20 Jahre Max-Schmeling-Halle: Von heißen Begegnungen und kalten Füßen

Goran Nikolic wird wieder an die Max-Schmeling-Halle denken. Am Montag in drei Wochen, es geht gar nicht anders. An diesem Tag liegt sein Rekord in der Arena exakt zehn Jahre zurück. Wahrscheinlich wird Nikolic im Geiste dem Basketball nachschauen, der gerade seine Hand verlässt, der über sieben, acht Meter durch die Luft segelt und in den Korb gleitet. Er wird zur Anzeigentafel aufschauen, auf das Zwischenergebnis von 136:127 und die Uhr, die das baldige Ende des Duells mit Bosna Sarajevo ankündigt.

Er wird die Fans von Alba Berlin hören, die Schreie, die Trommeln, diesen Lärm, der erst abebbt, als sich das Team unten auf dem Parkett versammelt und Nikolic müde, fast flüsternd sagt: „Ich fühle mich schwach und könnte schreien, wenn ich daran denke, wie viele Körperteile mir gerade wehtun.“

„Der Schritt in die Max-Schmeling-Halle war wahnsinnig wichtig"

Der Forward hat 63 Minuten und 40 Sekunden in der Partie des Europapokals gespielt. 65 Minuten dauerte sie, verteilt auf gut drei Stunden. Fünf Verlängerungen wurden nötig, 268 Punkte kamen zusammen, 141 für Alba, 127 für die Gäste, Rekord, Rekord, Rekord. Alba hat zuvor zwar schon Bestmarken aufgestellt und nach dem Umzug ein Jahr später in die Arena am Ostbahnhof denkwürdige Momente erlebt.

Die Max-Schmeling-Halle ist für den Klub aber deshalb etwas Besonderes, weil sie für einen Aufbruch steht. Für eine Phrase, die von Profivereinen oft geäußert wird: „In Steine investieren.“ Albas Geschäftsführer Marco Baldi formuliert es so: „Der Schritt in die Max-Schmeling-Halle war wahnsinnig wichtig für das Wachstum des Klubs.“ Sie kannten große Hallen, von ihren Reisen zu internationalen Vergleichen, aber auch aus Berlin. Den Korac-Cup hatten sie 1995 in der Deutschlandhalle gewonnen.

Der Alltag aber hieß Sömmerlinghalle, hieß 2000 Zuschauer. „Und dann ging es mit einem Sprung auf 5000, 6000“, erinnert sich Baldi. Die große Nachfrage kam derart unerwartet, dass sie zum ersten Spiel alle Zugänge öffnen mussten, um den Ansturm zu bewältigen.

Näher am Geschehen

Die Lage der Arena an der Schnittstelle zwischen Ost und West erwies sich dabei als ein entscheidender Faktor. Baldi sagt: „Als erster der bedeutenden Klubs der Stadt waren wir ein Gesamtberliner Klub.“ Das wirkt bis heute nach, wie regelmäßige Erhebungen zeigen: „Die Zuschauer kommen noch immer zu etwa gleichen Teilen aus dem östlichen und dem westlichen Berlin“, sagt Baldi. So gesehen leistete die Halle Aufbauarbeit auch für die Stadt, nicht nur für den Verein, der wiederum auf seine Weise Aufbauarbeit für die Arena leistete.

„Die Halle war ja noch nicht fertig gebaut“, sagt Baldi. „Von der Konzeption her handelte es sich um eine Boxhalle. Wir haben sie zum Leben erweckt.“ Sie taten sich zusammen, der Basketballverein und die Olympia Sportstätten GmbH (OSP), in deren Verwaltung sich seinerzeit die Arena befand. „Wir haben gesagt: ,Lasst uns die Tribünen so bauen, dass die Zuschauer näher am Geschehen sind.’ Die Tribünen wurden also steiler.“

Ein körnchengroßer Gegner

Die Türen wurden größer als geplant, so dass auch größere Athleten nicht Gefahr liefen, sich ständig den Kopf zu stoßen. Die Duschköpfe in den Kabinen wurden höher gehängt, die Toiletten, die Waschbecken, die Spiegel darüber, alles wurde einige Zentimeter höher anmontiert. „Wir befanden uns auf absolutem Neuland“, sagt Baldi. „Wenn man so will, haben wir die Halle trocken gewohnt. Es gab viele Kinderkrankheiten.“

Auch nach Albas Einzug noch. Das erste Spiel 1997 war das dritte der Saison. Der Gegner hieß Ludwigsburg, wobei der eigentliche Gegner sehr viel kleiner daherkam, körnchengroß. Die Spielstätte selbst war fertiggestellt, doch um sie herum befand sich eine Baustelle. Der Staub kroch durch alle Ritzen, setzte sich auf dem Parkett ab, es musste ständig gewischt werden. Zuvor hatte Baldi im Innenraum gestanden und fassungslos hinauf zu den Rängen geschaut.

Wochenlanges Training in der Arena

„Da kamen Zuschauer vom Getränke-Ausschank mit richtigen Gläsern.“ Dass daraus im Frustfall gefährliche Wurfgeschosse werden konnten, war den Betreibern der Buden offenbar nicht bewusst. Doch sie stellten umgehend auf Kunststoffbecher um.
Sie haben voneinander gelernt. Und miteinander. Zum Beispiel, wie sich die Brandschutztüren wieder schließen lassen, die unvermittelt und scheinbar grundlos aufspringen. Als dies das erste Mal passierte und es in der Halle immer kälter und kälter wurde, kam beträchtliche Unruhe auf.

Vor allem an der Seitenlinie. „Unser Trainer war damals Svetislav Pesic“, sagt Baldi und es klingt, als sei damit alles erklärt. Tatsächlich zeichnet den serbischen Coach, der zwischen 1993 und 2000 Alba zu Erfolgen und Titeln in Serie führte, ein gewisses Temperament aus. „Aber Pesic hat auch erkannt, dass der Schritt in die Max-Schmeling-Halle für die Entwicklung ungemein wichtig war“, sagt Baldi.

Bei allen Anlaufschwierigkeiten wussten nämlich der Coach, sein Stab und die Spieler die Vorzüge sofort zu schätzen. Vor allem den großen Heimvorteil, der auch Burkhardt Prigge einfällt, wenn er auf die Schmelinghalle angesprochen wird. Er war zwölf Jahre Assistent von Svetislav Pesic und von dessen Nachfolger Emir Mutapcic, bis 2005. Er berichtet davon, dass sie „wochenlang durchweg in der Arena trainieren konnten“. Prigge erzählt: „Manchmal lag das mobile Parkett so lange, dass die Platten auseinanderdrifteten durch die Spielbewegungen.“

Jahre der Dominanz

Für einen Heimvorteil sorgten aber auch die Dimensionen der Arena. Damals prägte noch eine klassische Schulturnhallen-Optik die Basketball-Bundesliga, baumelten im Hintergrund Kletterseile von der Decke, säumten überschaubare Tribünen das Spielfeld. „In der ersten Saison haben die anderen Teams schon gegen die Halle verloren“, sagt Prigge. Die Atmosphäre schüchterte ein. Einige Profis dürften mit besonderem Unbehagen an die Schmelinghalle denken.

Der Frankfurter Kai Nürnberger etwa. Vor allem aber der Bamberger Chris Ensminger, der das Kunststück fertigbrachte, auch Jahre nach seiner aktiven Laufbahn in den Schmährufen der Alba-Fans präsent zu sein. „Ensminger raus!“, schallt es noch heute in der Arena am Ostbahnhof unbeliebten Gästespielern entgegen, die sich fragen dürften, wer oder was, bitteschön, ein Ensminger ist.

Sein großer Moment

Auch für Schiedsrichter war die Arena kein leichtes Terrain, wobei Alba allerdings keine Hilfe von außen nötig hatte. Die Berliner waren das dominante Basketballteam jener Jahre. Ihre erste Meisterschaft feierten sie 1997 in der Schmelinghalle, ihre achte und bisher letzte ebenfalls: 2008, im Jahr des Wechsels an den Ostbahnhof. Denkwürdige internationale Vergleiche gingen in Prenzlauer Berg über die Bühne, wie das Viertelfinale 2001 in der Suproleague, als Alba das Rückspiel gegen Panathinaikos Athen nur knapp 69:71 verlor.

Und dann die Momente im deutschen Pokal. Sekunden nur, wie in jenem bemerkenswerten Finale gegen Köln: Der Ball, die Lücke, Mithat Demirel stürmt nach einer Auszeit los. Er rennt über das halbe Feld, vorbei an seinem Kölner Gegenspieler C. C. Harrison und geradewegs auf den Korb zu. Die Uhr tickt herunter: vier, drei, zwei, eins. Demirel springt, setzt zum Korbleger an. Der Ball rutscht zum 82:80 durch die Reuse, die Sirene ertönt.

Vielleicht wird sie Demirel wieder hören, wird diesen Film vor seinem geistigen Augen ablaufen lassen, im kommenden März, am 26., wenn sich der Erfolg zum 15. Mal jährt. Vielleicht denkt Mithat Demirel daran zurück, an seinen großen Moment in einer anderen Zeit an einem besonderen Ort.