1. FC Union: Sascha Lewandowski kuschelt sich durch die Mannschaft

Es lag sicherlich auch an der Körpersprache. „Er ist ein sehr positiver Typ“, sagt Collin Quaner am Tag nach dem ersten Saisonerfolg über seinen neuen Trainer. „Das hat sich auf uns übertragen.“ Wie gut die Energieübertragung funktioniert, hatte der Angreifer am Sonnabend fünf Minuten nach seiner Einwechslung demonstriert. Er nahm dem vor sich hinstolpernden ehemaligen Unioner Dominic Peitz den Ball weg und wuchtete ihn aus 21 Metern zum Endstand ins Tor. Natürlich wurde er danach innig von Sascha Lewandowski geherzt.

Zwei Mal hat sich der 43-jährige Coach durch die Mannschaft gekuschelt. Erst vor Anpfiff, als er sich einen Spieler nach dem anderen zur Brust nahm. „Ich möchte vor dem Spiel individuelle Botschaften loswerden, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie dem Spieler helfen könnten“, sagt er tags darauf. Dann nach dem 3:0 (1:0) beim Karlsruher SC, um seine Komplimente an den Mann zu bringen. „Alles, was wir trainiert haben, habe ich in kleinen Ansätzen gesehen“, erklärt er seine Freude. Umarmung, Umarmung, Umarmung. Nur der Präsident, der extra von der Tribüne auf das Spielfeld herabgestiegen war, musste zunächst warten.

Altes System, neue Interpretation

Lewandowski pflegt einen ehrlichen, engen Umgang mit seinen Spielern. Als er am Sonntag nach der kleinen Radtour mit der Startelf zu den Ergänzungsspielern auf den Trainingsplatz kommt, dreht er erst einmal eine Runde. Auch die beiden Verletzten, die im hintersten Eck Fußballtennis spielen, sollen merken, dass Lewandowski ihnen Respekt und Aufmerksamkeit zollt. Und er versteht es, Ermunterung und Aufforderung unauffällig in einen Satz zu packen.

Dem erst zwei Tage vor dem Spiel von seiner Länderspielreise zurückgekehrten Nationalspieler Bobby Wood hatte er beispielsweise mitgeteilt: „Da, wo du hin willst, gehört es dazu, dass du unter der Woche international spielst und am Wochenende den Schalter umlegst und in der Liga bestehen musst.“ Der US-Amerikaner ließ sich das nicht zwei Mal sagen.

Als das Team, das seit dem traumhaften Freistoß von Damir Kreilach (12. Minute) führte, nach dem Seitenwechsel mal wieder akut ausgleichsbedroht war, kämpfte sich der 22-jährige Stürmer begleitet von zwei bis fünf Gegnern in den Strafraum, fiel, rappelte sich auf und schoss dem Torwart durch die Beine.

Das 2:0 war Inbegriff des vom Trainer eingeforderten Mutes. Wenngleich es fast an Übermut grenzte, dass Wood den besser positionierten Raffael Korte ins Leere laufen ließ. Der Rechtsaußen hatte in der 40. Minute in einer ähnlichen Situation den Ball von Eroll Zejnullahu serviert bekommen und war kläglich gescheitert. Also machte es Wood in der 49. Minute lieber allein und behielt recht.

Der lockere Umgang des neuen Trainers war aber nicht das einzige Erfolgsrezept. Der zweite Teil war taktischer Natur. „Es ist immer schwierig, wenn man neue Systeme spielt, wie noch unter Herrn Düwel, und wenn viel rotiert wird“, sagte Toni Leistner nach Abpfiff. „Jetzt heißt es: altes System, alte Stärken.“

In Karlsruhe setzte Lewandowski auf die Vierer-Abwehrkette, weil sich die Mannschaft damit wohler fühlt. Auch Norbert Düwel war zuletzt auf dieses System zurückgekehrt, Lewandowskis Interpretation unterschied sich jedoch von der seines Vorgängers. Union verteidigte sehr hoch. Kapitän Kreilach lief die gegnerische Abwehr in den Anfangsminuten wie ein zweiter Angreifer an, erst nach und nach ließ er sich auf die Spielmacherposition hinter Wood fallen. „Der Trainer hat uns gesagt, wie wir kürzere Wege zum Pressen nutzen, um nicht nur hinterherzulaufen, was wir in dem ein oder anderen Spiel zuvor gemacht haben“, sagte Leistner. Und: „Wenn wir eine Torchance haben, haben wir jetzt eine ganz andere Staffelung, damit wir den Ball so schnell wie möglich im Gegenpressing wiedererobern können.“

Wider den Selbstbetrug

Der Innenverteidiger hatte zuletzt eine fehlerbehaftete Rolle gespielt, nun zeigte er seine vielleicht beste Leistung im Union-Trikot. In der ersten Hälfte verhinderte der 25-Jährige mehrfach den Ausgleich, wenn sich die Karlsruher etwas zu leicht durch das Mittelfeld kombiniert hatten. Und zum Ende schwanden nicht nur bei Wood und Leistner die Kräfte. Latte und Torwart Daniel Haas retteten. Nicht zuletzt profitierten die Eisernen von der Verunsicherung der Karlsruher, die zuletzt 0:6 gegen Braunschweig verloren hatten. „Wir lügen uns nicht in die Tasche“, sagt der Trainer am nächsten Tag. „Das Spiel hätte auch anders verlaufen können.“

Lewandowskis Ehrlichkeit ist die Basis für den weiteren Erfolg. Das Vertrauen seiner Spieler hat er jedenfalls schon mit dem ersten Spiel gewonnen, „Der Sieg tut uns gut“, sagte Leistner. „Jetzt können wir Schritt für Schritt umsetzen, was der Trainer sehen will.“