Ein Mal Luft holen, durchpusten, den Stress und die Angst vergessen. Mit einwöchiger Verspätung durften die Spieler des 1. FC Union nun die zwei trainingsfreien Tage nachholen, die ihnen der Coach am vergangenen Wochenende gestrichen hatte.

Erst am Montagnachmittag schnüren sie gemäß trainerlicher Anordnung wieder die Fußballschuhe. Sie haben sich die Verschnaufpause verdient, weil im Sport letztlich das Ergebnis zählt. Ob der Sieg gegen St. Pauli glücklich war oder nicht, ist egal, die B-Note gehört im Fußball nicht zur Bemessungsgrundlage. Sie ist aber ein Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit, langfristig gute Ergebnisse zu erzielen, und daher tun die Berliner gut daran, nicht selbstzufrieden abzuheben. „Dass nicht immer alles optimal läuft, wissen wir selber“, sagte Christopher Quiring nach dem 1:0.

Der 24-Jährige ist bei Union etwas Besonderes, weil er seit seinem zwölften Lebensjahr für Union spielt, weil er den Sprung aus der Fankurve ins Profiteam geschafft hat und weil er mindestens bis 2017 für eben dieses auflaufen wird. Der Klub hatte die Vertragsverlängerung um zwei Jahre vor der Partie bekannt gegeben, was auf der Tribüne freudvollen Applaus auslöste. Christopher Quiring tüncht den Verein in Lokalkolorit, das angesichts im Stadion abgehaltener Weinmessen, Limonadenproduzententreffen und zukünftig auch Rockkonzerten die Anti-Kommerz-Seele besänftigt.

Christopher Quiring ist aber auch ein Fußballer, der symptomatisch für den bisherigen Saisonverlauf von Union steht und für die große Frage: Ist noch sportliches Potenzial vorhanden? Norbert Düwel hat diese Frage in Bezug auf den schnellen Außenspieler nun bejaht. „Gemeinsam werden wir daran arbeiten, dass er als Spieler weiter reift und in seinen Leistungen noch stabiler wird“, sagte der Trainer.

Letztlich war Quiring trotz wechselhafter Leistungen in dieser Spielzeit einer derjenigen, die der Mannschaft einige Male Impulse geben konnten. Vier Tore und zwei Vorlagen weist seine Statistik auf. Insgesamt erzielte er seit Sommer 2010 in 106 Spielen 18 Treffer. Auch gegen St. Pauli setzte er über rechts zunächst viele Akzente, bevor ihn der Coach in der zweiten Hälfte in den Angriff beorderte, da er bis dahin mehr Gefahr ausgestrahlt hatte als der dort positionierte Steven Skrzybski. Sebastian Polter sollte den Ball weiterleiten, Quiring in den Raum starten. Doch es kam kein Ball, Quiring blieb wirkungslos.

Schub für die Moral

So ist das schon die ganze Saison bei Quiring – und bei Union. „Wir arbeiten hart und versuchen, alles auf den Platz zu bringen, aber noch sind wir nicht stabil genug“, hatte sich der Publikumsliebling im Stadionheft entschuldigend an die Fans gewandt. Selbstkritisch schloss er sich in diese Analyse ein.

Nach dem 1:0 gegen St. Pauli stand er jedoch zufrieden vor der Kabine. „So einen Sieg in der letzten Minute, den braucht man einfach mal“, sagte er. „Das tut gut.“ Wenn die B-Note ungenügend ist und trotzdem ein Erfolg herausspringt, erhoffen sich Sportler daraus einen Schub für die Moral. Im Falle von Union könnte er zudem als Antidot wirken gegen die Angst vor dem Fehlpass, die das Kollektiv befallen hat. Die Unsicherheit war bei fast jeder Ballberührung spürbar gewesen.

Zumindest die Furcht vor dem Abstieg dürfte jetzt etwas kleiner geworden sein. „Die Situation hätte bei einer Niederlage prekär werden können“, sagte Düwel. „Jetzt sind wir vorerst aus dem Gröbsten raus.“ Und eine Lehre aus der zurückliegenden Partie kommt dem 47-Jährigen gerade recht. „Im Fußball ist kein Laufweg umsonst“, sagte er. Diese Überzeugung müsse noch deutlich stärker in den Köpfen der Spieler verankert werden.

Die siegbringende Balleroberung Polters in der Schlussminute dient ihm als Beweis. Die endgültige Befreiung von der Abstiegsangst könnte mit Siegen in den nächsten beiden Partien in Sandhausen und gegen Aalen gelingen. Spätestens dann könnte sich der Trainer auch der Verbesserung der B-Note widmen. Damit in der nächsten Saison nicht wieder gezittert werden muss.