Neunhundertneunundneunzig Mal Formel 1 – und am Wochenende wird in Schanghai der 1 000. Grand Prix gefahren. Im Mittelpunkt des vierten Serienteils stehen die Charakterzüge dieses Sports.


Welches ist der beste Moment, um über die Formel 1 nachzudenken?
Jener, in denen der Reporter im Taxi einen Slalom an brennenden Ölfässern vorbei zum Flughafen in Bahrain flüchtet? Jener, in dem er nach dem ersten Titel von Michael Schumacher im Ferrari eine rote Perücke übergestülpt bekommt? Oder jene fassungslosen Momente nach dem Tod von Ayrton Senna, in denen nur noch Schatten über der Königsklasse liegt? Trotzdem geht es immer weiter, und die Ignoranz der Sentimentalitäten ist vermutlich der größte Antrieb in der Champions League des Motorsports. Gnadenlos gegen andere, noch gnadenloser gegen sich selbst. Vielleicht ist es auch jener Moment, in der ein Chronist der frühen Jahre sagt: „Es ist die Eroberung des Sinnlosen.“

Trotzdem macht der PS-Zirkus alle Welt rasend, auch nach 999 Vorstellungen noch. Immer wieder, immer weiter. Das hat mit den Charaktereigenschaften der Formel 1 zu tun. Ein Charisma, dass sich aus Gier, Stolz, Leidenschaft, Unvernunft und Mut zusammensetzt. Keine schlechte Mischung, vor allem aber eine höchst explosive.

Vom ersten Moment an heißt es: die Königsklasse.
Als am 13. Mai 1950 in Silverstone das erste Rennen einer neuen Serie ausgetragen wird, reist der britische Herrscher Georg VI. aus dem Buckingham Palace an, Prinzessin Elizabeth wird durch Strohballen geschützt. Ferrari fehlt, den Italienern war das Startgeld nicht hoch genug. Das ist ein Indiz, wohin alles führt. Später werden die roten Rennwagen jene sein, die die meisten Grands Prix absolvieren, reich entlohnt. Ein Extra-Bonus, weil die Faustformel gilt: Die Formel 1 wäre nichts ohne Ferrari. Das gilt aber auch umgekehrt.

Im Rahmenrennen fährt damals ein gewisser Bernard Charles Ecclestone mit. Der verdingt sich später als Gebrauchtwagenhändler und Teamchef. Vor allem entdeckt er in den Siebzigern die Selbstvermarktung, mit starker Betonung auf Selbst. Seine Autokratie macht viele reich, heute ist die Formel 1 ein Zwei-Milliarden-Business. Der Schotte Jackie Stewart erfindet das persönliche Sponsoring, mancher seiner Verträge gilt heute noch: „Die Formel 1 ist nichts weiter als ein Goldfischglas im Wasser eines riesigen Ozeans. Allerdings schwimmen in dem Glas ein paar kapitale Fische.“ Ein scheinbar ewiger Kreisverkehr des Geldes. Wenn Ecclestone heute als Rentner sagt, dass Rekordweltmeister Michael Schumacher kein Limit kannte, dann ist das die Charakterisierung der ganzen Branche, die so ziemlich alle Todsünden der katholischen Kirche in sich vereint – mit Ausnahme der siebten, der Trägheit des Herzens. Selbst die Techniker sind in der Gier nach Erfolg von Maßlosigkeit getrieben.

All das mündet in einen ungeheuren Stolz.
Der Formel 1 einfach nur Selbstbewusstsein zu attestieren, wäre stark untertrieben. Als 1950 die Weltmeisterschaft mit sieben Rennen ausgerufen wird, bekommt sie einen Namen, der von Anfang an niemand daran zweifeln lassen soll, dass Motorsport höchster Güte geboten wird: Formel 1. Eine erhabene Zahl, in der die angestrebte Erstklassigkeit schon steckt. Eins wie einzigartig. Vielleicht ist in Wirklichkeit alles so, wie es der nüchterne Schweizer Peter Sauber dem Reporter diktiert hat: „Das größte Geheimnis der Formel 1 ist, dass sie aus allem ein Geheimnis macht.“

So viel Ehrlichkeit gegenüber sich selbst herrscht selten vor.
Man ist stolz darauf, dass alles, was in und um diese Serie passiert, prinzipiell auf die Spitze getrieben wird, selbst wenn es die Illusion ist. 999 Rennen voller Lust und Schmerz, Tragik und Triumph – und eigentlich hat sich kaum etwas verändert. Die Formel 1 ist für sich betrachtet immer gleich geblieben, lebt sich aus, und tut so, als ob die ganze Welt von Leitplanken begrenzt würde. Sie verkörpert die Sehnsucht nach Freiheit und vergisst die Frage nach der Vernunft. Herrlich schön unkorrekt. So fährt es sich völlig ungeniert weiter. Auf die nächsten Tausend.