Berlin - Hertha BSC ist seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Im Freitagabendspiel der Fußball-Bundesliga besiegte die Elf von Trainer Jos Luhukay den SV Werder Bremen nach Toren von Adrian Ramos (17., 27.) und Ronny (49.) einerseits und Nils Petersen sowie Aaron Hunt (31.) andererseits durchaus verdient mit 3:2. Ein Sieg, mit dem sich die Berliner schon mal auf ein Weihnachten im Glanz eines schicken Tabellenplatzes einrichten können. „Es war nicht immer gut, heute“, sagte Luhukay, „aber wir haben uns heute immer wieder zurückgearbeitet.“

Favoritenrolle? Hertha BSC? Gegen Werder? Ja, klar, klingt komisch, entspricht aber den Tatsachen, denn in den vergangenen Monaten haben beide Klubs eine Entwicklung genommen, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Während sich der Aufsteiger schneller als erwartet wieder in der Bundesliga etabliert hat, sind die seit Monaten vergebens um Fortschritt bemühten Hanseaten nur noch ein Schatten vergangener Tage.

Wobei das 0:7 gegen den FC Bayern in dieser Hinsicht für die Fans des SV Werder das wohl traumatischste Erlebnis dargestellt hat. Eine historische Pleite war das am vergangenen Sonnabend, aus der der heftig kritisierte Übungsleiter Robin Dutt für den Auftritt in der Hauptstadt allerdings nur in einem, wenngleich auch sehr prominenten Fall eine personelle Konsequenz gezogen hatte. Für den von Franck Ribéry vorgeführten Mannschaftskapitän Clemens Fritz rückte Philipp Bargfrede in die Startelf.

Schau und Horrorshow zugleich

Von der ersten Minute an entwickelte sich ein Spiel, das für den neutralen Beobachter aufgrund der Torchancenflut eine Schau, für die verantwortlichen Trainer allerdings eine Horrorshow war. Konzentrationsschwächen hier wie dort, wobei sich bei den Gastgebern zuvorderst Innenverteidiger John Anthony Brooks in die Rolle des Fehlerteufels dilettierte. Beim 0:1 verlor er auf dem nebelnassen Rasen den Halt, schlitterte durch den Strafraum, kam deshalb zu spät, um Nils Petersen am Torschuss zu hindern.

Beim 2:2 wiederum war er nicht handlungsschnell genug, um den Passweg auf Hunt zu erkennen, der mit seinem Rechtsschuss Hertha-Keeper Thomas Kraft keine Chance ließ. Kraft, der beim ersten Gegentreffer mit seiner trägen Parade einmal mehr Zweifel an seiner Klasse provoziert hatte. Luhukay folgte dem Wunsch von Brooks nach einer vorzeitigen Dusche bereits in der 38. Minute und schickte für den Deutsch-Amerikaner Peter Niemeyer aufs Feld, der allerdings nicht die Position von Brooks übernahm, sondern den in die Abwehrreihe verschobenen Hosogai im Mittelfeld ersetzte.

Komplexe Schuldfrage

Die Schuldfrage gestaltete sich für Dutt etwas komplexer. So hätte der Werder-Coach nach einer halben Stunde sowohl beide Außenverteidiger (Theodor Gebre Selassie, Santiago Garcia) als auch beide Innenverteidiger (Assani Lukimya, Luca Caldirola) vom Platz nehmen können. Der Reihe nach fabrizierten die Genannten nämlich grobe Schnitzer. Wovon insbesondere der überragende Adrian Ramos profitierte, der in der 17. Minute zunächst sicher einen Strafstoß verwandelte (Gebre Selassie hatte den dieses Mal über links angreifenden Per Ciljan Skjelbred zu Fall gebracht) und nur zehn Minuten später Lukimyas Orientierungslosigkeit mit einem Linksschuss zum 2:1 nutzte.

Während der Spielertausch bei Hertha, mal abgesehen von ein paar Niemeyer-Nervositäten, die erwünschte Wirkung erzielte, regierte bei Werder auch nach dem Wechsel das Chaos. So kam in der 48. Minute nach einer Flanke von Tolga Cigerci plötzlich der aufgerückte Peter Pekarik frei zum Kopfball, Torhüter Raphael Wolf zuckte, wehrte auch noch ab, aber eben direkt auf den linken Fuß von Ronny, der zum 3:2 abstaubte.

Dass dieser Treffer schließlich zum Siegtreffer befördert werden sollte, war zu diesem Moment noch nicht abzusehen. Denn so sehr sich alle auch um Kontrolle bemühten − das Fehlerfestival nahm kein Ende. Alles blieb deshalb möglich. Ein 4:2, als Marcel Ndjeng in aussichtsreicher Position zum Schuss kam. Aber auch ein 3:3, als Kraft bei einem Freistoß von Hunt den Ball nur an den Pfosten lenken konnte (87.), Hosogai jedoch als Retter zur Stelle war.