Hoch oben in der neuen Haupttribüne hat der Präsident eine geräumige Doppelloge, und an der Wand steht dieser schöne Spruch. „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“ Für den 1. FC Union gibt es in Fußballdeutschland nur noch einen Ozean, den es zu entdecken gibt. Vor dem ersten Saisonspiel hat Dirk Zingler in einem Interview bekräftigt, dass der Verein „in die Bundesliga“ wolle. Eine Zielvorgabe für die angelaufene Spielzeit soll sein Wille nicht sein. Man habe Zeit. Von seinem gemütlich gepolsterten Ausguck unter dem Dach konnte der Präsident am Sonntagnachmittag beobachten, dass sein Klub diese Zeit auch braucht. Union verlor jedenfalls den Saisonauftakt gegen den VfL Bochum mit 1:2 (0:0).

Die Vorfreude war groß, das Stadion an der Alten Försterei natürlich bestens gefüllt. Die Fans auf der Gegengerade schwenkten ein Banner. „Fußball pur – Tradition bewahren! Wir machen das mit den Fahnen!“, war zu lesen. Dazu wurden drei Symbole hoch gehalten: Bratwurst, Bier und Logo des 1. FC Union. Die Versorgung für Leib und Magen waren bereits vor Anpfiff organisiert, fehlte also nur noch, dass ihr Team nach einer guten Vorbereitung ebenso erfolgreich in die Saison starten würde.

Die Spieler auf dem Feld gaben sich umgehend der Aufgabe hin, den 18 823 Zuschauern die geforderte Seelennahrung zu liefern. Union setzte sich früh in der gegnerischen Hälfte fest, das rhythmische Klatschen von den Tribünen wurde dementsprechend von Minute zu Minute lauter. Doch nach zehn Minuten ebbte die Anfangseuphorie ab. Da segelte mal ein Pass von Baris Özbek ins Aus, mal schenkte Torsten Mattuschka den Gästen durch einen Fehlpass einen gefährlichen Konter. Das Spiel plätscherte bei hochsommerlichen Temperaturen dahin, bis plötzlich Christian Tiffert in der 22. Minute alleine vor Daniel Haas auftauchte. Der Union-Keeper fuhr seine Tentakel aus. Es plätscherte wieder.

„Und so zogen wir in die Bundesliga ein und wir werden auch mal Deutscher Meister sein“, sangen da die Fans auf der Waldseite. Sie schmetterten: „Deutscher Meister FCU“. Wenn alle Gegner ihre Torchancen so leichtfertig vergeben wie Richard Sukuta-Pasu, dann wäre in der Tat alles möglich. Der Bochumer Stürmer hatte nach einer halben Stunde zunächst Torwart Haas ausgetrickst, dann sich selbst. Aus Frust trat er ein Loch in die Bande. „Volltreffer“, stand da. Kurz darauf köpfte Özbek eine Bochumer Freistoßflanke auf das eigene Tor.

Man werde das Saisonziel vielleicht erst im Herbst nennen, hatte Zingler mitgeteilt. Bis dahin wolle man beobachten, ob alles wie gewünscht funktioniere. Gegen Bochum zeigte sich, dass dem bislang noch nicht so ist. Ein bisschen mehr Ballbesitz verzeichneten die Unioner in der ersten Spielhälfte, doch die Spieler zögerten, die Segel für die Entdeckungsfahrt zu setzen. Es fehlte der Mut zum Angriff.

Den zeigten die Gastgeber erst, als es schon eigentlich zu spät war. Nachdem Danny Latza in der 64. Minute den Führungstreffer für Bochum erzielt hatte, wagte sich Union nach vorne. Allen voran der eingewechselte Steven Skrzybski. Tags zuvor hatte der Verein den Vertrag mit dem 20-jährigen Stürmer, der dem Union-Nachwuchs entwachsen ist, um zwei Jahre bis 2015 verlängert. Er sei „überzeugt, dass Steven den Durchbruch bei uns schaffen kann“, hatte Uwe Neuhaus verlautbaren lassen. In der 66. Minute hätte Skrzybski seinem Trainer diesen Gefallen tun können, doch er scheiterte freistehend an Andreas Luthe im Bochumer Tor. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Immerhin, seine Mitspieler gingen nun wieder so engagiert in die Zweikämpfe wie zu Spielbeginn.

Die Aggressivität wurde belohnt. Damir Kreilach drehte einen Freistoß zum Ausgleich ins Netz (86.). Doch die Freude über das Debüttor des Mittelfeldspielers währte nur kurz. Verteidiger Mario Eggimann klärte eine Flanke im Strafraum mit der Hand, den Strafstoß verwandelte Marcel Maltritz unbeeindruckt von den gellenden Pfiffen auf der Tribüne.

Die Erkenntnis kam nicht überraschend, war aber doch schmerzhaft. Die Zweite Liga ist keine ruhige See. Dessen ist sich Trainer Uwe Neuhaus bewusst, unmittelbar nach dem Abpfiff kam er zu folgendem Schluss: „Bochum hat uns das Leben mit einer guten Ordnung schwer gemacht. Aber das darf uns zum Schluss natürlich nicht passieren. Da müssen wir diesen Punkt einfach mitnehmen.“