Lewandowski trifft per Elfmeter zum 1:0.
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BerlinMan hatte es in Köpenick und überall dort, wo man es mit dem 1. FC Union hält, schon ein wenig befürchtet. Nämlich dass diese Mannschaft ohne die Unterstützung der Fans im Stadion An der Alten Försterei gegen die Bayern chancenlos wäre. Dass diese Mannschaft ohne die Energie, die von der Tribüne für gewöhnlich auf die eisernen Akteure übertragen wird, der spielerischen Klasse der Münchner nicht genug entgegenzusetzen hätte. Um es auf einen Nenner zu bringen: Elf gegen Elf – und dann doch einen Mann weniger, weil der 12. Mann fehlt. Wie ungerecht bei so einem ungleichen Duell.

Und letztendlich war es dann auch so, dass man nach diesen 90 Minuten Fußball irgendwie kein gutes Gefühl hatte. Befremden. Fragen. Das soll Bundesliga sein? Union hatte verloren, 0:2, ohne dass es an diesem Nachmittag zu einem Union-typischen Widerstand gekommen wäre. Gespielt, aber nicht nicht gefiebert. Spaß sieht anders aus.

Wie am Vortag waren auch beim Duell zwischen dem Ligadebütanten und dem Rekordmeister Szenen mit grotesker Note zu beobachten. Während, aber natürlich auch schon in Vorbereitung auf diese Partie. Tröpfchenweise, weil ein Einlauf der Teams im Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) nicht vorgesehen ist, kamen die Spieler aufs Feld, einer nach dem anderen, ohne Mundschutz versteht sich, während die Ersatzspieler auf den unteren Rängen der Haupttribüne ein Plätzchen suchten, immer schon auf Abstand, mit Mundschutz versteht sich. Wobei die Reservisten der Gäste sich so lässig wie im Strandcafé chillende Halbstarke in die Plastikschalen fläzten.

Die Klubhymne kam vom Band, wie immer, aber da war kein Chor. Kein Stadionsprecher. Nur Stille. Als wäre man bei einem Testspiel irgendwo im Burgenland, so kam einem das vor, und das Ergebnis ist vielleicht nicht ganz so wichtig wie die spieltaktischen Erkenntnisse.

Andererseits war nach dem die Stille durchschneidenden Anpfiff durch Schiedsrichter Bastian Dankert zu hören, was ansonsten im Lärm der Tausenden komplett untergeht, beispielsweise die Einlassung eines Ordners, der nach einem Foul eines Münchner Profis nicht an sich halten konnte: „Ist das etwa nicht Gelb oder was?“ Auch als sich Markus Hoffmann, der bei Union den absenten Urs Fischer als hauptverantwortlicher Trainer vertrat, über eine Entscheidung ärgerte, durfte man Ohrenzeuge sein. „Das kann ich nicht nachvollziehen“, monierte der Österreicher, der keinen Mundschutz trug, genauso wie Bayerns Chefcoach Hansi Flick.

Was Hoffmann und Flick zunächst zu sehen bekamen, war ein konzentriertes, aber auch doch sehr kontrolliertes Gegeneinander ihrer Schützlinge. Wobei die Unioner in der Anfangsphase sogar etwas frischer wirkten. Nach zehn Minuten stand es deshalb in der letztlich doch nutzlosen Chancenwertung 2:0 für Union. In der fünften Minute hatte Grischa Prömel, der Christian Gentner auf die Bank verdrängt hatte,  auf den eingelaufenen Marius Bülter gepasst, dessen Abschluss für Bayern-Keeper Manuel Neuer allerdings kein Problem darstellte. Drei Minuten später hatte Florian Hübner den Laufweg von Anthony Ujah erkannt, allerdings landete der Abschluss des Stürmers in den menschenleeren Tiefen der menschenleeren Gästetribüne.

Die Bayern schalteten erst mit Verzögerung von "anwesend" auf "engagiert", durften sich in der 18. Minute für ein paar Sekunden in Führung wähnen, bevor Dankert den Treffer von Thomas Müller nach einem Eckstoß dank Videobeweis doch noch annullierte.

Interessant für die anwesenden Beobachter und Zuhörer war auch, dass die Kommandos auf dem Platz sich von denen auf Bezirksliganiveau kaum unterscheiden. „Jawoll, Jérôme, super Ball“ war da zu vernehmen. Oft auch das bei Ballbesitz zur Beruhigung eingesetzte „Zeit, Zeit“, wenngleich man sich in manchen Sequenzen des Spiels dann doch ein paar mehr Aktionen unter Zeitnot gewünscht hätte.

Natürlich hat das ein bisschen was von Alte Herren, 19.00 Uhr, Flutlicht-Atmosphäre.

Bayern-Profi Thomas Müller zur Atmosphäre bei Geisterspielen

So kamen die Bayern selten in Bedrängnis und aus ihrer Sicht zu einem Pflichtsieg. Durch den Treffer von Robert Lewandowski, der in der 40. Minuten einen von Neven Subotic verursachten Foulelfmeter zu seinem 26. Saisontor sicher verwandelte, und durch das Tor von Benjamin Pavard, der in der 80. Minute bei einem Eckstoß seine Kopfballstärke unter Beweise stellte.  In beiden Fällen wurde übrigens gemäß der DFL-Verordnung gejubelt. Mit nüchternem Unterarmklaps. 

Während irgendwo hinter der Tribüne an der Waldseite ein Unerkannter noch einmal die Klubhymne anstimmte und dabei melodisch doch ziemlich daneben lag, kam einem schließlich Folgendes in den Sinn: Bitte nie wieder! Nie wieder ein Heimspiel des 1. FC Union gegen Bayern ohne Zuschauer.