Berlin - Es war zu einer Zeit, da war Uwe Neuhaus noch nicht Trainer des 1. FC Union. Er wusste aber, dass er es bald sein würde und sah sich ein Spiel seines zukünftigen Teams an. Als Daniel Göhlert kurz vor Ende der Partie gegen die Reserve des BVB das Spielfeld betrat, fragte sich der Beobachter Neuhaus: „Mein Gott, warum hat der nicht von Anfang an gespielt?“ Es waren die „Wachheit“ und „Fußballintelligenz“ des damals 26-jährigen Defensivspielers, die den Fußballlehrer im Frühsommer 2007 beeindruckten. Wenige Wochen später wurde Neuhaus Coach in Köpenick und „Göhli“, wie er von allen gerufen wird, stand von nun an meist in der Startelf.

„Eigentlich ging es dann nur noch bergauf“, erinnert sich Göhlert sechs Jahre später. Aus dem Regionalligakicker wurde ein Zweitligaprofi, aus dem vor dem finanziellen Kollaps stehenden Klub ein Verein mit einem eigenen Stadion. Nun endet der Weg nach oben – zumindest für Göhlert. Am Sonntag, beim letzten Heimspiel der Saison gegen den MSV Duisburg (13.30 Uhr), wird er sich nach bis dato 172 Pflichtspielen für Union von den Fans in der Alten Försterei verabschieden.

Teil der Geschichte

Inzwischen sind die Zeiten rar geworden, in denen Göhlerts Fußballintelligenz für Union spielentscheidend ist. Von Anfang an spielte er in der laufenden Spielzeit nur zwei Mal. Immerhin, denn im vergangenen Sommer war er eigentlich raus. „Ich hätte wechseln können, wollte mich aber hier durchbeißen“, sagt der 32-Jährige. Und in der Tat: Weil andere Spieler ausfielen, griff Neuhaus gerade in schwierigen Momenten der Saison wieder auf seinen Routinier zurück, der stets leistungsbereit auf den Einsatzbefehl wartet und nie fordernd auftritt.

Nicht zu wissen, ob er an einem Spielwochenende überhaupt im Kader, auf der Bank oder ausnahmsweise mal in der Startformation stehen wird, war für Göhlert kein Problem: „Ich bin einer von 50, die das abkönnen.“ Neuhaus schätzt diesen Charakterzug ebenso wie die Wachheit auf dem Feld. Das Verhältnis zwischen den beiden war immer ein besonders gutes und vertrauensvolles. „Wir haben beide voneinander profitiert“, sagt Neuhaus. Noch einmal wird Göhlert das Union-Trikot in das Stadion an der Alten Försterei tragen. Seine Familie aus Chemnitz reist an, der Sohn bringt die ganze Schulklasse mit.

Doch einen Einsatz von Beginn an fordert der scheidende Abwehrmann zum Abschied natürlich nicht: „Feiern können mich die Fans auch in den letzten fünf Minuten.“ Er steht unter dem Tunnel, den er so oft durchschritten hat, um aus dem Kabinencontainer auf den Platz zu gelangen, und lacht gut gelaunt. Nach der Sommerpause wird der Plastikschlauch über seinem Kopf ebenso wie er selbst Teil der Vereinsgeschichte sein. Die Kabinen in der Haupttribüne werden dann fertig sein und Göhlert wahrscheinlich bei einem Drittligisten nahe der Heimat dem Beruf nachgehen.

Die Geschichte von Neuhaus und Göhlert könnte unterdessen enden, wie sie einst begann: Mit einer Einwechslung in der Schlussphase. „Aber nur, wenn wir führen“, sagt Göhlert. Wieder einmal ist er einer Meinung mit Neuhaus. Der sagt: „Emotionen sind das eine, die Situation des Vereins das andere.“