menschen im Osten gemacht haben, einen feineren Möglichkeitssinn entwickeln. Sie haben Fantasie und bleiben dennoch bei sich.

Eine nahezu archaisch wirkende Rückgrathaftigkeit

Manchmal wirkt der 1. FC Union Berlin wie eine eingeschworene Gemeinde, in die man nicht so leicht Zugang findet. Aber wenn man erst einmal die Codes versteht, wenn man die Schwelle überschreitet und sich einlässt auf den Wertekanon und die Spielregeln, die vor allem die Fans diktieren (und bei denen Heimat und Zugehörigkeit einen höheren Stellenwert haben als Geld und Erfolg um jeden Preis), dann kann man gar nicht anders, als der Anziehungskraft des Vereins zu erliegen.

Der Geist des Clubs, gepaart mit der Inspirationskraft des Präsidenten Dirk Zingler, gibt jedem Zuschauer das Gefühl, als würde die nahezu archaisch wirkende Rückgrathaftigkeit die DNA dieses Clubs sein. Die Spitzenfunktionäre lassen sich nicht manipulieren, laufen keinen Trends hinterher. Eher das Gegenteil ist der Fall. An der Alten Försterei ist man bereit, anzuecken und auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Das gibt es im Profifußball wirklich selten.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Natürlich ist es da leicht, als Gegenbeispiel Hertha BSC zu bemühen. Schon das Olympiastadion sieht so aus wie die Stein gewordene Anti-These zur Alten Försterei, ein anonymes architektonisches Ungetüm, das als Allzweckarena den Profitanspruch des Profifußballs geradezu archetypisch beschreibt. Hertha BSC: Ein Club, der sich nicht zu schade war, den Großinvestor Lars Windhorst zum Geldausgeben einzuladen, nur um festzustellen, dass Geld so etwas wie Werte und Geschichte, Geradlinigkeit und Fankultur nicht kaufen kann. Das Ergebnis lässt sich anhand der Tabelle der vergangenen Spielzeit ablesen. Und vieles spricht dafür, dass es auch in der kommenden Spielzeit für Hertha BSC nicht besser aussehen wird. Die Zeit wird es zeigen.

Und für Union? Die Zeichen stehen auf Erfolg. Ihre Bodenhaftung und Bescheidenheit verlieren die Clubfunktionäre trotzdem nicht, und das macht sie resilient. Denn sie wissen: Fußball hat immer auch mit Glück zu tun. Und selbst wenn es nicht so gut laufen sollte, ruhen die Strukturen im Club auf einem derart festen Fundament, dass der Erfolg auch mal eine Zeit lang ausbleiben darf. Denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Beim 1. FC Union Berlin gilt dieser Spruch ganz besonders.

Anstoß im Stadion An der Alten Försterei ist am Samstag, um 15.30 Uhr. Um das Spiel live im TV zu sehen, benötigen Sie ein Sky-Abo.

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