An der Alten Försterei rollen die Bälle jetzt wieder über den Rasen und nicht mehr nur über den großen Bildschirm. Für einige Anhänger des 1. FC Union ist der heutige Trainingsauftakt ihrer Fußballgötter eine besondere Erlösung. Sie können das Vereinsgelände endlich wieder guten Gewissens betreten. Den WM-Übertragungen im geliebten Stadion bleiben Teile der Fanszene demonstrativ fern, denn es ist Ausdruck einer Entwicklung, der sie ohnmächtig gegenüberstehen.

Wenn der neue Trainer Norbert Düwel nach den medizinischen Leistungstests an den beiden Vortagen heute um 10 Uhr zur ersten Übungseinheit auf den Platz bittet, werden die Augen vor allem auf Bajram Nehibi, Mohamed Amsif, Toni Leistner und Christopher Trimmel gerichtet sein. So heißen die frisch unter Vertrag Genommenen, die Schwung ins Team bringen sollen. Auch Düwel wird unter Beobachtung stehen. Nach vielen Worten kann er nun zeigen, wie er das angekündigte Feuer zu entfachen gedenkt. Die Verpflichtung des 46-jährigen Fußballlehrers war eine Entscheidung für das Unbekannte und wider der durch Uwe Neuhaus garantierten Sicherheit. Sie ist ein Plädoyer für Entwicklung und gegen Stagnation: Düwel ist eine Wette auf Erfolg. Er soll Union in den nächsten drei Jahren in die Erste Liga führen.

Sepp Blatter hilft

Mit der ersten Übungseinheit fällt der Startschuss für eine Saison, die den Verein allerdings nicht nur sportlich vor eine Herausforderung stellen wird. Einige Fans fühlen sich von den „rasanten Entwicklungen in und um unseren Verein“ zunehmend überrollt. So hat es das Wuhlesyndikat in einem offenen Brief formuliert. Dass sich die zentrale Ultragruppierung, die die Öffentlichkeit sonst meidet und Kritik nur intern übt, sich derart positioniert, zeigt die Größe der Angst. Die Fans haben gemerkt, dass Union leicht zur Folklore verkommen kann. Das WM-Wohnzimmer ist das Paradebeispiel der besorgten Unioner.

2011 warb der Klub noch mit dem Spruch „Wir verkaufen unsere Seele, ABER nicht an jeden“, um Stadionaktionäre. Gezeigt wurden ein Foto und ein Zitat des Weltverbandspräsidenten Sepp Blatter: „Sitzende Menschen sind ruhig.“ Wer also verhindern wollte, dass Union zukünftig im Stillen spielt, kaufte einen Anteilsschein.

Von der ablehnenden Haltung gegenüber der Fifa ist auf offizieller Vereinsseite nichts mehr zu spüren. Blatters Fußballinszenierung in Brasilien wird als Vehikel für die gewinnbringende Selbstdarstellung genutzt. Dass die WM-Gucker die Spielwiese von Torsten Mattuschka zertrampeln, wird angesichts des Werbeeffekts in Kauf genommen. Sogar Frankreichs große Illustrierte Paris Match nahm von Unions mit 750 Sofas bestücktem Wohnzimmer Notiz. „Sofa so foot“, schrieb das Blatt.

Viele Unioner finden es aber gar nicht so good, was mit ihrem Verein geschieht. Sie sind, wie das Wuhlesyndikat schreibt, „gegen den Konsum des Events, der hier im Vordergrund steht“. Darin, dass drei Sofas von Unbekannten in der Wuhle versenkt worden waren, erkennen die Ultras „einen gewissen Ausdruck von Ohnmacht“. Sowohl die AG Faninteressen wie auch die Fan- und Mitgliederabteilung luden in der Sommerpause zum Gedankenaustausch.

Konsumenten oder Fans

„Wie Union in diesen nächsten Jahren aussehen wird, hängt maßgeblich davon ab, wer die Menschen sind, die regelmäßig ins Stadion An der Alten Försterei pilgern“, findet das Wuhlesyndikat. Klubboss Dirk Zingler formulierte das, wenn er in den vergangenen Monaten nach den Gefahren des Wachstums gefragt wurde, ähnlich, aber doch entscheidend anders. Aus seiner Sicht hängt die Entwicklung davon ab, ob sich die Entscheidungsträger verändern. Derzeit sitzen in Präsidium und Aufsichtsrat Fans.

Das Bild wird gepflegt und ist keine Fälschung. Doch das Führungspersonal muss sich nicht verändern, um anders zu sein, als es manche Fans wahrhaben wollen. Es sind Unternehmer, die genügend Geld hatten, um den Verein vor der Pleite zu retten. Dank ihrer geschäftlichen Fähigkeiten haben sie Union aus eigener Kraft wachsen lassen. Der Unternehmenszweck lautet: So viele Einnahmen wie möglich, um immer besseren Sport zu bieten. Das logische Ziel ist die Erste Bundesliga – nicht aus finanzieller Notwendigkeit, aber aus sportlich-unternehmerischem Ehrgeiz. Union bleibt nicht, wie es war. Eine weitere Stadionvergrößerung wurde von Zingler bereits in Aussicht gestellt.

Umso schwieriger wird der Spagat, die aktive Fanszene, die mit ihren Choreographien und Gesängen die viel gerühmte Stimmung ins Stadion trägt, mit den genusssuchenden Neuankömmlingen zu versöhnen. Für Freude sorgt es sicherlich nicht, dass das Team am Sonntag auf der anderen Spreeseite im Bruno-Bürgel-Weg offiziell vorgestellt wird. Viele Fans sähen ihre Fußballer lieber da, wo in diesem Jahr die Sofas stehen.