Einzeln in Erscheinung tretende Fußballfans können je nach Punktestand ihrer Mannschaft und persönlichem Alkoholpegel einschüchternd wirken. Alle zusammen, so wie sie in der Kurve stehen, Lieder singen und Fahnen schwingen, müssen es sogar. Einschüchterungsversuche sind ja ausdrücklich erwünscht im Stadion. Denn Lautstärke ist ein weltweit anerkannter Heimvorteil. Und der lässt sich messen.

Im Berliner Olympiastadion etwa beträgt der Intimidation Index, also der Einschüchterungswert, zehn Prozent. In laufbahnbefreiten Arenen und bei entsprechender Euphorie können es über siebzig werden. Diese Zahlen hat Klaus Teichert am Freitagmorgen vorgestellt, vor dem Sportausschuss des Abgeordnetenhauses. Es ging mal wieder um das noch zu bauende Eigenheim von Hertha BSC. Der Geschäftsführer der Stadiongesellschaft hätte auch sagen können: „Kein Gegner fürchtet unsere Fans.“

Neue Hertha-Fähigkeit

Am Freitagabend gegen halb neun und nach dem traditionellen „Zanderstrike“ vor der Ostkurve, diesmal wieder live und am angestammten Platz im Vorprogramm gesungen, war der Intimidation Index bereits dabei, aufs Doppelte bis Dreifache zu steigen. Knapp zwei Stunden später schienen die Ränge irgendwie näher ans Spielfeld gerückt zu sein, entfaltete das ausverkaufte Olympiastadion seine volle und selten erlebte Kraft. Hertha hatte das Heimspiel gegen die Bayern tatsächlich 2:0 (2:0) gewonnen.

Und wirklich einschüchternd an diesem Auftritt war die neue Fähigkeit dieser Mannschaft, den wohl trotzdem kommenden Meister auf stellenweise Gesellengröße geschrumpft zu haben. Zunächst mit spielerischen Mitteln und später mit einer läuferischen Hingabe, die am Ende einer Englischen Woche so nicht zu erwarten war. Herthas Trainer Pal Dardai sagte hinterher: „Die körperliche Tagesform war gut. Die, die neu in die Startelf reingekommen sind, waren spritzig. Und Salomon hat mit seiner Frische die Mannschaft beruhigt.“

Ete Beer, 71 Jahre alt, Klublegende, hatte sich vor dem Spiel im Stadioninterview gewünscht, dass der Schiedsrichter doch bitte endlich mal für Hertha pfeift – und am besten einen Elfmeter. Konnte ja nicht so weitergehen wie zuletzt. Und auch Jerome Boateng schien die Berliner Strafstoßrekordserie – fünf in fünf Spielen! – als ungerecht empfunden zu haben. Jedenfalls grätschte er Mitte der ersten Halbzeit so plump im eigenen Sechzehnmeterraum, dass der so frische Salomon Kalou gar nicht anders konnte und auch nicht unbedingt wollte, als hinzufallen. Vedad Ibisevic traf vom Punkt und rannte in die Kurve, wo sie ihn mit heiseren Kehlen empfingen.

Schachmatt-Tor von Duda

Natürlich hatten die Bayern vor und nach dem Führungstreffer mehr vom Spiel, aber mit dem Wenigen, das übrigblieb, konnte Hertha erstaunlich viel anfangen. Vor allem über die rechte Seite, wo Kalou und Valentino Lazaro sich die Bälle so mutig bis riskant zuspielten, wie es ihr Trainer Pal Dardai in dieser Saison verlangt. Manchmal gab ihnen ein langer Ball den Raum, dazu ein zu kurz abgewehrter Kopfball. „Unsere Viererkette und unsere Kompaktheit, das ist Disziplin. Die Kunst ist, gegen den FC Bayern Fußball zu spielen. Mit dem Ball gehen wir besser um als in den letzten zwei Jahren“, erklärte der Coach hinterher das Erfolgsgeheimnis. 

Und dann, eine Minute vor dem Pausenpfiff, ging es selbst für die Bayern zu schnell, zack Kalou, zack Lazaro, und in der Mitte wuchtete Ondrej Duda den Ball unter die Latte zum 2:0. "Das war ein Schachmatt-Tor, das gibt Selbstvertrauen", sagte Dardai. Wann waren die Bayern mal so schüchtern in der Zweikampfführung? Wann war Hertha mal so entschlossen, Tabellenführer zu werden? Es fehlte ja nur noch ein Tor.

In der zweiten Halbzeit wurden die Bayern wütend und wütender. Sie erhöhten das Tempo, schossen, flankten und hatten einen Niko Kovac an der Seitenauslinie, der sie immer nervöser nach vorne dirigierte. Zu Kontern kam Hertha kaum, nur Duda und der für Ibisevic eingewechselte Davie Selke versuchten, ihre Mannschaft aus der Dauerbelagerung zu befreien. Und dann hörten sie ihn alle endlich, den letzten Pfiff des Abends, der das Olympiastadion in eine Party verwandelte.