1. FC Union verliert gegen Aue: Schlaffe Gleichgültigkeit bei Union Berlin

Norbert Düwel nahm die Huldigung mit starrer Mimik zur Kenntnis. Verspürte er Genugtuung, weil mal ein Mann vom Fach seine Arbeit lobte? „Union macht eine tolle Entwicklung durch in den letzten Monaten, mein Trainerkollege verrichtet einen sehr guten Job“, lobpreiste Tomislav Stipic.

Der Coach von Erzgebirge Aue rühmte weiter: „Union ist zuletzt mit einer unglaublichen Leidenschaft aufgetreten und hatte ein tolles Verhalten nach Ballgewinn, mit sehr viel Geschwindigkeit.“ Brodelte in Düwel der Ärger, weil von all dem, zuvor kaum etwas zu sehen gewesen war? Die Miene des 47-Jährigen verriet es nicht. Der 1. FC Union war Aue 1:2 (0:1) unterlegen, da es am Wichtigsten gefehlt hat.

„Aue wollte das Spiel gewinnen“, sagte Michael Parensen. „Wir nicht.“ Der Bereich um sein linkes Auge war bläulich-schwarz verfärbt. Der große Bluterguss ist Folge des Zusammenpralles mit Rubin Okotie vor einer Woche, als sich Union mit einem Sieg gegen 1860 von der Last des drohenden Abstiegs befreit hatte. Das kann spielerische Kunstfertigkeit freisetzen, denn ohne Angst passt es sich besser. Die andere mögliche Konsequenz von nachlassendem Druck ist der Abfall der Körperspannung. Ohne die ist in der leistungsdichten Zweiten Liga nichts zu holen. Das wurde am Sonnabend eindrucksvoll belegt.

Der theoretische Wille, die Partie gegen Aue siegreich zu gestalten war natürlich vorhanden. „Wir wollen keine Geschenke verteilen und sagen: Die Mannschaft mögen wir, und die nicht“, sagte Martin Kobylanski. Große Teile der Fanszene sähen lieber Aalen oder 1860 München als Absteiger, und nicht die alten Rivalen aus Aue.

Was Parensen hingegen meinte, war der praktische Wille im Detail. Wer den Ball annimmt, und wie die Unioner gegen Aue erst einmal in Ruhe über die nächste Bewegung nachdenkt, der hat gegen ein Team, dass um jeden Funken Hoffnung kämpft, keine Chance. Nach fünf dynamischen Anfangsminuten mit einer guten Kopfballmöglichkeit für Toni Leistner im Anschluss an eine Ecke, verlor das Team die Spannung. Eroll Zejnullahu dribbelte auf der Suche nach Anspielstationen verzweifelt durch das Mittelfeld.

Die Berliner versuchten sich freizujoggen, anstatt den Gegenspieler im Sprint abzuschütteln, und nach Ballverlusten, vergingen die entscheidenden Sekundenbruchteile in schlaffer Gleichgültigkeit, bevor dem verlorene Objekt nachgesetzt wurde. „Unsere Mittel im läuferischen und kämpferischen Bereich waren heute zu wenig“, stellte Düwel fest, als Stipic seine minutenlange Eloge beendet hatte.

Michael Parensen will. Immer. Seine Muskeln sind stets auf Vorspannung. Vor Kurzem ist sein Vertrag verlängert worden, weil Düwel auf eines vertrauen kann: Wenn in der nächsten Saison einer der gepriesenen Verpflichtungen die Erwartungen nicht erfüllt, wird der dann 29-Jährige einspringen. Egal wo. Zentral im Mittelfeld, auf der linken Abwehrseite oder ein paar Meter davor. Und Innenverteidiger kann er zur Not auch, wie er gegen Aue bewies. Mehrfach grätschte er dazwischen, wenn die Kollegen den Angreifern nur zuschauten.

Bald wird der Defensivallrounder Vater, vielleicht liegt es daran, dass er sich mit dem nur um ein Jahr verlängerten Kontrakt zufriedengab. Zudem glimmt in ihm die Hoffnung, als einziger verbliebener Drittligaaufsteiger mit Union den Durchmarsch zu schaffen.

Gegen Aue brüllte Parensen und wedelte aufgeregt mit den Armen, doch die Mitspieler wachten nicht auf. Kurz darauf durfte Bobby Wood den Ball am Sechzehner in Ruhe annehmen, und Stefan Mugosa bedienen, der ohne Gegenwehr zur Führung der Gäste traf. In Hälfte zwei wechselte Düwel die beiden defensiven Mittelfeldspieler Zejnullahu und Björn Jopek aus, zog den offensiv unauffälligen Kreilach als alleinigen Sechser vor die Abwehr zurück, und versuchte es mit zwei Stürmern. Clemens Fandrich erhöhte auf 0:2.

Es lag wohl daran, dass es für Aue um alles ging und für Union um fast nichts. „Es ist das Bitterste, so etwas zugeben zu müssen“, sagte Parensen. Der Frust saß tief. Der Einzige, der zumindest ein bisschen lächeln konnte, war der eingewechselte Kobylanski, der per Fernschuss den Anschlusstreffer erzielt hatte. Sein Leihvertrag läuft bis Saisonende. Entweder ziehen die Berliner die Kaufoption oder der 21-Jährige kehrt nach Bremen zurück. „Abgeneigt, hier bei Union zu bleiben, bin ich nicht“, sagte er. Lob bekam er an diesem Tag aber nur vom Gäste-Trainer.