Die Ausgangslage: Druck! Beide Vereine hinkten den eigenen Ansprüchen nach fünf Saisonspielen hinterher – Union mit vier Punkten und der Karlsruher SC hatte nur sechs Zähler geholt. Dabei waren die Badener im Juni eigentlich schon in die Bundesliga aufgestiegen. Erst in der Nachspielzeit der Relegation konnte der Hamburger SV ausgleichen und sich dann doch noch durchsetzen. In Köpenick war der Ärger über den misslungenen Saisonstart trotzdem noch größer als in Karlsruhe. Trainer Norbert Düwel wurde abgesetzt, und der vormalige Jugendkoordinator Sascha Lewandowski von Bayer Leverkusen übernahm vor einer Woche. Der neue Mann an der Seitenlinie sah sein Team bei seinem Union-Debüt am Sonnabend in der Außenseiterrolle – und dadurch im Vorteil. Der Druck sei so nicht ganz so groß, glaubte Lewandowski. Er sollte Recht behalten.

Das Ergebnis: Das 3:0 (1:0) war der erste Sieg der Berliner in dieser Saison und der erste überhaupt im Karlsruher Wildparkstadion. „Vielleicht ein bisschen zu hoch“, fand Torwart Daniel Haas, „aber verdient“. „Und sehr wichtig für unsere Zukunft“, ergänzte Kapitän Damir Kreilach.

Die erste Hälfte: Vier verletzte und zwei gesperrte Spieler musste Lewandowski bei seinem Debüt ersetzen, personelle Überraschungen blieben in der Aufstellung aus. Auch die 4-4-2-Formation hat man unter seinem Vorgänger Norbert Düwel schon gesehen. Der Unterschied lag in der Umsetzung: Damir Kreilach lief die KSC-Verteidiger früh an, Bobby Wood stellte den kürzest möglichen Pass zu und der Rest staffelte sich dicht hinter der Mittellinie. Defensiv agierte Union zu Beginn zunächst so druckvoll, wie Lewandowski es sich gewünscht hatte. Der Fast-Bundesligist kam zu Beginn kaum zur Entfaltung – und wenn doch war immer wieder der aufmerksame und zweikampfstarke Toni Leistner klärend zur Stelle. Vorne reichte ein traumhafter Freistoß von Kreilach aus 22 Metern, um in Führung zu gehen (12.). Nach einer Viertelstunde stand der neue Trainer auf und klatschte. Nach dem Lob ließen die Berliner die Zügel etwas schleifen, sie standen nun in der 4-2-3-1-Grundordnung, um die entstehenden Löcher im Mittelfeld zu stopfen. Leistner verhinderte weiterhin, dass die Gastgeber aus einer ihrer Chancen ein Tor erzielten. In der Schlussphase der ersten Hälfte konnte Union die Räume wieder verengen, was Fans und Spieler des KSC zur Verzweiflung trieb. Konsequenz Nummer eins: Pfiffe von den Rängen gegen das Heimteam. Konsequenz Nummer zwei: ein entnervter Fehlpass, den Eroll Zejnullahu aufnahm und mustergültig für Raffael Korte auflegte. Der scheiterte aber im eins gegen eins am Karlsruher Torwart.

Bobby Wood kämpft sich zum Tor

Die zweite Hälfte: Nach dem Seitenwechsel war Karlsruhe die überlegene Mannschaft. In der 48. Minute rutschten drei Angreifer an einer gefährlichen Hereingabe vorbei. Im Gegenzug schoss Wood den beim Sturz im Strafraum eigentlich schon verlorenen Ball ins Tor (49.). Die Vorentscheidung? Die hätte spätestens Zejnullahu beim nächsten Konter besorgen müssen. Doch nach der Vorerfahrung aus Halbzeit eins hatte ihn das Vertrauen in Korte verlassen. Er versuchte es allein und scheiterte (60.). Nach einer Stunde kam Christopher Quiring für den glücklosen Korte, und die Spielformation verschob sich auf 4-1-4-1. Dennoch kam der KSC nun wieder gefährlicher vors Tor. Erst rettete die Latte (67.), dann Daniel Haas (68.) und schließlich der Schütze Jimenez Torres, indem er den Ball in den Himmel schoss. Der Druck lastete schwer auf den Gastgebern. Er zwang sogar den großen Kämpfer Dominic Peitz in die Knie. Der Ex-Unioner stolperte haltlos vor dem eigenen Strafraum herum, bis der eingewechselte Neu-Unioner Collin Quaner ein Einsehen hatte, ihm den Ball abnahm und aus 20 Metern den Endstand besorgte.

Der Schuss des Spiels: Damir Kreilach hat vor zwei Jahren unter Uwe Neuhaus als Abräumer angefangen, rückte unter Norbert Düwel vorne und machte nun noch einen weiteren Schritt in die Offensive. In der 12. Minute lag der Ball dann 22 Meter zentral vorm Tor. Die Arme in Ronaldo-Manier in die Hüfte gestemmt blickte er über die Mauer. Von der Unterkante der Latte rutschte der Ball ins Netz. „Ich habe in den vergangenen Wochen viel mit Sebastian Bönig gesprochen“, erzählte er hernach. „Es geht um Konzentration. Dieser Ball musste rein.“ Gedacht, gesagt, getan.

Die Szene des Spiels: Eigentlich war der Gegner am Drücker, als Wood sich in der 49. Minute nach vorne wühlte. Gut möglich, dass Union nach einem Ausgleichstor dem neuen Trainer zum Trotz wieder zusammengebrochen wäre. Doch Wood fiel, stand wieder auf und knallte den Ball ins Netz. Das war der Mut und die Durchsetzungskraft, die Union bisher gefehlt hatten. Dabei kratzte der amerikanische Nationalspieler schon an der Grenze zum Übermut. Den viel besser positionierten Korte ließ er ins Leere laufen. Der wiederum hatte aber seine Schludrigkeit im Umgang mit Torchancen bereits in Hälfte eins unter Beweis gestellt. Daher: Es sah falsch aus und war doch genau richtig.

Ballbesitz schießt keine Tore

Der Mann des Tages: Es war bisher nicht die Saison des Toni Leistner. Entweder unterliefen ihm Fehler oder er durfte gar nicht mitwirken. Das Gegenteil war in Karlsruhe der Fall. Er vereitelte fast jede Möglichkeit, die sich dem Gegner bot, und nebenbei ließ er Erwin Hoffer nie aus den Augen. „Der klebt immer an der Abseitslinie, da musst du hochkonzentriert sein“, sagte der Verteidiger nach Schlusspfiff. „Es hat Spaß gemacht.“

Die Erkenntnis des Tages: Ballbesitz schießt keine Tore. Die dominantere Mannschaft war der KSC (65 Prozent Ballbesitz und 18 Torschüsse). Daran muss Lewandowski noch arbeiten. Und: Viele Konter hätten bedachter ausgespielt werden können. Letztlich halfen die foulenden (1:0), zuschauenden (2:0) und vorbereitenden (3:0) Karlsruher mit.

Der Trick des Tages: Co-Trainer André Hofschneider verbrachte die erste Hälfte auf der Tribüne. Freiwillig. Er schaute sich von seinem Hochsitz genau an, welche taktischen Maßgaben befolgt wurden, und wo noch Verbesserungsbedarf bestand. In der Pause eilte er in die Kabine und weihte das Team in sein Wissen ein.

Weisheit: Ein neuer Trainer macht vielleicht keinen Sommer, aber zumindest Hoffnung, dass es kein langer, kalter Union-Winter wird. Nach zehntägiger Vorbereitung setzten die Spieler von Sascha Lewandowski einige seiner Anweisungen um. Sie waren konsequenter im Zweikampf, geschickter im Pressing und letztlich im Angriff so effektiv, wie lange nicht. Die Last ist jetzt weg.