Dieter Wittek hat die dunklen Jahre nicht vergessen: Der 52-Jährige und seine Freunde sind der Fortuna immer treu geblieben. Auch als Düsseldorf nur Schauplatz von Viertliga-Fußballspielen war. Damals, zwischen 2002 und 2004, hat es auch nichts ausgemacht, dass das Rheinstadion weggesprengt worden war; für die Oberliga reichte das Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich. „Damals waren wir ganz unten, man hat sich mit Handschlag begrüßt, wie eine große Familie“, erinnert sich Wittek, „jetzt kommen die Leute, die jahrelang nicht im Stadion waren, wieder aus ihren Löchern.“ Mittlerweile feiern im Schnitt fast 30.000 Menschen den Tabellenführer der Zweiten Bundesliga in der modernen Düsseldorfer Arena. Am Freitag waren es sogar fast 33.000, die den 2:1-Siegtreffer von Radoslav Jovanonic gegen Dynamo Dresden fast so enthemmt feierten wie Cheftrainer Norbert Meier. Der rannte in einem Irrsinnstempo 60 Meter über den Platz, warf sich ganz oben auf den großen Haufen Fortuna-Leiber über dem Torschützen und wunderte sich hinterher, „ob ich sie noch alle unterm Pony habe“.

23 Pflichtspiele ohne Niederlage

Düsseldorf ist Erster der Zweiten Liga, im Stadion war es noch nie so laut wie in dieser 92. Minute. Die 218 Millionen Euro teure Arena mit verschließbarem Dach und Heizung ist ein Vermächtnis des im Mai 2008 verstorbenen Oberbürgermeisters Joachim Erwin, das dieser mutige und vielleicht auch ein bisschen größenwahnsinnige kleine Mann gegen viele Widerstände durchgesetzt hatte. „Erwin würde sich vor Freude im Grab umdrehen, wenn er sehen könnte, was Fans und Verein daraus gemacht haben“, sagt Wittek und blickt versonnen in die Mittagssonne.

Die Fans des Europapokalfinalisten von 1979 (3:4 nach Verlängerung gegen den FC Barcelona) singen ihre Hymne wieder mit Inbrunst: „Wir schlagen ganz Europa, wir schlagen Bayern und Barcelona.“ Das Hochgefühl ist fundiert. Wittek nennt es „Unschlagbar-Serie“ und meint saisonübergreifend 23 Pflichtspiele ohne Niederlage. Und er ahnt, wie es kommende Saison in der Bundesliga wird: „Schwer wird es. Unteres Drittel.“

Wittek weiß, was eine Mannschaft nach einem Aufstieg erwarten kann. Am 23. Mai 2009 waren 51 000 da, als sich die Fortuna gegen Werder Bremens zweite Mannschaft endgültig den Weg in die Zweite Liga bahnte. Was dann passierte, ist fast schon Legende: Die Fortuna verlor unter Norbert Meier die ersten sechs Saisonspiele und schied gegen Koblenz aus dem DFB-Pokal aus. Meier durfte trotzdem bleiben, gewann das siebte Saisonspiel mit seiner Mannschaft 3:2 in Osnabrück und führte sie auf Platz sieben. „Nach desaströsem Start haben wir ihm alle das Vertrauen ausgesprochen“, erinnert sich Manager Wolf Werner. Den bald 70-Jährigen, der daher kommt wie ein freundlicher Großvater, bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Seit April 2007 ist der bestens vernetzte vormalige Assistenz- und Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach und Nachwuchsboss von Werder Bremen bei der Fortuna. Ein Glücksgriff.

Eine dunkle Stunde

Wie auch die Verpflichtung von Sascha Rösler. Der mittlerweile 34-jährige Angreifer ist der Anführer der Fortuna: „Sascha ist ein Leader, den diese Mannschaft brauchte“, sagt Werner. Ein „dreckiger Spieler“, bestätigt Fan Wittek. Rösler legt sich regelmäßig mit Schiedsrichtern und Gegenspielern an, er pflegt auch mal derber zuzutreten. Gemeinsam mit Maximilian Beister ist er aber in erster Linie für das Toreschießen zuständig. Der 21-jährige Beister gehört allerdings dem Hamburger SV. Werner hat gerade versucht, HSV-Sportdirektor Frank Arnesen am Telefon zu überzeugen, dass Beister ein weiteres Jahr in Düsseldorf guttun würde, allein: Arnesen möchte den Stürmer vertragsgemäß zur neuen Saison wieder in Hamburg begrüßen. Werner, der alte Fuchs, hat in dieser Personalie aber noch lange nicht aufgegeben.

Meier hat am Telefon mal wieder nicht viel Zeit: „Training fängt gleich an.“ Wer den Namen des zuvor unbescholtenen Fußballlehrers googelt, trifft unverzüglich auf ein Youtube-Video vom 6. Dezember 2005. Meier hatte als Trainer des MSV Duisburg am Spielfeldrand dem damaligen Kölner Albert Streit einen Kopfstoß verpasst, ehe er schreiend zusammenbrach. Streit sah Rot, der Trainer wurde durch TV-Bilder überführt und erhielt eine dreimonatige Sperre. Viele glaubten, die Karriere des Norbert Meier sei damit beendet. Jetzt übt er so etwas wie die süße Rache des Verdammten. Er hat seine Lehren gezogen: „Ich interessiere mich nur noch für meine Spieler. Um gegnerische Spieler oder Trainer kümmere ich mich null.“ Der 53-Jährige hat sich eine Attitüde angewöhnt, die vermuten lassen könnte, er habe zum Frühstück eine Portion Betablocker verputzt. Es sei denn, seine Mannschaft schießt in der Nachspielzeit den Siegtreffer.