Als Andreas Hinkel letztmals im Paradies vorbeischaute, saß vor ihm Rod Stewart. Oder vielmehr: Der Sänger sollte dort sitzen. Doch Stewart hielt es nicht auf dem Stuhl. Er sprang auf, gestikulierte und erhob seine Stimme – so wie eigentlich alle Gäste auf den Ehrenplätzen, wo die Etikette Anzug und Krawatte vorschreibt. Der Ort der ewigen Seligkeit, an dem ein britischer Rockstar und ein ehemaliger deutscher Nationalspieler zwei Stimmen unter 60.000 sind, kennt keine Fankurve.

„Es kommt von überall Lärm“, sagt Hinkel. Kein Wunder also, dass die Anhänger von Celtic Glasgow ihr Heimatstadion eineinviertel Jahrhunderte nach der Vereinsgründung durch einen irischen Mönch namentlich mit dem Himmelreich gleichsetzen. Einzig auf Stehplätze müssen die Getreuen aufgrund von Sicherheitsbestimmungen seit den Neunzigerjahren verzichten. Am Freitag werden sie ihre Choräle jedoch wie in alten Zeiten im Stehen anstimmen dürfen. Denn dann ist Celtic zur Einweihung der neuen Haupttribüne beim FC Union Berlin geladen (20.15 Uhr) – der Gästeblock ist weitestgehend unbestuhlt.

Die Partie gegen den 44-maligen schottischen Meister ist der Höhepunkt der Saisonvorbereitung. „Schottische Vereine sind von der Stimmung mit das Beste, was es gibt“, sagt Unions Trainer Uwe Neuhaus. „The bhoys“, die Jungs von Celtic, schweben aber noch ein paar Meter über dem Rest. Als der Klub 2003 im Finale des Uefa-Cups stand, reisten 100.000 grün-weiß-gestreifte Unterstützer nach Sevilla – die meisten ohne Eintrittskarte für das Stadion. Also machten sie die Stadt zur Arena, und trotz der Niederlage gegen den FC Porto, war es ein friedliches Maifest. Vom europäischen Fußballverband gab es dafür den Fairnesspreis.

„Sie leben Tradition“, sagt Andreas Hinkel. Als sich die Schotten vor einem Jahrzehnt ins Endspiel kämpften, wurde der damals 20-jährige Verteidiger des VFB Stuttgart im Achtelfinale erstmals Zeuge der paradiesischen Zustände im Celtic Park. Er bekam eine Gänsehaut.

Unter dem Dach weht neben der schottischen Flagge stets die irische Fahne, weil der Ordensbruder Walfrid den Verein einst gründete, um die Armut der irischen Einwanderer zu lindern. Die Zuschauer lobpreisen im Chor die Vergangenheit und ehemalige Spieler. Fünf Jahre nach der ersten Gänsehaut wurde Hinkel selbst Teil der besungenen Geschichte. Vom FC Sevilla wechselte der zum Nationalspieler gereifte Fußballer zu Celtic und wurde von den Fans zum Spieler der Saison gewählt. Warum? „Ich war ein ehrlicher Arbeiter mit spielerischem Element.“

Die besten Fans der Welt

Inzwischen hat der 31-Jährige seine Karriere beendet und arbeitet als Nachwuchstrainer beim VFB Stuttgart. Kein Grund, die Liebe rosten zu lassen. Eine Woche verbrachte er jüngst bei Celtic, um sich von der Jugendarbeit inspirieren zu lassen. Beim Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin war er natürlich auch im Stadion. Nein, Hinkel will die Anhänger anderer Klubs nicht herabsetzen, aber: „Celtic hat die besten Fans der Welt. The bhoys sind treu, immer da – wie eine Familie.“

Verständlicherweise ist die Freude in Köpenick groß, dass die Gesandten aus dem Paradies für einen Abend in der nun fertigen Alten Försterei einkehren. Herrscht im „Wohnzimmer von Union“ doch ein ähnliches Verständnis vom Kulturgut Fußball, von Tradition und Zusammenhalt.

Anders als die Unioner, sind Celtic-Fans jedoch offen politisch. Sie stehen mehrheitlich links, sehen sich als Kämpfer für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. „The Rebel’s Choice“ hat sich einer auf den Rücken tätowieren lassen, daneben die Wappen von Celtic und und St. Pauli. Die beiden rebellischen Vereine verbindet eine enge Freundschaft. Die Folge: Zu einem gewöhnlichen Zweitligaspiel pilgern regelmäßig Hunderte Fans von der Insel nach Hamburg.

In der Heimat kämpft Celtic unterdessen mit einem unverschuldeten Problem. Seit der insolvente Rivale Rangers Glasgow zum Viertligisten degradiert wurde, ist die Konkurrenz in der ohnehin kleinen schottischen Liga noch geringer. Das geht selbst bei den treuesten Fans zulasten der Stadionauslastung. Gerne würde der Abonnementmeister in der englischen Premier League mitmischen. Dank der Fernsehgelder und einem steigenden sportlichen Prestige würden einige Topspieler kommen, ist Hinkel überzeugt. Zwar ging gerade der Test gegen Greuther Fürth mit 2:6 verloren. Doch vom Potenzial sei Celtic ein Weltklub, sagt Hinkel. „Die anderen“, er druckst herum, nun ja, „sind nur eine Kopie“.