In diesen heißen Hundstagen möchte man es gerne mit dem größten britischen Premierminister aller Zeiten halten. „No sports“, hatte Winston Churchill einst einem Reporter als Grund für sein betagtes Alter verraten. Was zwar nicht der Wahrheit entsprach, denn sein jüngeres Ich hatte durchaus Vergnügen an Fechten, Schießen, Reiten und Polospielen gefunden. Doch „No sports“ setzte sich als geflügeltes Wort durch, und es ist ratsam, es damit zu halten.

Doch was sollen die jungen Herren des 1. FC Union Berlin tun, die berufsbedingt an diesem Sonntag im Stadion An der Alten Försterei mit der Partie gegen Erzgebirge Aue (15.30 Uhr) die neue Zweitligaspielzeit für ihre Teams einläuten? Hitzefrei gibt es nun mal für die Profis nicht. Zumal sie gleich zu Beginn der Saison vor ausverkauftem Haus antreten. Folglich quälten sich die Unioner dieser Tage durch ihr Übungsrepertoire, vergossen zwar nicht „Blut, Schweiß und Tränen“, aber doch reichlich Köperflüssigkeit.

Überlegungen, die Einheiten zu verlegen in frühere Morgenstunden oder gar den späteren Abend, lehnte Unions frisch gekürter Spielführer Christopher Trimmel ab. Der 31-Jährige hat dafür auch eine gute Begründung. „Das kann uns am Spieltag ja auch passieren. Wir werden natürlich jetzt nicht trainieren wie die Verrückten. Kurz trainieren, aber mit Qualität. Trinkpausen gibt es auch sehr oft bei uns. Das geht schon alles, da braucht keiner Angst haben.“

Vor einer Saison stellt sich bei jedem Klub die Frage, was steckt im neu sortierten Kader, was ist von ihm zu erwarten? Sie stellt sich für die Unioner gerade in dieser Saison, in der die Bundesliga-Absteiger Hamburger SV und 1. FC Köln die Mission Aufstieg deutlich erschweren dürften. Vielleicht ist Christopher Trimmel eine mögliche Antwort darauf. Er geht in seine fünfte Spielzeit bei den Eisernen, und das in leitender Funktion. Er steht für die Werte des Vereins und muss nun mit dafür Sorge tragen, dass sie beim Neustart die Basis bleiben.

Runderneuerung im Kader

Der Kader des Vorjahresachten wurde quasi runderneuert. „Einen großen Umbruch“, nennt Trimmel das. Sechs Spieler verließen die Köpenicker. Steven Skrzybski ging zum FC Schalke, Toni Leistner zu den Queens Park Rangers, Daniel Mesenhöler heuerte beim MSV Duisburg an, Kristian Pedersen bei Birmingham City, Dennis Daube spielt künftig für den KFC Uerdingen und Stephan Fürstner für Braunschweig.

Dem stehen mit Florian Hübner (Hannover), Manuel Schmiedebach (Hannover), Rafal Gikiewicz (Freiburg), Sebastian Andersson (Kaiserslautern), Ken Reichel (Braunschweig), Joshua Mees (Regensburg/Hoffenheim) und Julian Ryerson (Viking Stavanger) sieben echte Zugänge sowie mit Eroll Zejnullahu (Sandhausen) und Christopher Lenz (Kiel) zwei ausgeliehene Rückkehrer gegenüber.

Vier davon werden sich wohl in der Startelf wiederfinden: Gikiewicz im Tor, Reichel hinten links, Schmiedebach auf der Sechs, Andersson in der Sturmmitte. Hinzu kommt Lars Dietz, der in der Winterpause von Borussia Dortmund II kam und nun sein Punktspieldebüt für die Köpenicker feiern wird. Der Integrationsprozess wird Zeit benötigen, Trimmel sagt: „Das wird seine Zeit brauchen, bis da alles greift. Es gibt keinen Trainer, der in einer einzigen Vorbereitung das Team da hat, wo er es hinhaben möchte.“

Zumal auch die Führungscrew vor der Saison umbesetzt wurde. Trainer Urs Fischer und Sportdirektor Oliver Ruhnert betreten ja in Köpenick berufliches Neuland. In Fischers Vita stehen zwar Meistertitel in der Schweiz mit dem FC Basel und schöne Achtungserfolge mit dem FC Thun und dem FC Zürich. Aber der 1. FC Union ist seine allererste Station im Ausland. Er weiß zwar zu arbeiten und zu lehren, aber er kennt die Liga nicht. Ruhnert wiederum saß noch nie alleinverantwortlich auf einem der Chefsessel, die es bei den 36 Bundesliga-Klubs gibt. Auch er muss seiner Rolle erst einmal gerecht werden. Immerhin: Die Ansätze scheinen diesen Sommer vielversprechend zu sein.

Durstig nach Erfolg

In dieser herausfordernden Situation will Christopher Trimmel mit Leistung vorangehen. „Darüber definiert sich alles“, sagt der Rechtsverteidiger. „Und von daher finde ich gut, dass der Klub jetzt jemanden wie Ryerson gekauft hat.“ Der Norweger spielt auf Trimmels Position. „Konkurrenz belebt das Geschäft. Das macht uns alle besser“, sagte Unions Kapitän. Und das hilft, den Durst der Köpenicker nach Erfolg zu löschen.

Aufstiegsprämien auszuhandeln, sieht Trimmel nicht als seine erste Aufgabe im neuen Amt. „Das ist erstens bei jedem individuell. Und eigentlich kann es nur das Ziel sein, dass wir uns weiterentwickeln“, sagt er. „Wir wollen es auf jeden Fall besser machen als letzte Saison, das ist klar. Das ist unser Anspruch und auch unser Ziel.“ Trimmel kennt die Mechanismen, die in einer Mannschaft greifen können, schädliche Mechanismen, er warnt daher: „Nach einer Saison, in der man schon gegen den Abstieg gespielt hat, kann man nicht so vermessen sein zu denken: Ab heute spielen wir mal einfach um den Aufstieg mit.“

An diesem Punkt wird Kapitän Trimmel gefordert sein. Er muss mit dafür Sorge tragen, dass Selbstbewusstsein nicht in Selbstüberschätzung umschlägt, vor allem bei den Talenten. Und das geht, sagt Trimmel, natürlich – über Leistung: „Die müssen wir älteren Spieler bringen, das ist das Wichtigste. Dann können sich die Jungen daran orientieren.“ Der Routinier erinnert an die Leistungsschwankungen in der vergangene Saison: „Ziel ist es, dass man solche Phasen, die man immer im Spiel hat, bewältigt.“ Wieder nimmt sich der Spielführer selbst in die Pflicht. Wieder betont er, dass ihm und den anderen alten Hasen eine zentrale Rolle zukommt: „Wir müssen auf dem Feld stark kommunizieren. Vieleicht auch mal das System wechseln, wenn wir feststellen, es funktioniert halt nicht. Natürlich in Absprache mit dem Trainerteam, versteht sich.“

Testspiele nicht überbewerten

Was also vermag diese neu zusammengestellte Mannschaft zu leisten? Wie stehen die Chancen eines Aufstiegs? Die zuletzt etwas dürftigeren Testspiele – vor allem das 0:3 bei den Queens Park Rangers in London – schrecken Trimmel nicht. „Klar stellt man sich eine Generalprobe anders vor“, sagt er. „Man muss das jetzt nicht mega überbewerten. Mal gewinnt man alles in der Vorbereitung und kommt dann doch nicht aus den Startlöchern. Manchmal sind die Vorbereitungsspiele durchwachsen und du bist dann doch auf den Punkt da.“

Und dann spricht wieder der Kapitän aus Trimmel: „Wir wissen ganz genau, dass so etwas nicht mehr passieren darf.“ Und schon gar nicht zum Auftakt an diesem Sonntag. Der soll für Trimmel endlich einmal erfolgreich sein gegen den FC Erzgebirge. Denn in all seinen drei Heimspielen gegen die Veilchen konnte er noch nie als Sieger vom Platz gehen. Zwei Niederlagen und ein Remis im Vorjahr sind eine recht dürftige Bilanz für eine eigentlich eher als heimstark bekannte Mannschaft wie Union.

Und Aue? „Die spielen einen sehr guten Fußball von hinten heraus mit einem gut mitspielenden Tormann, der am Fuß sehr hohe Qualität hat. Das wird Aue kaum verändert haben. Vom dem her müssen wir da von Beginn an wach sein.“ Es spricht der Kapitän. Damit am Sonntag neben Schweiß nicht doch noch Tränen fließen in Köpenick.