Vom Zentralen Omnibusbahnhof in Wolfsburg fährt der 202er Richtung Brackstedt bis vor die Arena. Am ZOB ist drei Stunden vor Anpfiff Fahrerwechsel. Der Dickbäuchige mit dem kahlen Kopf steigt aus, lockert die Dienstkrawatte, hängt den Rucksack um die Schulter und sagt zum Kollegen: „Musst mal die Augen auf der Braunschweiger Straße aufhalten. Da haben sie ein großes Plakat mit der Aufschrift ,Scheiß DFB!’ aufgehängt.“ Dann lacht er höhnisch und geht in den Feierabend. Wolfsburger Ultras hatten etwa 40 Plakate mit Botschaften an den DFB im Stadtbild verteilt. „Vereinsliebe statt Länderspielwahn!“ war beispielsweise auf einem weiteren zu lesen.

Zwei Tickets hat der neue Busfahrer für das Testspiel zwischen Deutschland und Serbien, das am Mittwochabend 1:1 endete, angeboten bekommen – zum Preis von 40 Euro pro Stück. Viel zu teuer sei ihm das allerdings gewesen, sagt er. „Das ist es mir nicht wert. Die sollen lieber mal wieder guten Fußball spielen.“

Man muss in diesen Tagen nicht unbedingt nach Wolfsburg fahren, um festzustellen, dass die Nationalmannschaft gehörig an Kredit verspielt hat. Deshalb haben sich die Verantwortlichen um Sportdirektor Oliver Bierhoff dazu entschieden, Länderspiele künftig auch in kleineren Stadien auszutragen. Man wolle Nähe zu den Fans an der Basis haben, so Bierhoff.

101. Debütant seit 2006

Wolfsburg also. Um 19.16 Uhr fuhr der stark verjüngte Weltmeister von 2014 im neuen Teambus in der Arena vor. Die Fahrt in eine neue, erfolgreiche Ära?

Dass der zuletzt unter Erfolgsdruck geratene Joachim Löw die Verjüngungskur weiter vorantreiben will, zeigte seine Startaufstellung. Acht Spieler unter 25 Jahren liefen im 4-3-3-System auf, darunter der Leipziger Lukas Klostermann, der 101. Debütant seit 2006 unter Löw. Teamkollege Marcel Halstenberg feierte zudem nach einem Kreuzbandriss sein Comeback. Im Mittelfeld starteten Joshua Kimmich, Kai Havertz sowie Ilkay Gündogan. Die Angriffsreihen bildeten Julian Brandt, Timo Werner und Leroy Sané. Im Tor erhielt Manuel Neuer vor Marc-André ter Stegen (kam zur Pause) den Vorzug. In der Abwehr bildeten Niklas Süle und Jonathan Tah die Zentrale.

Marco Reus wurde mit Blick auf das wichtige EM-Qualispiel am Sonntag in Amsterdam gegen Holland zunächst geschont. Der Herthaner Niklas Stark blieb über 90 Minuten nur Zuschauer.

Ausgleich durch Goretzka

Für die „Generation Bolzplatzkind“, so hatte Brandt seine gleichaltrigen Kollegen genannt, begann der Auftakt ins neue Länderspieljahr holprig. Schon nach zwölf Minuten klingelte es im Kasten von Neuer. Kimmich köpfte nach einem Eckball unglücklich an den Rücken von Nemanja Maksimovic, von wo aus der Ball zu Luka Jovic flog. Weil die überraschten Süle und Tah zu weit weg standen, köpfte der Frankfurter aus fünf Metern völlig unbedrängt zum 0:1 aus deutscher Sicht ein.

In der Folge hatte die deutsche Mannschaft zwar mehr vom Spiel, machte aber zu wenig daraus. Werner (22./37.) hatte gleich zweimal die Möglichkeit auf den Ausgleich. Fast hätte Adem Ljajic dann sogar das 2:0 für die Serben erzielt. Der Offensivspieler schoss aber drüber. Zur Pause begleiteten die 26 101 Zuschauer in der ausverkauften Arena den vierfachen Weltmeister mit einem gellenden Pfeifkonzert in die Kabine.

Im ersten deutsch-serbischen Duell seit dem WM-Gruppenspiel 2010, das 1:0 an die Balkankicker ging, brachte das Löw-Team die gewünschte Dynamik und Kreativität in der zweiten Halbzeit dann auf den Rasen. Der eingewechselte Reus (58.), Sané (63.) und Gündogan (65.) hatten dicke Chancen, scheiterten aber am starken Torwart Marko Dmitrovic. In der 69. Minute löste sich dann aber der Torknoten: Leon Goretzka erzielte nach schönem Pass von Reus per Weitschuss das mittlerweile überfällige 1:1. Mit schnellen Dribblings und schönen Passkombinationen machte das DFB-Team in der Schlussphase Dampf und hätte durch Sané sogar als Sieger vom Platz gehen können.