Keine Geister, kein Spiel in der Alten Försterei.
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Berin-KöpenickMan musste die Leere aushalten, irgendwie klarkommen mit der Stille. Kein Gesang war zu hören, kein Pfiff, kein Fluch, nicht mal Geister waren gekommen, also gab es auch kein Bundesligaspiel in der Alten Försterei. Der Specht hinter der Waldseite war der Einzige, der hier am vergangenen Sonnabend einen reinhaute.

Gegenüber am Stadionzaun standen „Allgemeine Hygienehinweise“, in fünf Punkten gegliedert, von „Beim Husten oder Niesen Abstand zu anderen Personen halten und wegdrehen“ bis „Berührungen bei der Begrüßung anderer Menschen vermeiden“. Das Coronavirus zwingt die Welt zum Stillstand, ließ eine Fußballliga nach der anderen den Spielbetrieb aussetzen, aber in Deutschland, da wollten sie, dass der Ball erst mal weiterrollt. Selbst am Freitagmittag noch. Und kein Bundesligaklub wehrte sich mehr gegen eine Spielabsage als der 1. FC Union.

Union stand plötzlich alleine da

Ein wegen seines Gemeinschaftssinns bundesweit gefeierter Klub stand plötzlich allein da und wie ein Egoist. Als die meisten bereits begriffen hatten, dass man auf Fußball verzichten sollte, erklärte ausgerechnet Union, dass der Klub ein vertraglich verpflichteter Veranstalter sei. Dass man gezielt Fieber messen werde am Eingang. Kontaktfrei mit Scannern.

Der Profifußball neigt dazu, seine Bedeutung zu überhöhen. In den vergangenen Tagen verlor er zwischenzeitig komplett die Bodenhaftung. Er musste wieder eingefangen werden. Von Amtsärzten, den zuständigen Behörden. Nicht die Spieler, die immer offener ihre Bedenken äußerten, sondern die Funktionäre, die offensichtlich nichts verstanden hatten. „Es geht natürlich am Ende des Tages auch im Profifußball um Finanzen“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern und verwies auf die Fernsehgelder, denn ein größerer dreistelliger Millionenbetrag sei „im Feuer“. Bereits verbrannt war damit sein Ansehen. Die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche obendrein.

Als das Heimspiel des 1. FC Union gegen die Bayern doch nicht begann, weil Vernunft und Gesundheit nun mal vor Geld und Vertragspflicht kommen, drückte ein Mann auf den Auslöser. Motiv: ein Stadion so leer wie ein Pastaregal im Supermarkt. Der Mann trug Fanmütze, Fanschal, einen Rucksack, in dem Glas klimperte. Schon gespenstisch hier, fand er, aber er wollte unbedingt raus mit seiner Kamera. „Ich muss das festhalten“, sagte er aus der neuen, sozialen Distanz, „in der Hoffnung, dass es so was nicht noch mal gibt.“

Das Rückspiel der Stadtmeisterschaft fällt aus

Diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen. Vor dem 19. April, so hat es der Senat inzwischen beschlossen, dürfen keine Profifußballspiele stattfinden in Berlin. Unions Heimpartien gegen Mainz und Schalke fallen aus. Das Rückspiel der Stadtmeisterschaft gegen Hertha natürlich auch.

In den Statuten der DFL kommt das Wort „Saisonabbruch“ nicht vor. Aber genau dieses Szenario wird immer wahrscheinlicher. Längst gibt es konkurrierende Ideen, wie es dann weitergehen könnte. Eine Erste Liga mit 22 Mannschaften? Klar, wären ja mehr Spiele, würde mehr Fernsehpräsenz bedeuten. So könnte nicht nur Rummenigge die Kohle aus dem Feuer holen. Doch niemand kann die Frage nach dem Wann beantworten. Und worüber natürlich noch niemand laut nachgedacht hat: Wie können die Verluste solidarisch geregelt werden unter den Klubs?

An einem normalem Bundesligawochenende sind mehr als eine halbe Million Fans in Bewegung. Diesmal sind die Massen den Stadien ferngeblieben. Routinen gerieten durcheinander. Gewohnheiten brachen weg. Auf rbb info lief nicht die Spieltagskonferenz, es gab immer wieder „aktuelle Hintergrundberichte“, später eine „Wirtschaftsdoku“. Fußball ohne Fans ist nicht denkbar. Aber was machen die Fans ohne Fußball?

Fans kaufen beim virtuellen Imbisswagen ein

Union hatte seine Anhänger gebeten, daheim zu bleiben, den Klubsender AFTV einzuschalten, um den Aufstiegsfilm „Die Zeit ist nun gekommen“ zu schauen; dazu warb der Klub für einen virtuellen Imbisswagen. Wegen erhöhter Nachfrage kam es online zu Warteschlangen, was kurzzeitig das Stadiongefühl ersetzte. Dafür hatten das Kesselgulasch (3,50 Euro), die Erbsensuppe (2,50 Euro) oder ein Bier mit Becherpfand (3,50 Euro) keinen Nährwert. Aber wenigstens kam etwas Geld zusammen, um die fehlenden Cateringeinnahmen aus dem Heimspiel gegen die Bayern ein wenig zu kompensieren. Man könnte das Geld auch tatsächlich Bedürftigen spenden. Der virtuelle Imbisswagen hatte jedenfalls am Sonntagnachmittag immer noch geöffnet.

Trainingsfrei

Bis Freitag: Die Mannschaft des 1. FC Union wird erst am Freitag wieder trainieren. Bis dahin sollen die Spieler individuell arbeiten und möglichst nicht verreisen. Ein Reiseverbot sprach der Verein jedoch nicht aus.
Bis Dienstag: Herthas Trainer Alexander Nouri gab dem Team – wie nach einem normalen Spieltag – bis einschließlich Montag frei. Ab Dienstag wird  unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gilt ein Reiseverbot.
Quarantäne: Nach dem ersten Coronafall der Bundesliga bei Luca Kilian setzt Paderborn auf Abschottung. Es gibt kein Training. Teile der Mannschaft wurden in eine 14-tägige häusliche Quarantäne geschickt.

Andere gingen in die Kneipe und blieben auch dort, nachdem der Senat eine Verordnung zur sofortigen Schließung von Kneipen und Bars erlassen hatte. Im Panenka in Friedrichshain etwa saßen Dutzende Unioner bei Bier und Zigarette zusammen und sahen noch einmal die Relegationsspiele gegen Stuttgart auf AFTV. „Wir sind also wirklich aufgestiegen?“, fragte einer, als die Alte Försterei auf der Leinwand gestürmt wurde. Antwort: „Hast du schon Fieber, oder was?“

Es folgten ein paar Coronawitze, wie man sie an diesem spielfreien Wochenende auch unter dem Hashtag #revirusderby fand. Das Spiel zwischen Dortmund und Schalke war auch ausgefallen. Humor scheint zu helfen gegen Leere und Stille.