Braunschweig - Als der Ball zum ersten Mal im Netz landete, griff sich Benjamin Kessel an den Kopf. Fünf Jahre ist er für Eintracht Braunschweig aufgelaufen und entsprechend hatte er seine neuen Mitspieler beim 1. FC Union über die Stärken und Schwächen des Gegners aufklären wollen. Besonders gut kennt der Verteidiger Eintrachts Antreiber im Mittelfeld Mirko Boland.

Die beiden teilten sich oft das Zimmer. „Das ist einer der besten Fußballspieler, mit denen ich gespielt habe“, sagte Kessel nun nach der Partie, „und einer der schlechtesten Kopfballspieler.“ Er war frustriert und das Spiel verloren. War die neu formierte Union-Abwehr sogar für den schlechtesten Kopfballspieler zu schwach gewesen oder hat sich Kessel geirrt? Die Antwort lautet zwei Mal Nein.

Fünf Schritte links von Kessel erklärte der vermeintliche kopfballschwache Boland sein Kopfballtor zum 1:0, und wie er den Berlinern später – aufgrund einer Verletzung am Knie schon halb lahm – das finale 2:1 unter die Latte drückte. „Ich habe versucht, den Ball weiterzuleiten“, sagte Boland über seinen ersten Treffer, „ich weiß nicht, wo der hingeht“ über den zweiten. Dennis Daube hatte die Direktabnahme aus der Distanz unhaltbar für Union-Torwart Daniel Haas abgefälscht.

Es war tatsächlich Pech dabei, dass Union in Braunschweig mit 1:2 unterlag. Dieses Urteil lässt sich vor allem auf Basis der guten zweiten Halbzeit fällen. Besorgniserregend ist dennoch, dass die Mannschaft schon zum dritten Mal in den fünf Spielen unter Sascha Lewandowski trotz Überlegenheit keine Punkte gewann. „In dieser Fülle habe ich unglückliche Niederlagen nicht erlebt“, sagte der Trainer.

Überraschendes Comeback

Die Frage war ja gewesen, wie Lewandowski die toranfällige und durch Verletzungen geschwächte Abwehr stabilisieren würde. Er versuchte es, indem er einen der Verletzten zurück in die Startelf holte. Entgegen der offiziellen Verlautbarungen konnte Michael Parensen zehn Tage nach der Operation seines gebrochenen Arms mitwirken. Er verbarg die Karbonschiene unter den langen Ärmeln seines schwarzen Unterhemds. „Ich konnte mich gut bewegen und hatte keine Schmerzen“, sagte er. Vor dem Anpfiff hatte Lewandowski seine beiden Innenverteidiger Parensen und Roberto Puncec zu sich geholt. Beide ließen sich hernach nichts zu Schulde kommen.

Die Defensive stand kompakt und funktionierte gut, auch weil Eroll Zejnullahu vor der Abwehr durch ein gutes Zweikampfverhalten und Positionsspiel im Raum überzeugte. So sicher die Verteidigung war, so harmlos waren die Angriffsbemühungen. Beide Mannschaften versuchen, das Umschaltspiel des Gegners zu unterbinden. Unions Außen ließen sich sehr tief fallen und Braunschweigs Dreier- war meist eine Fünfer-, manchmal gar eine Sechserabwehrkette.

Dann bekamen die Gastgeber nach einem Foul des an diesem Tage oft orientierungslosen Christopher Trimmel einen Freistoß zugesprochen, und Boland narrte Haas. Auch Union kam nur dank eines Standards zum Torerfolg. Kessel verwandelte einen Elfmeter zum Ausgleich, nachdem Sören Brandy vom Braunschweiger Torhüter von den Beinen geholt worden war. Danach hob er entschuldigend die Arme.

Starke zweite Hälfte

Nach dem Seitenwechsel dominierte die Eisernen das Geschehen, nun gelangen endlich auch ein paar Spielzüge. Bobby Wood hatte zwei Mal die Führung auf dem Fuß, fand aber nicht die richtige Balance. „Es ist schön, wie die Situationen herausgespielt wurden“, sagte Lewandowski. „Und wir haben die Bälle gut zurückerobert.“

Braunschweig wirkte nun angeschlagen, und dass nicht nur, weil Boland nach einem Zweikampf über das Feld humpelte. Er habe nur noch geradeaus laufen können, so instabil sei sein rechtes Knie gewesen, berichtete er. Für einen letzten Schuss mit links reichte es aber.

Nach dem erneuten Rückstand zeigte sich Unions große Schwäche: Es fehlt jemand, der dem Team in Druckphasen Halt gibt. „Die Köpfe sind runtergegangen“, sagte Lewandowski. Die fußballerischen Qualitäten von Damir Kreilach sind nicht geringer als die von Boland, doch vermochte er es wieder nicht, das Team aus der Schlussphasendepression zu reißen.