Es war die vierte Minute der Nachspielzeit und die letzte Szene des Spiels. Viele Hertha-Anhänger unter den 43 874 Zuschauern im Olympiastadion hielten sich die Hand vors Gesicht und wollten gar nicht mehr auf den Rasen schauen. Herthas japanischer Nationalspieler Hajime Hosogai, wieder einmal einer der Besten seiner Mannschaft, hatte etwas übermotiviert einen Freistoß direkt an der eigenen Strafraumgrenze verursacht. Glück für Hertha, dass in Sejad Salihovic der Spezialist für ruhende Bälle nach 89 Minuten ausgewechselt worden war. Aber Hoffenheims Vollblutstürmer Kevin Volland vertrat ihn glänzend, nahm Anlauf und traf wuchtig und präzise den Ball. Aber Herthas Keeper Thomas Kraft zirkelte den Ball mit einem tollen Reflex noch aus dem Tor – eine Glanztat des 25-Jährigen.

Schienbeinbruch bei Casteels

Danach war sofort Schluss und die beiden Tabellennachbarn hatten sich leistungsgerecht 1:1 getrennt. Die lange Nachspielzeit aber hatte sich durch eine tragische und äußerst unglückliche Situation nach 70 Minuten ergeben. TSG-Torhüter Koen Casteels, ein 21-jähriger Belgier, blieb nach einer waghalsigen Rettungsaktion an der Strafraumgrenze gegen den anstürmenden Adrián Ramos verletzt liegen und musste nach längerer Behandlung und Erstversorgung vom Platz getragen werden. „Es sieht so aus, als habe er einen Unterschenkelbruch erlitten“, berichtete ein sichtlich angeschlagener Hoffenheim-Coach Markus Gisdol nach dem Spiel. Casteels war in ein Berliner Krankenhaus gebracht worden, wo eine exakte Diagnose gestellt werden sollte. Die kam zwei Stunden später. Laut Klubangaben der TSG erlitt er einen Schienbeinbruch und wurde sofort operiert.

Auch Herthas Trainer Jos Luhukay zeigte sich stark berührt von der schweren Verletzung des jungen Profis und berichtete, dass auch der an der Szene stark beteiligte Ramos „total fertig sei“. Der Körperkontakt des Stürmers mit dem Torhüter sei „total unglücklich“ und natürlich keine Absicht gewesen.

Für Casteels kam Alexander Stolz ins Hoffenheimer Tor und feierte sein Bundesliga-Debüt. Stolz vertrat seinen verletzten Kollegen hervorragend und verhinderte in der Schlussphase gleich zwei Mal den Siegtreffer der Berliner, die bis zuletzt den ersten Erfolg in diesem Jahr in der heimischen Arena erzwingen wollten. Zuerst hatte der eingewechselte Sandro Wagner Torjäger Ramos wunderbar frei gespielt, doch der Kolumbianer scheiterte am sicheren Stolz (87.). Nur eine Minute später versuchte sich der Brasilianer Ronny, der es wieder einmal in die Startelf gebracht hatte, mit einer listigen Bogenlampe, die Stolz noch über die Latte bugsierte.

„Wir hatten einen guten Ersatzkeeper“, lobte TSG-Trainer Gisdol, „er hat den entscheidenden Ball gehalten.“ Dennoch sei seine Mannschaft natürlich nach der Verletzung von Casteels „angeknackst und ein bisschen schockiert“ gewesen.
Bei Gastgeber Hertha BSC, der weiter ohne Heimsieg in der Rückrunde bleibt, wussten sie am Ende nicht genau, ob sie sich über den einen Punkt freuen oder lieber ärgern sollten. „Besser als gar nichts“, sagte der eifrige Norweger Per Skjelbred, „wir wollten drei Punkte, aber Hoffenheim hat eine starke Mannschaft.“ Skjelbred war es , der schon nach elf Minuten mit einer Kopfballvorlage Sami Allagui in beste Position gebracht hatte. Der Deutsch-Tunesier traf mit einem schönen Flachschuss zum 1:0. Doch inkonsequentes Abwehrverhalten brachte Hoffenheims Eugen Polanski eine gute Chance, die der Mittelfeldmann mit einem Schuss ins linke Eck der Berliner zum 1:1 nutzte (30.).

Die besten Gelegenheiten verpasste dieses Mal Ramos. Vor der Pause scheiterte er an Casteels (44.), unmittelbar danach rutschte er an einer feinen Eingabe von Änis Ben-Hatira um Zentimeter vorbei (47.). „Das Spiel wurde immer intensiver“, sah es Jos Luhukay, der seiner Mannschaft attestierte, zumindest im zweiten Abschnitt „annähernd so gespielt zu haben, wie in der Hinrunde“.

Tatsächlich trat Hertha nach vier Niederlagen in Serie zuvor endlich wieder selbstbewusster, mutiger und aggressiver auf. Das war auch notwendig, denn die Konkurrenten in der unteren Tabellenhälfte kamen zuletzt zu Punkten, während Hertha lange bei 36 Zählern verharrte. Nun sind es 37 und der Abstand auf Relegationsplatz 16 beträgt beruhigende zehn Punkte. Das Duell gegen offensivstarke Hoffenheimer, die mit viel Power angriffen, brachte so wenigstens eine kleine Befreiung mit Blick auf die Tabelle. „Wir hätten den Sieg verdient gehabt“, urteilte Berlins Nummer eins, Thomas Kraft. Er aber hatte mit seiner Parade in letzter Sekunde eine weitere Niederlage verhindert.