Moderne für die Tradition: Das Stadion An der alten Försterei feiert Jubiläum.
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BerlinTradition ist, auch im Fußball, ein großes Wort. Die Bayern, für das Spiel am Sonnabend in der Alten Försterei beim 1. FC Union uneinholbarer Bundesliga-Spitzenreiter, haben beim 2:0 über Augsburg mit ihren Retro-Shirts aus Anlass ihres 120. Gründungstages gezeigt, wer sie mal waren. Elf Rebellen, wie sie von sich behaupten, hätten ihren Verein am 27. Februar 1900 gegründet. Allerdings: Unter den Bayern der ersten Stunde befanden sich kaum Bayern, schon gar nicht Münchner. Mit Franz John wurde ein Berliner – er hatte beim VfB Pankow begonnen – erster Präsident, Schriftführer Josef Pollack war Freiburger, Paul Francke, der Kapitän, von Wacker Leipzig zum Verein gestoßen, sein Stellvertreter, Wilhelm Focke, stammte aus Bremen.

Auch der 1. FC Union hätte dieser Tage was zu feiern: Sein erstes Spiel vor 100 Jahren in der Alten Försterei, die an jenem 7. März 1920 Sportpark Sadowa hieß. Nur: Weil das Stadion nicht rechtzeitig fertig geworden war, das mit der Pünktlichkeit am Bau war wohl schon damals ein Berliner Problem, fand das Spiel gegen Viktoria 89 auf einem Nebenplatz statt.

In der DDR sozialisiert, mit Bayern aufgewachsen

Viel von der Tradition hier wie da habe ich ganz nah erlebt. In der Alten Försterei war ich im Herbst 1969 zum ersten Mal, und in der Saison 1975/76 habe ich ins Innerste reingeschnuppert, in die Kabine der ersten Mannschaft. Das sind, wie immer jemand rechnet, fünf oder doch nur viereinhalb Jahrzehnte.

Mit den Bayern, das mag für einen in der DDR sozialisierten jungen Kerl nicht gerade schlüssig klingen, bin ich groß geworden. Mit ihnen gehe ich gut 60 Jahre durchs Leben. In der Regionalliga Süd hießen die Gegner Amicitia Viernheim, SpVgg Neu-Isenburg, 1. FC Pforzheim, Borussia Fulda und Bayern Hof. Zwölf war ich, als die Bundesliga ins Laufen kam. Die Bayern waren nicht dabei, aber mit meinem Vater habe ich den Konferenzen gelauscht, die vom Sender Ochsenkopf bis nach Zwickau ausstrahlten. Die Namen der Reporter sind mir so geläufig, als wäre deren letzte Reportage erst gestern über die knatternde Kurzwelle gelaufen: Sammy Drechsel (Jahrgang 1925 und aus Berlin), Heinz Maegerlein (1911, Leipzig) und Oskar Klose (1926, Cottbus) hießen sie.

Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Die erste Geige im Freistaat spielten die Löwen vom TSV 1860, Gründungsmitglied der Bundesliga. Und die Cluberer aus Nürnberg mit Weltmeister Max Morlock. Zu unerfahren waren die Bayern. Franz Beckenbauer war kurz nach dem Bundesligastart 18 geworden, Gerd Müller ebenfalls, Sepp Maier 19 Jahre alt. Ihr Trainer dazu, der sie 1965 in die Bundesliga brachte, ein Unikum. Zlatko Cajkovski, Kroate, hatte mit seinen 164 Zentimetern und seiner Bauernschläue was vom braven Soldaten Schwejk. Von „kleines, dickes Müller“ sprach er, als er den „Bomber der Nation“ meinte. Ab da starteten die Bayern durch bis zum deutschen Rekordmeister und Rekordpokalsieger. Die mit Abstand meisten Berufungen ins DFB-Team haben sie, 92 deutsche Nationalspieler trugen bei ihren mehr als 2200 A-Länderspielen den Bayern-Dress.

Mehr Tradition geht in Deutschland kaum. Das sind auch für die Eisernen utopische Meilensteine. Eine klitzekleine Parallele gibt es dennoch. Die Bayern sind aus der Bundesliga noch nie abgestiegen. Union – ein schräger Vergleich – auch nicht. Vielleicht ist das ja trotzdem eine Art zarter Beginn einer weiteren eisernen Tradition.