Zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit bat Norbert Grudzinski im Olympiastadion seinen Chef zum Gespräch unter vier Augen an die Seitenlinie. Die Verwirrung war groß, denn sein Chef, Hauptschiedsrichter Michael Weiner, hatte ja schon eine Entscheidung getroffen: Rot für Ondrej Petrak, weil der Innenverteidiger des 1. FC Nürnberg nach einem missglückten Ausflug seines Torhüters Raphael Schäfer und einer Bogenlampe von Ronny auf der Torlinie zur Abwehr die Hand zur Hilfe genommen hatte.

Und gleich würde Weiner bestimmt auf den Punkt zeigen. Elfmeter für Hertha BSC, die Chance zum späten 2:2. Was sonst? Adrián Ramos hatte sich schon den Ball geschnappt, wollte den Strafstoß verwandeln. Die Zuschauer standen auf ihren Plätzen – in Erwartung des folgenden Jubels.

Hadern mit dem Schicksal

Doch Grudzinski, seines Zeichens Linienrichter, hatte etwas bemerkt, nämlich eine Behinderung von Schäfer durch Hertha-Stürmer Ramos, der auf seinem Weg aus der Abseitsposition den Weg des Keepers leicht gekreuzt hatte. Das kann man so sehen wie Grudzinski, muss man aber nicht.

Weiner jedenfalls folgte dem Urteil seines Assistenten, nahm seine Entscheidung unter wütenden Protesten der Hertha-Profis zurück und ließ mit einem indirekten Freistoß für die Gäste weiterspielen. Den schon den Feldes verwiesenen Petrak holten dessen Mitspieler zurück. Während die Berliner Profis mit ihrem Schicksal haderten, setzten die Nürnberger schließlich in der Nachspielzeit noch einen Konter, bei dem Marcel Ndjeng Josip Drmic zu Fall brachte. Weiner pfiff. Der Gefoulte verwandelte zum 3:1 (1:1)-Entstand für den Club.

Auf die Frage, wie er die umstrittene Szene gesehen hatte, sagte Herthas Manager Michael Preetz: „Wie alle im Stadion: Rot und Elfmeter! Nur der Assistent hat etwas anderes gesehen, das hat er exklusiv.“ Schäfer, der bei jeder Ballberührung ausgepfiffen wurde, weil er beim letzten Nürnberger Gastspiel provokant aufgetreten war, sprach hingegen von einer mutigen, aber richtigen Entscheidung. Nürnbergs Trainer Gertjan Verbeek sagte fair: „Ehrlich, der Schiedsrichter hätte auch ganz anders entscheiden können. Wir hatten Glück.“

"Partner von der Wall Street − Pakt mit dem Teufel?“

Sein Landsmann Jos Luhukay versuchte, seine Enttäuschung einigermaßen zu verbergen. „Der Schiedsrichter sollte nicht der Hauptdarsteller sein“, monierte er eher leise, „wir müssen nun mit seiner Entscheidung leben.“ Luhukay wusste, dass nicht diese sehr umstrittene Situation kurz vor Abpfiff für die Niederlage verantwortlich war. „Wir haben in der ersten Halbzeit vergessen, mit zwei Toren Vorsprung in die Pause zu gehen. Wir hatten vier klare Chancen, allein Adrián Ramos hatte zwei Hundertprozentige.“

Dabei hätte der Kolumbianer zum Mann des Spiels werden können. Schon nach vier Minuten köpfte er einen Eckball von Ronny zum 1:0 ein – sein 12. Saisontor. Über seinen möglichen Abschied im Sommer nach Dortmund wurde zuletzt heftig debattiert, nach dem Einstieg des Investors KKR kam Hoffnung bei den Fans auf, dass der Torjäger nun vielleicht in Berlin zu halten sei. Die Anhänger in der Ostkurve warfen in diesem Zusammenhang eine Frage auf, die sie auf ein großes Transparent gepinselt hatten: „Partner von der Wall Street − Pakt mit dem Teufel?“

Die Kombination Eckball Ronny/Kopfball Ramos war schon mehrmals mit Erfolg zu beobachten. Ronny war gestern für Peter Niemeyer in die Startelf gerückt, genauso wie Marcel Ndjeng für Peter Pekarik. Das Reservistendasein hatte für den Slowaken allerdings bereits Mitte der ersten Hälfte ein Ende, weil Johannes van den Bergh einen rabenschwarzen Sonntagnachmittag erwischt hatte. Nach 120 Sekunden sah der Linksverteidiger die Gelbe Karte, weil er nach Ansicht von Weiner etwas zu heftig in einen Zweikampf mit Markus Feulner gegangen war. Nach 23 Minuten holte ihn Luhukay rigoros vom Platz, weil er beim Ausgleichstreffer von Feulner mit seiner schlampigen Abwehrarbeit die Vorarbeit geleistet hatte.

Hertha dominierte in der Folge das Geschehen, doch war auch deutlich zu erkennen, dass die Nürnberger in der Winterpause unter der Anleitung von Trainer Verbeek bemerkenswerte Fortschritte gemacht haben. Die 2:1-Führung durch Drmic (68.), der einen Pfostenabpraller verwandelte, war der sichtbare Beweis. Das 2:2 sollte dann nicht mehr fallen – die Unparteiischen brachten Hertha kein Glück.