Rafal Gikiewicz kann beim 1:2 von Marcel Sabitzer nichts ausrichten.
Matthias Koch

LeipzigDer 1. FC Union hat sich bei der Auswärtspartie in Leipzig mal wieder dickes Lob verdient. Denn das, was die Eisernen am Sonnabend beim Rückrundenauftakt gegen den Tabellenführer der Bundesliga aufs Feld brachten, war einmal mehr in jeder Minute von sehr viel Leidenschaft, von jeder Menge Mut, aber auch von einer guten Spielidee getragen. Und doch gab es am Ende für die Elf von Trainer Urs Fischer wieder eine Niederlage zu beklagen, ein 1:3 nach einer 1:0-Führung zur Halbzeit. Insofern war der Zuspruch der mitgereisten Fans für die Profis Köpenick wohl doch nur ein schwacher Trost. Marius Bülter, Torschütze und Pechvogel, sagte: „Mit der ersten Hälfte konnten wir zufrieden sein, aber dann haben wir einen Doppelschlag bekommen. Das ist heute wirklich eine bittere Niederlage.“

Fischer, das haben die vergangenen eineinhalb Jahre gezeigt, ist im besten Sinne ein Vereinfacher. Einer, der seine Spieler nicht mit viel zu komplizierten Matchplänen konfrontiert, sondern lieber mit klaren Handlungsanweisungen. Gemäß dem Motto: Mach das, und mach das nicht, dann wird das dir selbst, aber vor allem der Mannschaft helfen. So ist dieses Team nach einem doch eher ernüchternden Einstieg in die Saison von Spiel zu Spiel gewachsen. Hat inzwischen das Selbstvertrauen, um Fischers Forderung, dass man sein eigenes Spiel machen müsse, Genüge leisten zu können.

Nun ist das mit dem „Wir-müssen-das-eigene-Spiel-machen“ gegen einen Gegner wie Leipzig gar nicht so einfach. In der Elf von Trainer Julian Nagelsmann steckt so viel Talent und damit so viel Zukunft, dass man noch nicht einmal Fan von RB sein muss, um mitunter begeistert zu sein. Aber da hilft einem Klub, der sich so viel Talent nicht leisten kann, nur eins, wie Fischer im Fernsehinterview vor der Partie noch mal betont hatte: eklig sein. Und das war Union mit seinen inzwischen doch landesweit bekannten Eklig-Protagonisten.

Allen voran Robert Andrich, der in der dritten Minute weit in der gegnerischen Hälfte gleich mal forsch einen Ball eroberte, noch drei, vier schnelle Schritte machte, sich gegen ein Abspiel entschied und aus 20 Metern den Abschluss suchte, aber dabei zu unüberlegt agierte. Sebastian Andersson moserte gleich mal zu seiner Linken, Marcus Ingvartsen drehte enttäuscht ab. Vielleicht wäre ein Pass auf einen der beiden doch zielführender gewesen.

Abruptes Ende des Schweige-Protestes

Wie man seinen Mitspieler optimal in Szene setzt, demonstrierte sieben Minuten später Andersson. Als wolle er Andrich einen Beispiel geben, legte er nach seinem entschlossenen Spurt in die Tiefe, bei dem er auch doch Nationalspieler Lukas Klostermann getunnelt hatte, im rechten Moment mit dem linken Fuß auf den mitgelaufenen Bülter ab. Bülter brauchte keinen weiteren Ballkontakt für einen Abschluss, zog sogleich direkt ab und traf zum 1:0 für Union und zum vierten Mal in dieser Saison. Die Fans der Eisernen konnten gar nicht anders, als in diesem Moment ihrem Protest-Schweigen ein abruptes Ende zu bereiten.

RB versuchte sich sogleich an einer Antwort, bemühte sich, immer wieder Timo Werner ins Spiel zu bringen, der als verkappter Linksaußen Julian Ryerson ärgern sollte. Doch der Däne, der als Ersatz des erkrankten Christopher Trimmel sein Startelfdebüt in der Bundesliga gab, wusste sich zunächst weitgehend erfolgreich zu wehren. So wie alle Unioner, was zur Folge hatte, dass das eiserne Kollektiv den Leipzigern das Tempo raubte. Und wenn die Gastgeber in der ersten Hälfte doch einmal zum Abschluss kamen, wie durch Patrik Schick in der 24. Minute oder gleich im Dreierpack in der 39. Minute, war entweder Keeper Rafal Gikiewicz oder eben das Schlachtenglück zur Stelle.

Nun ist es allerdings so, dass RB unter Julian Nagelsmann auch während einer Fußballpartie zu einer wesentlichen Leistungssteigerung fähig ist. Das hatte sich schon in der Vorrunde gezeigt, war nun auch an diesem Sonnabend nach dem Seitenwechsel zu beobachten. Was auch immer der junge Fußballlehrer mit auf den Weg in die zweiten 45 Minuten gegeben hatte, die Wirkung war enorm. Frischer und wuchtiger waren die Leipziger plötzlich, provozierten in immer kürzerer Folge Fehler bei den Unionern.

Der Leidtragende bei Union war dabei zuvorderst Bülter. Beim Ausgleichstreffer in der 51. Minute war er ganz eifrig mit in den eigenen Strafraum geeilt, brachte mit seinem missratenen Abwehrversuch aber Werner in Position, der aus 18 Metern per Vollspann den Ball unvermittelt in den Winkel jagte. Gikiewicz war machtlos und Bülter plötzlich nicht mehr der Held. Auch beim 1:2 war der 26-Jährige mittendrin, als nach einem Eckstoß Dayot Upamecano den Ball Richtung Union-Tor beförderte und Marcel Sabitzer die Vorlage des Kollegen gekonnt über Gikiewicz hinweglupfte. Hätte Bülter etwas schneller erkannt, was sich da zusammenbraute, hätte er womöglich Sabitzer am Torschuss hindern können.

Nun war es aber nicht so, dass sich die Unioner, wie das noch beim 0:4 im Hinspiel der Fall war, im Zweifel verloren. Sie standen zu tief, das war ihnen klar, aber nach einer kurzen Phase des Neusortierens wurden sie wieder griffiger, kamen durch Andrich in der 70. Minute auch noch mal zu einem aussichtsreichen Einschusschance. Und setzten noch einmal alles auf eine Karte. Yunus Malli, der erst am Tag zuvor auf Leihbasis zu den Eisernen gestoßen war, kam in der 72. Minute für Ingvartsen ins Spiel, später schickte Fischer auch noch Anthony Ujah und Sebastian Polter aufs Feld, doch nach dem 3:1 für RB in der 83. Minute durch Werner war der Widerstand dann doch gebrochen.