Als Dirk Zingler das Präsidentenamt antrat, war der 1. FC Union fast bankrott. Seitdem hat sich die Mitgliederzahl verdreifacht, die Zahl der Stadionbesucher wuchs allein in den vergangenen zwei Jahren um ein Viertel. Die Anziehungskraft der Marke 1. FC Union Berlin ist so stark wie nie, und die Mannschaft hat vor dem letzten Spiel des Jahres am heutigen Sonnabend gegen Arminia Bielefeld (13 Uhr) Kontakt zu den Aufstiegsrängen.

Herr Zingler, was ist komplizierter: Überlebenskampf oder Wachstumsgestaltung?

Es gab noch nie einen Union-Präsidenten ohne Bauchschmerzen, weil der Verein immer gute und schlechte Phasen hat. Die ersten Jahre waren wirtschaftlich äußerst instabil. Diese existenzbedrohenden Bauchschmerzen sind Gott sei Dank weg. Deshalb lässt es sich einfacher arbeiten. Sportliche Bauchschmerzen gibt es bei jeder Niederlage. Da grummelt es immer.

Heutzutage empfangen Sie die Mitglieder in der eigenen Stadionlounge und präsentieren ihnen in allen unternehmerischen Kategorien Rekordzahlen. Können Sie sich zufrieden zurücklehnen?

Es gibt keinen härteren Wettbewerb in Deutschland, als den um die 36 Plätze im Profifußball. Ich glaube, dass der deutsche Profifußball eine tolle Erfolgsstory ist – national und international. Wenn du zu diesen 36 Vereinen gehörst, ist das etwas ganz Besonderes. Aber du darfst dich nicht eine Sekunde zurücklehnen. Viele Traditionsmannschaften, die heute noch dritt- oder viertklassig spielen, investieren in Infrastruktur und holen sich Investoren, wie jetzt Jena. Man kann sich in keiner unternehmerischen Branche zurücklehnen, und dazu gehört auch der Fußball.

Gibt es eine Strategie, in welche Richtung der Verein weiterwachsen möchte? Liegt der Fokus auf Brandenburg oder Berlin?

Es gibt keine regionalen Strategien. Union als Verein ist sehr vielfältig und spricht Menschen an, die noch eine bestimmte Art von Fußballkultur lieben. Die leben in Berlin, in Brandenburg, im Ausland – eigentlich überall.

Authentisch bleiben, auf diejenigen hören, die auch in schlechten Zeiten ins Stadion kommen – Sie kultivieren die Außenseiterrolle.

Wir wollen das sein, was wir nun mal sind. Es wundert mich, dass es immer wieder interpretiert wird als Mittel zum Zweck − für uns ist es das nicht. Ein wesentlicher Erfolgsgrund liegt darin, dass wir eben keine Strategien verfolgen, nicht mit Marketingagenturen zusammenarbeiten. Stattdessen lassen wir jeden so sein, wie er ist. Das ist für denjenigen, der das von Außen wahrnimmt nicht einfach. Aber es ist mir am Ende aber lieber, als alle unter einer Medienkommunikation zu vereinen. Die große Mehrheit der Mitarbeiter bei Union tritt nicht in der Öffentlichkeit auf, prägt aber sehr wohl den Verein.

Dennoch: Der Erfolg bringt Zwänge mit sich. Mit der Haupttribüne hat der Luxus bei Union Einzug gehalten, eine finanzielle Elite strömt ins Stadion. Ist das kein Problem für einen Arbeiterklub?

Für mich ist das kein Widerspruch. Warum darf denn ein reicher Unioner nicht reich sein und auf einem Ledersessel sitzen. Wir grenzen niemanden aus. Der gemeinsame Nenner ist die Liebe zum Verein. Die wird vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Millionär getragen.

Passt der Kommerz zu Union?

Es ist immer die Frage, was man darunter versteht und wie man es lebt. Natürlich ist der 1. FC Union ein wirtschaftliches Unternehmen und hat die Absicht, so viele Einnahmen wie möglich zu erzielen, um immer besseren Sport darbieten zu können. Das ist unser Unternehmenszweck.

Und der Mangel – eine Mannschaft, die verlieren darf – ist das Verkaufsargument?

Ich weiß nicht, ob das ein Verkaufsargument ist, wenn man Dinge einfach beim Namen nennt. Wir sind Teil des normalen Lebens, bei uns ist nicht alles perfekt. Wenn man sich das traut zu sagen, wird das sofort umgekehrt, und gesagt: jetzt verkaufen die ihr Nicht-Perfekt-Sein. Keinem Fußballer gelingt jeden Tag das perfekte Spiel, genau so wie keiner von uns jeden Tag perfekt ist. Das sollte sich jeder vors Auge halten, wenn er Ansprüche an andere formuliert.

Mit St. Pauli gibt es einen anderen Verein, bei dem Niederlagen lange Zeit cool waren. Wie lange kann man das durchhalten?

Die Grenze wird sich aus der Veränderung der Menschen ergeben. Wenn man zulässt, dass der Verein das ist, was die Menschen sind, dann verändert sich der Verein nur, wenn sich die Menschen verändern. Wenn wir die 0:3-Niederlage gegen Kaiserslautern zum Kult machen würden, würden wir uns nicht so verhalten, wie wir empfinden. Man muss darauf achten, dass alle Leute, die hier arbeiten, sich nicht so stark von den Medien, der Öffentlichkeit und dem Mainstream vereinnahmen lassen. Wir sollten möglichst wir selbst bleiben, dann werden wir auch um uns herum eine Atmosphäre und ein Produkt Fußball schaffen, das sich so stark nicht verändern wird.

Bei der angesprochenen Pokalniederlage gegen Kaiserslautern haben einige Zuschauer vor dem Ende das Stadion verlassen. Ein Tabu-Bruch.

Es wurde gepfiffen, weil ein paar Sitzplatzzuschauer drei Minuten eher rausgehen, und dann erahnen die Medien gleich ein Bröckeln der Unionfamilie. Aber in solch kurzen Abschnitten denken wir gar nicht.

Sondern?

Dinge verändern sich, Berlin verändert sich, es kommen neue Menschen, die testen das hier mal aus. Wir sind doch Teil dieser Stadt. Wie sich die Dinge im Leben entwickeln, so entwickeln sie sich auch hier. Wer irgendwann neu hierherkam, hatte die Weisheit und die Union-Gesetze nicht mit dem Löffel gefressen. Wer zum ersten, zweiten oder dritten Mal kommt, verhält sich anders als derjenige, der schon 40 Jahre hier ist. Wenn ersterer darauf hingewiesen wird, dass man bei Union nicht vor dem Schlusspfiff geht, ist das doch toll.

Union ist der Fanfreundverein der Stunde. Im letzten Jahr organisierte Union den bundesweiten Fan-Gipfel, parallel dazu trafen sich Ultra-Vertreter in Köpenick.

Natürlich setzen wir uns für Faninteressen ein und haben eine eigene Kulturvorstellung von Fußball. Trotzdem haben wir auch Fans, die sich daneben benehmen. Es ist nicht alles Schwarz und Weiß. Uns geht es um grundsätzliche Werte, die ein Verein verkörpert.

Nach dem Konflikt zwischen Union-Fans und Polizisten in Kaiserslautern, gab es beim nächsten Heimspiel diffamierende Sprechchöre in Richtung Polizei.

Diese Sprüche höre ich weder bei uns noch in anderen Stadien zum ersten Mal. Ich verurteile sie, wie jede andere undifferenzierte Beurteilung. Wir haben insbesondere zur Berliner Polizei einen sehr guten Kontakt. Deshalb ist die Aussage, dass alle Bullen Schweine sind, schwachsinnig. Genauso wie die Aussage, dass alle Ultras Problemfans sind. Die Differenzierung im gegenseitigen Umgang ist die zwingende Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit.

Ultras, Familien, Gelegenheitsbesucher. Ist es schwierig die Gemeinsamkeit zu bewahren und zu verhindern, dass es wie bei St. Pauli zu Konflikten zwischen verschiedenen Fangruppen kommt?

Ich will das eigentlich gar nicht immer mit St. Pauli vergleichen. Ich glaube, dass wir eine gewachsene Fankultur haben. Bei uns haben die Ultras auch eine ganz andere Bindung zum Restverein. Zwischen den alten Fanklubs und den Ultras herrscht unheimlich viel Kommunikation. Bei uns gibt es nicht den Fanklub, der die Fanszene dominiert. Bei anderen hörst du ausschließlich den Ultra-Block.

Sie sagten jüngst, dass Sie Angst hätten, Chancen nicht zu erkennen. Muss Union in der Winterpause handeln und Spieler verpflichten?

Das meinte ich damit nicht. Wir wussten alle, dass es eine Transferperiode im Winter gibt. Das überrascht uns nicht nach dem Motto: Ich kann Chancen nicht erkennen.

Aber sie wussten vielleicht nicht, dass Union mit Kontakt zu den Aufstiegsplätzen in die Winterpause geht. Ist das nicht eine Chance, die es sich zu ergreifen lohnt?

Wir waren bis Oktober unter den ersten drei. Es war von Anfang an zu erkennen, dass wir oben mitspielen können. Auch die Phase im November (mit fünf sieglosen Partien, d. Red.) kam für uns nicht überraschend. Wenn wir sagen, dass es im Fußballsport immer gute und schlechte Zeiten gibt, hört das keiner. Stattdessen heißt es: Die Feiglinge trauen sich nicht, über den Aufstieg zu reden. Wir haben keinen Kader, bei dem wir davon ausgehen können, dass jeder Spieler 34 gleich gute Spiele macht.

Wie sieht das „vernünftige Risiko“ aus, das Sie bereit sind einzugehen?

Wenn ich die Erste Liga erreichen möchte, und das scheitert, möchte ich bitte nicht in die Dritte Liga zurückfallen. Das Erreichte sollte man nicht leichtfertig aufgeben, nur weil man noch weiter kommen möchte.

Schreckt sie denn das Beispiel von Braunschweig? Letzte Saison souverän aufgestiegen, ist die Mannschaft nun Punktelieferant.

Es gibt in jeder Saison gute und schlechte Beispiele. Letztes Jahr Fürth, davor St. Pauli, die durchgereicht wurden. Auf der anderen Seite gibt es Augsburg. Die kämpften zwei Jahre gegen den Abstieg und spielen jetzt im dritten Jahr eine tolle Saison. Wenn wir es mal geschafft haben, würde ich mir wünschen, dass wir zu den guten Beispielen gehören.

Torsten Mattuschka hat einen neuen Kontrakt bekommen. Braucht Union einen wie ihn, um zu überleben?

Der Fußball als öffentliches Produkt braucht Gesichter. Gerade unser Verein, braucht Menschen, die ihn verkörpern. Dazu gehört Tusche. Aber Gesichter, das meine ich nicht despektierlich, sind nur das Abfallprodukt. Entscheidend ist, dass Tusche ein erfolgreicher Fußballer ist. Und das sind andere auch. Als Erstes zählt immer das sportliche Ergebnis auf dem Rasen. Für das Überleben des Vereins ist der erfolgreiche Fußballer wichtig, nicht das Gesicht.

Wären mit dem Aufstieg alle Ziele erreicht?

Die Entwicklung von Union, auch die infrastrukturelle, ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden weiter investieren und bauen. Wir müssen uns auch Gedanken darüber machen, wie Union in fünf oder zehn Jahren aufgestellt ist, personell und infrastrukturell. Das betrachte ich als meine Aufgabe. Natürlich beschäftigt einen das Heute, aber die Aufgabe eine Vereinsführung ist insbesondere sich über das Morgen Gedanken zu machen.

Das Gespräch führte Max Bosse.