Hier geht keiner nach Hause. An der Alten Försterei wird gefeiert.
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BerlinUnd alle staunen. Und (fast) alle sind begeistert. Und jeder fragt sich, wie das sein kann, dass der 1. FC Union in seiner ersten Bundesliga-Saison nach zwölf Spieltagen mit sechzehn Punkten auf Platz elf zu finden ist. Dass man inzwischen schon gar nicht mehr von einer Überraschung sprechen und schreiben mag, wenn die Köpenicker – wie am Sonnabend geschehen – vor heimischem Publikum den Tabellenführer Borussia Mönchengladbach verdient mit 2:0 bezwingen.

Ja, Union ist nicht nur zu Besuch in der höchsten deutschen Spielklasse, sondern in diesen Tagen fraglos die aufregendste  Nummer im deutschen Klub-Fußball – oder eben nach vier Siegen aus den letzten fünf Spielen die Mannschaft der Stunde. So verabschiedete sich auch Max Eberl, der Manager der Mönchengladbacher, mit einem dicken Lob an den Sieger aus Berlin. „Wir haben gegen einen guten Gegner gespielt, der würdig in der Bundesliga und total angekommen ist“, sagte er. Und: „Wir gehen immer davon aus, dass ein Aufsteiger Fußball spielen kann. Aber sie machen das eben herausragend.“

Die Antwort auf die Frage, wie das sein kann, ist allerdings komplex. Weil sich die Gegenwart im Besonderen für diesen Klub nicht ohne einen Blick in die Vergangenheit erklären lässt. Und weil es sich bei dieser Erfolgsgeschichte nicht um das Werk einer Interessensgruppe, sondern um das Werk einer Glaubensgemeinschaft handelt. Nun, der Stadtrivale Hertha BSC mag vielleicht eines Tages tatsächlich der Big-City-Klub sein, den der Investor Lars Windhorst im Zuge seines Engagements im Sinn hat, die Big-City-Story schreibt in diesen Tagen aber fraglos der 1. FC Union.

Euphorie in Energie umgewandelt

Es ist die Geschichte eines Klubs, der aufgrund seiner wechselvollen Geschichte tatsächlich nur noch als Kiezklub wahrgenommen wurde. Der in den Neunzigerjahren, aber auch zu Beginn des neuen Jahrtausends mehr Tiefen als Höhen erlebte, sich aber doch tatsächlich mit ganz langem Atem neu erfunden hat. Als Selfmade-Klub mit unverwechselbarem Image.

Alles wirkt bei Union echt – und kein bisschen aufgesetzt. Da muss keine Markenbotschaft zwanghaft formuliert und übermittelt werden, alles ist ganz einfach: Unsere Liebe. Unsere Mannschaft. Unser Stolz. Unser Verein. Eisern Union! So ist es letztlich vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass der Klub seine durch den Aufstieg gewonnene Euphorie in Energie umwandeln konnte. Union ist der bewegte Verein, der durch den Aha-Effekt Aufstieg womöglich erst sein ungeheures Potenzial entfalten kann.

Sonnabend, 15. Spielminute: Mönchengladbachs Mann für das Zentrum, Denis Zakaria, patzt bei der Ballannahme im Mittelfeld, Unions Christopher Lenz spurtet flugs dazwischen, passt mit seinem zweiten Kontakt sogleich auf Marcus Ingvartsen, der mit seinem Laufweg über den linken Flügel die Abwehr der Gäste letztlich vor ein unlösbares Problem gestellt hat.

Ingvartsen verliert dank seiner feinen Technik bei der Ballmitnahme nicht an Tempo, nimmt nach fünf, sechs schnellen Schritten den Kopf hoch, sieht, dass Anthony Ujah vom rechten Flügel in die Mitte zieht. Ingvartsen flankt mit viel Gefühl über die gegnerischen Verteidiger hinweg, Ujah köpft mit aller Wucht zum 1:0 ein – und hat nach ein paar Handküsschen Richtung Haupttribüne ein konkretes Ziel: die Ersatzbank der Eisernen, wo er schließlich Ersatzspieler Sebastian Polter in die Arme fällt.

Anthony Ujah (M.) feiert mit Sebastian Polter das 1:0, Michael Parensen (r.) lobt den Schützen.
Foto: contrastphoto/ O.Behrendt

Was sich aus diesen 15 Sekunden zwischen dem frühen Ballgewinn durch Lenz und dem ungewöhnlichen Torjubel von Ujah und Polter ablesen lässt, ist einerseits ein Hinweis auf die spielerische Qualität, welche die Eisernen seit dem Aufstieg gewonnen haben, andererseits auch ein Hinweis auf den Teamspirit, der die Eisernen allem Anschein nach eint und bewegt. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass sich zwei Angreifer, die sich die Woche über im Training indirekt um einen Platz in der Startformation duellieren, den Erfolg gegenseitig gönnen. Alles eine Frage des Charakters! Alles zu schön, um wahr zu sein? Das Bild, das bleibt, und die Worte, die folgten, sprechen dagegen.

Dort der 29 Jahre alte Nigerianer, der im Sommer für die Rekordablösesumme von zwei Millionen Euro aus Mainz gekommen war und sich als erfahrener Bundesligaprofi grundsätzlich wohl auch ein bisschen mehr Einsatzzeit erhofft hatte. Hier der 28 Jahre alte Wilhelmshavener, der in Köpenick seit seiner Rückkehr im Januar 2017 als Identifikations- und Integrationsfigur in Erscheinung tritt und wahrscheinlich gerade deshalb schon im vergangenen Jahr mit seiner Reservistenrolle doch arg zu kämpfen hatte.

"Wir unterstützen einander."

„Wir unterstützen einander. Egal, wer spielt. Die Harmonie müssen wir beibehalten“, erklärte Ujah, der bei Polters Siegtreffer im Stadtderby gegen Hertha BSC als erster Gratulant zur Stelle gewesen war. Den Subtext zu seinem Jubel mit Polter wollte er indes nicht liefern. „Da müssen Sie den Trainer fragen. Ich kann das nicht verraten. Wir haben da eine kleine … naja, nur der Trainer kann sagen, was war. Wenn er darüber sprechen möchte, gerne.“ Und der Erfolg gegen Mönchengladbach? Ujah antwortete: „Überrascht bin ich nicht. Wir wissen schon, was wir können.“

Nun kann ein Trainer nicht alles beeinflussen, was in der Kabine passiert, wie sich im Alltag der Profis zwischenmenschlich das eine mit dem anderen fügt. Doch scheint der Schweizer Urs Fischer in Absprache mit Manager Oliver Ruhnert bei der Zusammenstellung seines Erstligakaders schon mal fast alles richtig gemacht zu haben. Beim Relaunch einer Aufstiegsmannschaft ist das kein leichtes Unterfangen. Hierarchien verschieben sich, Helden werden zu Ergänzungsspielern, Zugänge im besten Fall zu neuen Helden.

Siehe den aus Heidenheim verpflichteten Robert Andrich, der den im Vorjahr gesetzten Manuel Schmiedebach aus der Startelf verdrängt hat. Siehe den vom belgischen Meister KRC Genk verpflichteten Ingvartsen, der nach einer kurzen Eingewöhnungsphase zum Leidwesen von Suleiman Abdullahi immer besser in Schwung kommt. Insbesondere Fischer ist da als Psychologe und Moderator gefragt, als einer, der offen, zugleich überzeugend mit seinen Spielern kommuniziert, und das nicht nur mit seinem Spielführer, sondern auch mit der Nummer 32 im Kader.

Abschied vom Capo

Fakt ist, dass Fischer und Ruhnert den Klub im sportlichen Bereich eine bis dato noch nie dagewesene Professionalität verliehen haben und bestens auf das Abenteuer Bundesliga vorbereitet waren. Da wird nicht von Klub-DNA geschwafelt wie andernorts, sondern einfach aus Überzeugung gearbeitet. Da verfällt keiner in Panik, was nach dem 0:4 beim Ligadebüt gegen RB Leipzig schon leicht mal hätte der Fall sein können. Alles immer ganz cool, was für den Beobachter indes nicht immer ganz so einfach ist. So gab Fischer nach dem Erfolg gegen die hoch gehandelte Borussia aus Mönchengladbach freilich mal wieder den Mahner. Hören wir nur kurz mal rein: „Im Moment sieht es sehr gut aus, aber das ist nur eine Momentaufnahme.“ Und: „Es kann ganz schnell gehen. Wir dürfen auch nicht zu euphorisch werden. Jetzt sind wir wieder gefordert, Ruhe zu bewahren.“

Sonnabend, unmittelbar nach Spielschluss: Hier bewahrt keiner die Ruhe. Keiner geht hier nach Hause. Im Stadion An der Alten Försterei wird gefeiert. Und  Tränen fließen, weil Fabian Voss zuvor seinen letzten Auftritt als Einpeitscher auf der Waldseite gegeben hat und nun von den Spielern auf Händen getragen wird. Der Verein hat zum Abschied des „Capo“ ein T-Shirt bedrucken lassen. „10.5.2006 Von Finkenkrug bis Gladbach 23.11.2019 steht drauf“ und in dicken Lettern zudem „Danke, Vossi!“

Capo Vorsänger Fabian Voss Vossi wird nach 13 Jahren verabschiedet.
Foto: Imago/ O. Behrendt

Der Vorsänger hat alles miterlebt, von der Oberliga bis zum Aufstieg in die Bundesliga, ab sofort will er sich aber mehr um seine Familie kümmern. Nicht Ujah oder Andersson, der in der Schlussminute das 2:0 gegen Mönchengladbach erzielte, stehen im Mittelpunkt, nein, Voss ist also letztlich der Star des Spätnachmittags. „Es ging nicht nur um uns und um das Fußballspiel“, sagte Kapitän Christopher Trimmel. „Wie man gesehen hat, ist unser Capo heute abgetreten und der Tag war wirklich perfekt.“

Und auch hier hatte man nicht das Gefühl, dass einem etwas vorgegaukelt wird. Die Kurve ist bei Union nicht nur Kulisse, hier schlägt das Herz des 1. FC Union, hier wird die Niederlage nicht nur als betrübliches Ereignis wahrgenommen, sondern als kollektiver Schmerz. Wenngleich es auch in der eisernen Kurve freilich schwarze Schafe gibt, wie der Versuch eines Platzsturms nach dem Schlusspfiff beim Derby gezeigt hat.

Es gibt kein Zurück mehr

Der 1. FC Union, das darf an dieser Stelle aber nicht unerwähnt bleiben, darf im Umfeld der Bundesliga inzwischen aber nur noch bedingt als „David“ wahrgenommen werden. Am Mittwochabend schon wird Präsident Dirk Zingler auf der Jahreshauptversammlung von einem neuen Rekordumsatz berichten dürfen, darüber hinaus von einer ziemlich guten Perspektive samt wachsenden Mitgliederzahl und der Aussicht auf ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 38 000 Zuschauern. Das zieht im Umkehrschluss eine doch ziemlich anstrengende Konsequenz nach sich: Es gibt kein Zurück mehr.

So weit mag Fischer natürlich noch nicht denken. Für den Mittwoch hat er folgende Einschätzung parat: „Die Siege geben uns natürlich ein gutes Gefühl. Es ist meine zweite Mitgliederversammlung hier bei Union und auf die freu ich mich.“ Und für den Freitag, wenn Union bei Schalke 04 zu Gast ist, dies hier: „Schalke wird eine schwierige Aufgabe, ähnlich wie Gladbach. Ich glaube aber, dass Schalke weiß, was auf sie zukommt.“

Stimmt schon: Es war einmal ein Außenseiter, der hieß Union.