Ingolstadt - Kurz vor Schluss wurde den Besuchern schwarz vor Augen. Die Videoleinwand im Ingolstädter Fußballstadion quittierte den Dienst. Dass auch Patrick Kohlmann für die letzten Spielminuten schwarz sah, hatte jedoch einen anderen Grund. „In den letzten drei Spielen hier ist immer in der letzten Sekunde ein Tor gefallen“, sagte der Linksverteidiger. Doch seine Angst war unbegründet. An diesem Wochenende lief alles nach Plan – beziehungsweise sogar noch ein bisschen besser. Der 1. FC Union Berlin verteidigte ohne Probleme die knappe Führung bis zum Abpfiff und eroberte dank des 1:0 (0:0) gegen den FC Ingolstadt die Tabellenspitze der Zweiten Liga. Das einzige, was der Mannschaft an diesem Wochenende hätte gefährlich werden können, war eine Rolle Klopapier.

Zu seinem eigenen Glück hatte Trainer Uwe Neuhaus vor dem Spiel bekräftigt, dass die „Tabelle nichtssagend“ sei. So kam er nach dem Erfolg und der gleichzeitigen Niederlage von Greuther Fürth nicht in Verlegenheit zu erklären, was es bedeutet, dass sein Team nun Tabellenführer ist. „Wir freuen uns, müssen aber am Boden bleiben“, lautete sein lapidares Fazit. Ernsthafte Bedenken ob der Bodenhaftung seiner Spieler muss der Trainer aber nicht haben, sie neigen nicht zu Begeisterungsstürmen. „Übermorgen kräht kein Hahn mehr danach“, sagte Torsten Mattuschka zur ersten Tabellenführung seit vier Jahren.

Schläfrig bis zur Führung

Der Einzige, der kurzzeitig abheben wollte, war Sören Brandy. Doch als der in der 48. Minute zu seinem Flügelschlagjubel ansetzte, weil er gerade den entscheidenden Treffer erzielt hatte, wurde er von Christian Stuff eingefangen, bevor er Flughöhe erreichen konnte. Kurz darauf holte Neuhaus den verhinderten Schwan vom Feld. „Ich weiß nicht, ob es an dem Pferdekuss lag oder an der etwas schläfrigen Leistung“, sagte Brandy. Entscheidend war wohl der Zusammenstoß, aufgrund dessen er nach dem Tor über den Platz gehumpelt war. Denn schläfrig wandelte bis zur Führung nicht nur der Matchwinner umher.

Nach zehn energischen Anfangsminuten mit einem vielversprechenden Distanzschuss von Damir Kreilach war Union mehr und mehr ins Hintertreffen geraten. Der ehemalige Herthaner Alfredo Morales prüfte Keeper Daniel Haas erstmals in der 13. Minute. „Vor der Halbzeit standen wir unter Druck“, bekannte Brandy später.

Dass der Druck in der zweiten Halbzeit abfiel, lag neben dem Führungstor, das die beiden Innenverteidiger Fabian Schönheim und Christian Stuff mit einem Heber und einer Kopfballablage vorbereiteten, vor allem an der im Sommer eingekauften Erfahrung. „Benjamin war in der ersten Halbzeit unser schlechtester Feldspieler, in der zweiten Halbzeit ist er immer wichtiger geworden“, sagte Neuhaus über Benjamin Köhler. „Seine Erfahrung hat sich für uns positiv ausgezahlt“, fügte er an.

In der zweiten Halbzeit ließ seine Mannschaft keine Chancen zu und erspielte sich souverän den zweiten Auswärtserfolg der Saison. Ein cleveres Verhalten reichte gegen feldüberlegene Ingolstädter, um auf Platz eins der Tabelle zu springen. „Das war nicht der Plan“, sagte Neuhaus. „Wir wollten am Freitag an Fürth vorbeiziehen“, ergänzte er selbstbewusst mit Blick auf den Besuch des Bundesligaabsteigers in der Alten Försterei in vier Tagen.

Dass das Spitzenspiel nun in umgekehrter Konstellation stattfinden wird als erwartet, kann Unions Kapitän verschmerzen. „Spitzenreiter klingt besser als Absteiger“, sagte Mattuschka in den Katakomben. Die mitgereisten Fans aus Berlin hatten ihn und seine Mitspieler in Sprechchören als solchen minutenlang gefeiert. Zwei Stunden vorher hatten die Fans allerdings einen Mini-Polizeieinsatz ausgelöst. Eine Rolle Klopapier war in der ersten Minute aus dem Gästeblock auf den Rasen gesegelt, doch ein aufmerksamer Sicherheitsbeamter entfernte den Stolperstein, bevor der FCU aus dem Tritt kommen konnte.