Mitbestimmung ist ein teures Gut – und Verbundenheit nicht zu bezahlen. Jedoch: Die Zeiten, in denen sich Menschen nur aufgrund der möglichen Teilhabe und des Wir-Gefühls dem 1. FC Union angeschlossen haben, sind vorbei.

Innerhalb des letzten Jahres ist die Zahl der Mitglieder bis Ende September um ein Drittel auf 17.753 gewachsen. Der nächste Rekord wird am Mittwoch Abend auf der Jahreshauptversammlung vermeldet werden. Dahinter steht eine Strategie. Diese basiert auf einer Notwendigkeit, schafft aber dennoch Verdruss.

Um 19 Uhr kommen die Unioner in der Ballsporthalle Hämmerlingstraße zusammen. Und wieder mal stellt sich die Frage, wie Union in ein paar Jahren aussehen wird. Der Schritt vom Arbeiterklub zum Fußballunternehmen ist gemacht. Ersetzen demnächst Kunden das über viele Jahre gewachsene soziale Netzwerk auf der Tribüne?

2700 neue Mitglieder

Diese Furcht haben diejenigen, die beklagen, dass die Mitgliedschaft keine reine Herzensangelegenheit mehr ist, sondern Kalkül. Sie ist kein kein Wert mehr an sich. Zumindest für viele der Tausenden Neuankömmlinge. Denn sie bietet Zugang zu exklusiven Inhalten. Los ging es im Herbst 2011 mit der Stadion-Aktie.

Innerhalb von nur drei Monaten traten 2700 Menschen ein, um sich einen Anteilsschein (500 Euro) sichern zu können. Der Gegenwert ist hier eher symbolisch. Seither stieg die Zahl Vereinsangehörigen weiter an, auch weil es oft die einzige Chance ist, um an Karten zu kommen: Für viele Spiele, sei es zu Hause oder auswärts, und für das Weihnachtssingen gehen genau null Tickets in den freien Verkauf. Sie sind nach der vereinsinternen Vorverkaufsphase vergriffen.

Das neueste Lockmittel ist die ausschließliche Vergabe von Dauerkarten an Vereinsmitglieder ab der Saison 2018/19. Diese Ankündigung im März 2017 löste den eingangs erwähnten sprunghaften Anstieg aus – und die Diskussionen.

Plötzlich steht die Frage im Raum, wer ein wahrer Unioner ist: Die Mitglieder, die Jahrzehnte langen Dauerzuschauer, die Blutspender, die Stadionbauer oder die Exil-Eisernen? Auf einmal wird konkurriert, wer der Treueste der Treuen ist, also: Wem der Luxus gebührt, seine Herzensmannschaft im Stadion beim Spielen anzuschauen.

Zwang wird als Kränkung empfunden

Bislang hatten Dauerkarteninhaber ein Vorkaufsrecht für die darauffolgende Saison, ob Mitglied oder nicht. Der Verein bekam so zu Saisonbeginn eine gewisse Liquidität, der Fan die Gewissheit, bei jedem Heimspiel seine Fußballfamilie zu treffen.

Das reichte als Band zwischen Union und Unionern. Doch inzwischen ist die Nachfrage größer als das Angebot. Einer, der seit den Achtzigerjahren kaum eine Heimpartie verpasst hat, befürchtet, dass das soziale Umfeld zerbreche. Mitglied ist er nicht wie auch der größere Teil seiner Freundesgruppe. Sie könnten das jetzt ändern. Aber!

Schon für die laufende Saison fiel der Rabatt (zwei Spiele gratis) weg, künftig kommt zum Platz-Abo (187 Euro Steh-, 680 Euro Sitzplatz) der Mitgliedsbeitrag (10 Euro pro Monat) dazu. 120 Euro mehr sind für manche nicht zu stemmen.

Höher als die finanzielle Barriere ist oft die psychologische. Nach (auch schlechten) Jahren, in denen Geld und Leidenschaft bereitgestellt wurden, wird der Zwang als Kränkung empfunden.

Nutzerbindung ist das neue Ass im Ärmel

Dabei ist durchaus Verständnis vorhanden dafür, dass der Klub eine Lösung für das Platzproblem sucht und den Mitgliedern etwas bieten möchte oder muss. Es gibt sogar die Hoffnung, dass die Entscheidung dazu beiträgt, echte Unioner im Stadion zu haben und keine „Eventies". Aber echte Unioner fühlen sie sich auch ohne Mitgliedsausweis als echte Unioner.

Das Problem: Dankbarkeit ist rückwärtsgewandt und daher aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll. Der Blick von Präsident Dirk Zingler geht nach vorne – und da taucht ein 37.000-Zuschauer-Stadion auf. Der Wunsch lautet, Union wirtschaftlich und infrastrukturell so aufzustellen, dass die Bundesliga nicht nur ein Ausflug wird.

Dafür ist das große Stadion die Basis. Aber mal eben 15.000 Zuschauer mehr holen nicht mal die euphorischen Eisernen so leicht vom Sofa. Deshalb ist der Mitgliederzuwachs so wichtig. Die Nutzerbindung ist das neue Ass im Ärmel. Denn der bisherige Trumpf, dass sich alle aufgrund der Platzknappheit frühzeitig mit Karten eindeckten, wird wegfallen. Welche Auswirkung ein Überangebot auf den Verkauf hat, zeigt sich bei Hertha BSC.