Seit Sonntagnachmittag hat der Zweitligist 1. FC Union Berlin ein Luxusproblem. Und was das bedeutet, lässt sich noch immer am Besten mithilfe des Dudens auf den Punkt bringen. In der Online-Ausgabe des Wörterbuchs steht unter der Rubrik Bedeutungen, Beispiele und Wendungen jedenfalls Folgendes geschrieben: „… Problem, das im Vorhandensein mehrerer guter Lösungsmöglichkeiten in einer besonders günstigen Gesamtsituation besteht.“ Und siehe da, als einziges Beispiel wird gleich auch noch eines aus dem Sport angeführt: „… drei hervorragende Torhüter zur Auswahl zu haben, ist für den Trainer zum Luxusproblem geworden.“

Bei den Eisernen ist das freilich ein bisschen anders gelagert. Ein Luxusproblem lässt sich im Team von Trainer Jens Keller zurzeit in der Offensive ausmachen, im Besonderen, weil es seit Sonntagnachmittag die Gewissheit gibt, dass es nicht mehr unbedingt Collin Quaner oder Philipp Hosiner heißen muss, sondern eben auch Collin Quaner und Philipp Hosiner heißen kann. Der in der 73. Minute eingewechselte Quaner und Hosiner entwickelten in der Schlussviertelstunde nämlich gemeinsam eine bemerkenswerte Wucht, die den Berlinern in der Auseinandersetzung mit Hannover 96 letztlich den 2:1-Sieg brachte.

Quaner traf zum 1:0, Hosiner nach Vorarbeit von Quaner zum 2:0, was Keller in die Verlegenheit brachte, im Anschluss an die Partie allerlei personenbezogene Fragen beantworten zu müssen. „Klar, wir sind froh, dass durch die Verletzung sein Lauf nicht unterbrochen wurde. Aber mir ist das zu einfach, einfach nur auf Collin zu zeigen“, sagte der 45-Jährige. Die ganze Mannschaft habe „super gegen den Ball gearbeitet“, und auch Hosiner und Kenny Prince Redondo wären immer wieder „in die Schnittstelle tief gegangen“. Wie er die beiden Protagonisten des fesselnden Spitzenspiels am kommenden Sonntag, beim Gastspiel in Aue, zum Einsatz bringen will − ob als Sturm-Duo oder als Teil einer offensiven Dreierkette mit Quaner auf der rechten Seite und Hosiner in der Mitte oder vielleicht sogar in einer Angriffsraute mit Quaner als Stoßstürmer und Hosiner als verkappter Zehn − ließ der Fußballlehrer (welch Überraschung) offen.

Ein erstaunlicher Wandel

Also ging die Frage an die Spieler. Zunächst an Quaner, der nach ausgeheilter Oberschenkelverletzung beim siebten Saisoneinsatz seinen siebten Saisontreffer erzielte und mit Nürnbergs Guido Burgstaller die Torschützenliste anführt. „Wenn ich Trainer wäre, würde ich die Trainingswoche abwarten und die Leistung bewerten. Ich will mir wieder meinen Platz in der Mannschaft erarbeiten“, sagte der 25-Jährige, der es unter der Führung von Keller fertiggebracht hat, sich vom vermeintlich verzichtbaren Ergänzungsspieler innerhalb weniger Wochen zum wirkungsvollsten Akteur zu mausern. Hosiner, der schon wiederholt angedeutet hat, dass er dank seiner Spielintelligenz und Handlungsschnelligkeit allemal Erstligaformat hat, wiederum legte sich fest: „Wir haben gezeigt, dass es klappt.“

Die für Union ungewöhnliche Variationsbreite im Sturm eröffnet der Mannschaft eine exzellente Perspektive. Im Gegensatz zu früher sind die Köpenicker plötzlich nicht mehr von der Form und der damit einhergehenden Treffsicherheit eines Einzelnen abhängig (man erinnere sich an die Einzeltäter Daniel Teixeira, Sreto Ristic, Simon Terodde, Sebastian Polter und Bobby Wood), nein, Unions Offensive ist unberechenbarer denn je. In diesem Sinne geht im Hinblick auf das nächste Spiel und dem Wiedersehen mit dem nach Aue gewechselten Daniel Haas das letzte Wort an den Mann der Stunde, an Quaner; der hält es einfach und sagt: „Dem Daniel möchte ich schon mal wieder einen reinhauen.“