Das Momentum ist eine angenehme Zeit, in der alles funktioniert, in der eine unsichtbare Kraft, alles leicht erscheinen lässt, was anderen gleichzeitig so schwer fällt. Die ganze Saison über ist das Momentum beim VfB Friedrichshafen zu Hause gewesen. Aber just zu Beginn der Final-Play-offs um die deutsche Volleyball-Meisterschaft hatte es sich bei den BR Volleys aus Berlin festgesetzt.

Mit einem 2:0-Vorsprung in der Best-of-five-Serie im Gepäck reisten die Berliner zum zweiten Auswärtsspiel erneut nach Friedrichshafen. Manager Kaweh Niroomand sagte noch im Zugabteil: „Ein Sieg wäre sehr wichtig für uns. Wir dürfen das Momentum nicht verlieren.“

Aber am Mittwochabend haben es die Berliner dann doch verloren. Eigentlich war es von Anfang an schon ziemlich weg. Nach der 1:3-(23:25, 16:25, 25:22, 23:25)-Niederlage am Bodensee liegen die Berliner in der Finalserie noch immer mit 2:1 Siegen vorne. Noch immer fehlt ihnen nur noch ein Erfolg zum Titel. Spiel Nummer vier findet am Sonntag um 15 Uhr in der Max-Schmeling-Halle statt.

Diskussion mit dem Kollegen

Sie hatten es ja alle immer wieder betont. Stelian Moculescu und Vital Heynen, die Trainer der BR Volleys und des VfB Friedrichshafen, Niroomand, und auch die Spieler der beiden besten deutschen Volleyball-Mannschaften. Es ist noch nichts entschieden. Denn hier, in den Final-Play-offs um die deutsche Meisterschaft, begegnen sich zwei Teams auf Augenhöhe.

Friedrichhafens Außenangreifer David Sossenheimer gab sogar zu, dass er sich nach den Siegen über Berlin in der Bundesliga-Hauptrunde und in der Champions League oft gefragt habe, weshalb seine Mannschaft denn nun überhaupt gewonnen habe. Abends, im Hotelzimmer, habe er darüber mit Mittelblocker Jakob Günthör diskutiert. „Die Ergebnisse waren ja meistens knapp und wir haben Berlin nicht aus der Halle geschossen. Vielleicht spielen wir einfach in den entscheidenden Momenten ein bisschen cleverer als Berlin“, war seine Erkenntnis.

Am Mittwochabend dürfte Sossenheimer sich ähnliche Gedanken gemacht haben. Zumal er derjenige war, der nach 107 Minuten Spielzeit mit einem wuchtigen Schmetterschlag den Matchball für den VfB verwandelte. Der Jubel danach fiel bei seiner Mannschaft zurückhaltend aus. Heynen holte seine Spieler zusammen, dort standen sie im Kreis, der Trainer gestikulierte, redete auf sie ein. Es schien so, als wolle er das Momentum beschwören: Komm mit, begleite uns am Sonntag nach Berlin.

„Wir haben dieses Mal versucht, in unsere Köpfe hineinzukriegen, dass es ein verdammtes Finale ist, dass wir aggressiver rangehen müssen“, sagte VfB-Zuspieler Tomas Kocian. „In den ersten beiden Spielen waren wir viel zu ruhig. Jetzt ist bei uns der Funke da. Wir wollen die Serie definitiv drehen.“

Diskussion am Netz

Stelian Moculescu ging unterdessen auf seine Spieler zu, gab ihnen die Hand. Sie hatten sich in die Partie hineingekämpft. Dieses Mal mit Paul Carroll als Hauptangreifer, der zuverlässig die Bälle übers Netz drosch.

Während es Friedrichshafen besser gelang, der Partie ihren Spielstil aufzudrücken , mehr Druck im Angriff als bisher zu entfalten und ihren kleinen Sprungteufel Athanasios Protopsaltis zum Wirbeln, Legen und Schmettern (20 Punkte) zu bringen, taten sich die Berliner schwer. Sie kämpften, das ja. Im vierten Satz entschieden sie fast jeden langen Ballwechsel, teils spektakulär, für sich. Aber der Druck im Aufschlag, die Durchschlagskraft in Angriff und Block waren in den ersten beiden Finals größer.

Auch als Kyle Russell aufs Feld kam, hatte es nicht die gleiche aufputschende Wirkung wie in den ersten beiden Partien. Pierre Pujol versuchte, den VfB zunächst mit Schuhebinden abzulenken, später stänkerte er ein wenig unter dem Netz. Beide Male kassierte er dafür eine Gelbe Karte. Das Momentum konnten die Berliner am Mittwoch nicht mehr herbeizwingen. Welcher der beiden Vereine, die seit 1998 den deutschen Meister stellen, das Momentum am Sonntag auf seiner Seite hat, wird spannend zu erleben sein.