Die vergangene Woche war eine emotionale Achterbahnfahrt für den 1. FC Union Berlin, zumindest, wenn man sich die Zu- und Abgänge von Publikumslieblingen anschaut. Erst wurde Sören Brandy nach Bielefeld verabschiedet. Darauf folgte die von vielen frenetisch gefeierte Rückkehr von Sebastian Polter, der gestern im spanischen Trainingslager beim 3:1 gegen Wehen Wiesbaden seine erste Partie bestritt. Diese Rückkehr wiederum sorgte dafür, dass ein Abschied am Freitag geräuschloser über die Bühne ging, als man es hätte vermuten können. Es war der Abschied von Christopher Quiring. „Ich habe mich sehr schwer getan mit der Entscheidung“, sagt der 26-Jährige. Nun wechselt er dennoch zu Drittligist Hansa Rostock, wo er einen Vertrag bis 2019 erhält.

Es ist das vorläufige Ende einer emotionalen Bindung. Quiring, in Berlin geboren, durchlief die Jugendabteilungen des Vereins. Er war personifizierte Mentalität. Mehr Identifikation geht kaum. Doch sportlich bewegte er sich oft irgendwo zwischen Licht und Schatten. Die fußballerischen Anlagen hatte er zweifelsohne. Nur ob es wirklich für die Zweite Liga auf Dauer würde reichen können, blieb unklar. Der Verein bewies Geduld mit ihm. Chancen, sich zu beweisen, bekam er einige. Nicht alle davon hat er genutzt.

Verbundenheit zum Verein

Trotz sportlich schwieriger Phasen und Angeboten anderer Vereine blieb er. Die Verbundenheit zum Verein war größer als die Neugier auf Neues. Rückblickend vielleicht ein Fehler, aber Quiring war stets ein Beißer, der nicht einfach so hinwarf. Und tatsächlich sah es in der Rückrunde der vorigen Saison so aus, als könne er es sich und allen anderen doch noch beweisen.

André Hofschneider, der das Traineramt von Sascha Lewandowski übernommen hatte, schätzte Quiring, auch weil er im 1. FC Union mehr als nur einen Klub sah, so wie er selbst. Das Vertrauen tat Quiring gut. Bei Hofschneider stand Quiring nur ein Mal (in Nürnberg) nicht auf dem Platz. Dazu erzielte er das letzte Union-Tor der vorigen Saison. Es sollte keins mehr dazu kommen.

Dies liegt vor allem an Jens Keller, der für einen Spielertypen wie Quiring keine Verwendung hat. Die ersten beiden Partien der Saison durfte er sich noch als Einwechselspieler versuchen. Dann folgte die schnelle Degradierung auf Bank und Tribüne. Es folgten noch ein Kurzeinsatz gegen Düsseldorf und neun Spiele, in denen er nicht mal zum Kader gehörte. „Ich wollte die Form der letzten Saison mit in die neue herüber nehmen. Das hat durch den Trainerwechsel nicht geklappt“, sagt Quiring. Der Abschied ist nun ein sportlicher Neuanfang für ihn.

Seine Wade ziert ein Union-Tattoo

Doch auch neben dem Platz wird er in Rostock fast von vorne anfangen müssen. Der Status des Publikumslieblings ist nicht immer übertragbar. Und bei einem Teil der Rostocker Fanszene wird er diesen wohl auch nie bekommen. Grund dafür ist seine Wade, die ein Tattoo des Wuhlesyndikats, der Ultra-Gruppierung von Union, ziert. Dorthin pflegte er gute Kontakte, stand früher oft selbst in der Kurve. Mitglied des Wuhlesyndikats war er allerdings nie. „In Rostock will ich in erster Linie sportlich überzeugen“, sagt Quiring. Das klingt weniger emotional, als man es von ihm gewohnt ist. Es ist vielleicht ein Sinneswandel zu rechten Zeit.

Einen Tag nach dem 1. FC Union wird er mit Rostock in die Drittliga-Rückrunde starten. Die Hanseaten stehen aktuell im Tabellenniemandsland. Die Abstiegsränge sind so weit entfernt wie die, die zum Aufstieg berechtigen. Sein Ziel, so sagt er, sei es auf jeden Fall, wieder in die Zweite Liga zurückzukehren. Dort könnte er dann auf seinen Herzensklub treffen. „Leider“, sagt er. „Ich wollte eigentlich niemals gegen Union spielen.“ Eine solche Rückkehr an die Alte Försterei würde allerdings wahrscheinlich für mehr Wirbel sorgen als sein Abschied.