Berlin - Nachdem Kenny Prince Redondo in Düsseldorf sein erstes Rückrundentor erzielt hatte, stichelte ein Berliner Journalist: „Der Chancentod hat zugeschlagen“, ob man das so sagen könne? Redondo aber ließ sich nicht provozieren. „Stete harte Arbeit wird belohnt“, das sei seiner Meinung nach die bessere Überschrift.

„Wir wollen alles raushauen und Stuttgart schlagen“

Andere Fußballer würden sich so eine respektlose Begrüßung nicht bieten lassen. Aber der 22-Jährige ist viel cooler, als es auf dem Platz oft den Anschein hat. Ein paar hochkarätige Möglichkeiten hat er ja wirklich in aller Eile ausgelassen. Dennoch täte Union-Coach Jens Keller gut daran, ihm am heutigen Abend beim Tabellenführer in Stuttgart (20.15, Sport1) erneut den Vorzug vor dem zwei Jahre älteren Simon Hedlund zu geben. Gerade weil so viel auf dem Spiel steht. „Wir wollen alles raushauen und Stuttgart schlagen“, sagt Redondo.

Bei einer Niederlage wäre der direkte Aufstiegsrang drei Zähler entfernt, mit einem Sieg schlösse Union auf, und die vier führenden Vereine gingen punktgleich in die vier abschließenden Partien. „Wir sind keine Mannschaft, die abwarten kann“, sagt Keller. „Wir sind eine Mannschaft, die agieren möchte.“

Agieren ohne Ball

Nun ist es ein Trugschluss zu glauben, dass sich das Agieren auf die Momente beschränkt, in denen die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist. Gerade mit den Laufwegen und dem Stellungsspiel gegen den Ball, also in der Defensive, wird dem Gegner im modernen Fußball der eigene Wille aufgezwungen. Wer den Ball erobert, hat die Macht, da er das Gegenüber überrumpeln kann. Den Ball zu besitzen, das ist nur für die Besten der Besten eine erfolgsbringende Option. Und die spielen nun mal nicht für Union.

Deshalb hat sich Redondo zuletzt nachdrücklich empfohlen. Er war es, der sich vor dem 1:0 gegen Kaiserslautern am vergangenen Wochenende den Ball an der gegnerischen Eckfahne erkämpfte. Es war ein Beispiel von vielen für seine aufopferungsvolle Arbeit. „Ich versuche, mich hinten und vorne einzuschalten und erlöse so auch ein bisschen den Linksverteidiger. Für den ist das manchmal ein bisschen zu viel.“ Zumal der Linksverteidiger zuletzt Kristian Pedersen hieß und nach einer längeren Verletzungspause nach Stabilität suchte.

„Jetzt liegt es an dir."

Redondo, Sohn einer spanischen Mutter und eines äthiopischen Vaters, hat den Ernst seines späteren Berufs schon als Kind begriffen. „Mit elf Jahren habe ich gemerkt, dass ich Talent habe und das pflegen sollte.“ Da trug er noch das Trikot des Münchner Stadtteilklubs Rot-Weiß Oberföhring. Mit 14 Jahren spielte er in Oberhaching vor, ohne zu wissen für was eigentlich. Erst daheim verrieten die Eltern: Es war ein Auswahltraining für die Sportschule, einen Monat wartete die Familie auf die Antwort. „Da habe ich gemerkt, dass das wichtig gewesen ist.“ Als die Zusage kam, sagte er sich: „Jetzt liegt es an dir. Die Schule kann dir helfen, aber sie macht keinen Ronaldinho aus dir.“

Einer, der schon in so jungen Jahren solche Gedanken hegt, der findet im auf Kollektivität getrimmten Fußball heutzutage schnell seinen Platz. Beim Drittligisten Unterhaching schaffte er unter Christian Ziege den Sprung ins Männerteam. „Bei ihm bin ich so richtig aufgeblüht. Es ist schon ein bisschen was anderes, wenn dir jemand was erzählt, der schon alles selber erlebt hat“, erinnert sich Redondo. Ähnliches gilt nun für Keller: „Wenn es um Kleinigkeiten geht oder um Probleme in der Mannschaft, dann hört man ihm mehr zu.“

Er machte große Fortschritte

Es war sicherlich nicht ganz einfach für ihn, ab Sommer 2015 in seiner ersten Saison bei Union den Überblick zu behalten. Drei Trainer, drei Konzepte. Redondo saugte alles auf: „Taktisch ist es sehr anspruchsvoll, im richtigen Moment loszulaufen und sich auch mal ein paar Wege zu sparen.“ Im letzten halben Jahr unter seinem Union-Coach Nummer vier, Jens Keller, machte er die größten Fortschritte.

Nicht vielen ist aufgefallen, nicht mal ihm selbst, dass er gegen Kaiserslautern bereits seinen 50. Pflichtspieleinsatz für Union absolvierte. Von Keller wurde er nur in einem Spiel nicht eingesetzt, beim Heimsieg gegen Braunschweig. Trotzdem nagten die Zweifel an ihm. „Man hat immer den Anspruch, von Anfang an zu spielen. Wenn das eine Zeit lang nicht so ist, fängt der Kopf an mitzuspielen. Man fragt sich, ob man vielleicht nicht gut genug ist.“ Die Trainer kamen dann auf ihn zu und erklärten, dass es nicht an ihm liege, sondern an der Erfolgsserie der Kollegen. Er solle Geduld haben.

„Tausend Gedanken gleichzeitig“

„Ich bin dankbar, dass ich aus meinen Fehlern lernen durfte“, sagt Redondo. Drei Tore hat er in dieser Saison erzielt, drei mehr hätten es schon sein müssen, findet er selbst. Deshalb blieb er nach den Mannschaftseinheiten oft auf dem Platz und bat einen der Torhüter zum Eins-gegen-eins. Aus den „tausend Gedanken gleichzeitig“, die ihn vorher quälten, weil er dank seiner Schnelligkeit auf dem Weg zum Tor immer so viel Zeit hat, ist einer geworden: treffen.