Huch. Was ist denn da los? Sascha Lewandowski will zurücktreten. Nach nur einer Woche. Kapituliert der neue Trainer des 1. FC Union vor der Anzahl der verletzten (vier) oder der gesperrten (zwei) Spieler? Vor der untrainierbaren Truppe, die er übernommen hat oder vor dem Gegner, dem Fast-Aufsteiger Karlsruher SC? Oder hält er die tägliche Anspannung, von der er berichtet, nicht aus? Nein, Lewandowski bleibt im Amt. Er findet nur, dass genug geredet wurde in dieser Woche seit seiner Übernahme. „Der Trainer darf nie der sein, der im Mittelpunkt steht“, sagt Lewandowski. Ein Schritt zurück also, raus aus dem Fokus. „Ich bin nur ein Teil der Mannschaft“, schiebt er nach.

So einfach wird es dem 43-Jährigen nicht gelingen, aus den Schlagzeilen herauszukommen. Am Sonnabend wird es die ersten Hinweise für die Beantwortung der Frage geben: Wird jetzt alles besser? Um 13 Uhr spielt Union in Karlsruhe. Und ziemlich viel hängt dabei von den Entscheidungen und Anweisungen des neuen Coaches ab. Die Union-Spieler waren ja schon vor ihm da – und bislang wenig erfolgreich. Deshalb hat Union in dieser Saison als erster Verein im deutschen Profifußball den Trainer ausgetauscht.

Lewandowskis Vorgänger Norbert Düwel hat gerne mit seinen Spielern gescherzt, doch so richtig Teil der Mannschaft war er nicht. Er war mehr Lehrer- als Kumpeltyp. Ein Gespräch auf Augenhöhe war nur mit ebenbürtigem Fachwissen möglich – also sehr selten. Gegenüber den Fans wahrte er Distanz; Lewandowski entschuldigte sich gleich am ersten Arbeitstag bei den Zuschauern dafür, dass er auf dem entfernten Platz trainieren ließ. Logistische Zwänge, keine böse Absicht. Welcher Typ erfolgreicher ist, wird sich zeigen.

Düwel soll geahnt haben, dass seine Zeit abläuft, anzumerken war es ihm nicht. Vor dem Spiel gegen Leipzig hatten die hohen Herren des Vereins getagt und über seine Zukunft beraten. Als dann wieder nicht gewonnen wurde, war das Schicksal des Trainers besiegelt, der geholt worden war, um die unliebsamen Entscheidungen zu treffen, die für den Neubeginn nach Uwe Neuhaus notwendig waren. Bis zuletzt war der Gefeuerte überzeugt, dass er mit seiner Methode Erfolg haben wird.

Lewandowski hingegen erkannte Defizite in der Spielweise. Er glaubt diese nicht sofort, aber in Bälde beheben zu können. Anzeichen der gewünschten spielerischen Dominanz will er bereits in Karlsruhe sehen. Die Truppe sei intakt, sagt Lewandowski. „Die Jungs rennen und kämpfen. Das ist eine gute Grundeigenschaft.“ Platz eins bis sechs bleibt das Ziel, obwohl Union nur vier Punkte aus fünf Spielen holte.

Genau diesem Druck – dem Blick auf die Tabelle – will der Neue sein Team nicht aussetzen. Seit Saisonbeginn hat er die Union-Partien verfolgt. Dahinter stand wohl mehr als nur weise Voraussicht. „Die Spieler wollen mit aller Macht und vor allem irgendwie ein Ergebnis erzielen“, lautet seine Beobachtung. „Und dieses Irgendwie ist etwas, das meistens nicht so funktioniert im Fußball.“ Also will er das beliebige „Irgend“ streichen und den Spielern das „Wie“ genau erklären. Das Spiel wird die Zuschauer einiges über den Taktiker Lewandowski lehren – ohne dass er darüber reden muss.

Nachteil Heimspiel?

Viel hat man in dieser Woche über den Neuen gelernt. Man weiß nun, dass er in Stadien mit lautstarker Kulisse seiner großen Stärke beraubt ist: Er kann von der Seitenlinie nicht Einfluss nehmen, weil ihn keiner versteht. Nachteil Heimspiel? Nach seinem Aufstieg vom U19- zum Bundesligacoach von Bayer Leverkusen hat er deshalb eine nonverbale Kommunikation entwickelt. Die muss er den Unionern noch beibringen. Er hat auch von der Anspannung erzählt. Die gehöre dazu, er wolle das Team eben besser machen, jeden Tag. Kein Wunder, dass das Armband seiner Uhr seit drei Wochen kaputt und das Trainerzimmer kahl ist. Nebensächlichkeiten.

Die Verletzungen von Maximilian Thiel, Fabian Schönheim, Dennis Daube und Adrian Nikci sowie die Sperren von Benjamin Kessel und Sören Brandy kann er verschmerzen, da Düwel für diesen Fall vorgesorgt hat. Der Kader ist breit. Angreifer Collin Quaner wird sich wohl endlich beweisen dürfen. In den Testspielen hat er regelmäßig getroffen, zuletzt doppelt gegen Babelsberg. Im einzigen Pflichtspiel von Beginn, im Pokal gegen Viktoria Köln, erzielte er den einzigen Treffer der Berliner. Nun ist Brandy gesperrt, und Lewandowski hatte kaum Zeit, Bobby Wood die veränderte Spielausrichtung zu erklären. Der US-Nationalspieler kehrte erst am Donnerstagmorgen von seiner Länderspielreise (Sieg gegen Peru, Niederlage gegen Brasilien) zurück.

Ein letztes Mal wollen wir den Trainer (für heute) zu Wort kommen lassen. Erinnern wir uns an die Worte bei seiner Vorstellung: „Wir können und werden daraus eine richtig interessante und klasse Geschichte machen.“ Licht an.