Stephan Fürstner stellte nach dem so wichtigen 3:1 (1:0) gegen Kaiserslautern eine gewagte These auf, die sein Trainer umgehend ins Fabelreich der Theorie zu verweisen suchte. „Ich brauche keine Fehlentscheidungen, um ein Spiel zu gewinnen“, sagte Jens Keller. Seine Spieler und das Schiedsrichterteam hatten den Coach an der Seitenlinie leiden lassen. Erst der überraschende Ausgleich, weil die Unioner den Ball vorübergehend nicht mehr so kontrolliert durch die eigenen Reihen zirkulieren ließen. Dann der Treffer von Damir Kreilach, der fälschlicherweise wegen Abseitsstellung nicht anerkannt wurde. Schließlich der nicht gegebene Handelfmeter. Und all das innerhalb von nur vier Spielminuten.

Noch vor einem Jahr hätten sich die Fußballer des 1. FC Union in so einer Phase, vom wütenden Publikum anstecken lassen. Hätten zusammen mit den „Schieber! Schieber!“ brüllenden Zuschauern die Ungerechtigkeiten in ihrem Sport verflucht. Hätten vielleicht noch einen Hitzkopf wegen einer Unsportlichkeit verloren und das Spiel noch dazu. Doch die Mannschaft hat sich gewandelt. „Das ist genau das, was wir brauchen“, mutmaßte also Fürstner hinterher. „Erlebnisse, in denen wir vor Prüfungen gestellt werden.“

Nun war die Herausforderung in dieser Partie am Ostersonntag ohnehin schon groß gewesen − nach nur einem Punkt aus den drei vorangegangenen Spielen. Der Druck war hoch. Das erklärt, weshalb Keller der Prüfungsthese seines Defensivchefs später nicht zustimmen wollte. Diese Extraportion Stress wäre wirklich nicht nötig und auch vermeidbar gewesen. Wenn etwa in den beeindruckenden Anfangsviertelstunden beider Spielhälften Steven Skrzybski etwas eigennütziger und Sebastian Polter etwas mannschaftsdienlicher gewesen sowie Kenny Prince Redondo von den Mitspielern besser eingebunden worden wäre.

So aber hatte nur Kreilach getroffen, was natürlich für sich eine schöne Geschichte war. Nach zwei Eigentoren in drei Spielen war er an seinem 28. Geburtstag auf der richtigen Seite erfolgreich, zum achten Mal in dieser Saison übrigens. Damit ist er nun gemeinsam mit Skrzybski Unions bester Torschütze. „Ich habe den Jungs in der Kabine gesagt, dass ich heute bei Ballverlusten einfach in der gegnerischen Hälfte bleibe“, scherzte er nachher. „Das war super.“

Schön war auch die Geschichte von Fürstners Rückkehr nach überstandener Knie-OP, obwohl er Marcel Gaus bei dessen Anlauf zum 1:1 nur Geleitschutz gewährte. Die drei enttäuschenden Spiele hat er verpasst, nun baute er seine eindrucksvolle persönliche Erfolgsserie aus: Mit ihm auf dem Feld hat Union seit dem Hinspiel in Kaiserslautern am 5. November nicht mehr verloren. Das Kniegelenk hinderte ihn nicht. „Der Plan war, ohne viel nachzudenken ins Spiel zu gehen“, sagte Fürstner. „Es steht zu viel auf dem Spiel, um nur mit 80 oder 90 Prozent zu spielen.“

Nicht auf die Aktion des Gegners warten

Aber es war nicht das Mitwirken von Fürstner, was den entscheidenden Unterschied machte. Es war der Mut zur Attacke. Tatsächlich scheinen Unions Fußballer Spaß am Druck gefunden zu haben, dass zu Saisonende endlich mal was auf dem Spiel steht. Nach Jahren im gesicherten Mittelfeld. Dass etwas Einmaliges gewonnen werden kann. Nämlich die Bundesligazugehörigkeit.

Dieser Mut zeigte sich hinten im Kampf um den Ball, wo jeder den Schritt vor den Gegner machte, anstatt auf dessen Aktion zu warten. Und vorne, wo der direkte Passweg in die Spitze gesucht wurde. In beiden Bereichen hatte Union in den drei Spielen zuvor zu zaghaft agiert. „Es war wichtig, zu Hause mit den Fans ein Zeichen zu setzen, dass mehr in uns steckt“, sagte Fürstner.

Vor allem in jenen vier Stressminuten hat das Team Größe bewiesen. „Jeder kann Fehler machen“, nahm der seinem zweiten Treffer beraubte Kreilach den Schiedsrichter in Schutz. „Das gehört zum Fußball.“ Das sagt sich leicht im Nachhinein. Im Eifer des Gefechts aber ist es nicht so einfach, in den Jetzt-erst-recht-Modus zu schalten, so wie es Union gelang: Kristian Pedersen flankte, Polter köpfte ein, Kreilach legte quer, der eingewechselte Philipp Hosiner hielt den Fuß hin. „Das sind umso geilere Siege“, fand Fürstner. Spieler und Trainer müssen ja nicht immer einer Meinung sein.