Taiwo Michael Awoniyi wird künftig nicht mehr die Farben des 1. FC Union, sondern die des englischen Premier-League-Klubs Nottingham Forest tragen. Was bis dato in Bezug auf diesen Wechsel einzig und allein noch fehlt, ist zum einen die offizielle Bestätigung durch einen der beiden Klubs, zum anderen eine Auskunft über die Vertragslaufzeit.

Überraschen kann der Vorgang tatsächlich niemanden mehr, hatte der Nigerianer aus seiner Absicht, möglichst bald in das gelobte Land des Weltfußballs wechseln zu wollen, doch nie ein Geheimnis gemacht und diesen Wunsch in seinem Vierjahresvertrag mit den Eisernen mit einer entsprechenden Ausstiegsklausel hinterlegt.

Dieser Ausstiegsklausel zufolge erhält der FCU eine Rekordablösesumme in Höhe von 20 Millionen Euro, wovon ein kleiner Anteil auch an den FC Liverpool gehen wird, der sich vor einem Jahr, als Awoniyi dem Vernehmen nach für 6,5 Millionen Euro von der Merseyside fix an die Alte Försterei wechselte, eine sogenannte „signing-on-fee“ hatte zusichern lassen. Dennoch ist dieser Transfer ein prima Geschäft für die Köpenicker, ein Geschäft, mit dem man sich plötzlich in ganz anderen Dimensionen bewegt.

Wertsteigerung dank Urs Fischer

Wobei die Wertsteigerung zum einen auf die mitunter herausragenden Leistungen des Stürmers (15 Tore in der abgelaufenen Saison) zurückzuführen ist, zum anderen im Wesentlichen auf die Arbeit von Union-Coach Urs Fischer. Ohne den Schweizer Fußballlehrer wäre für Awoniyi der Traum von der Insel wohl kaum so schnell in Erfüllung gegangen. Fischer verstand sich darauf, dem Angreifer einerseits Vertrauen zu schenken, ihn andererseits auch mal mit klaren Ansagen zu reizen.

Schon am Montagmorgen beim Auftakt zur Sommervorbereitung war Awoniyi bei den Unionern nicht mehr von der Partie. Er hatte den Verein gebeten, sich bis Mittwoch frei nehmen zu dürfen, um im Gespräch mit Nottinghams Geschäftsführer Dane Murphy und mit Klubbesitzer Evangelos Marinakis letzte Details zu klären. Awoniyi soll mit dem ersten Vertragsangebot nicht zufrieden gewesen sein, die Tricky Trees legten offenbar noch einmal nach, sodass Awoniyi schließlich sein Okay gegeben haben soll.

Der 24-Jährige wird sich unter der Führung seines neuen Trainers Steve Cooper sicherlich noch steigern müssen, im Besonderen bei der Ballverarbeitung und -mitnahme, um im Duell mit den besten Verteidigern der Premier League bestehen zu können. Wenngleich das mit der Steigerung natürlich für den gesamten Klub gilt, der über ein Ausscheidungsspiel gegen Huddersfield Town nach einer 23 Jahre andauernden Phase der großen Enttäuschungen wieder in die höchste englische Spielklasse zurückgekehrt ist.

Kaderzusammenstellung nach dem Prinzip „Jugend forscht“

Die besten Zeiten der Garibaldi Reds mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister in den Jahren 1979 und 1980 leben für die meisten Anhänger dieses Klubs nur in den Erzählungen ihrer Väter und Großväter fort. Während seinerzeit über Jahre hinweg zahlreiche englische Nationalspieler (Peter Shilton, Viv Anderson oder Trevor Francis) im City Ground zu bestaunen waren, folgt die Kaderzusammenstellung am River Trent inzwischen dem Prinzip „Jugend forscht“.

Kaderplaner George Syrianos, der gebürtige Starnberger, der sich zuvor beim VfB Stuttgart als Spiel- und Datenanalyst eingebracht hatte, hat jedenfalls innerhalb weniger Monate einen tiefgreifenden Personalwechsel von Alt zu Jung vollzogen. Und Cooper, der die U17 Englands 2017 zum WM-Titel führte, ist sicherlich einer, der unfertige Spieler auf ein höheres Niveau coachen kann. Forest ist aber letztlich trotz der Millionen des mitunter schlecht beleumundeten Marinakis, der auch 67 Prozent von Griechenlands Serienmeister Olympiakos Piräus hält, im Wettbewerb mit den von enormen Fernsehgeldern gepushten Fußballunternehmen in England wohl doch nur ein Außenseiter.

Aufseiten des 1. FC Union sieht sich wiederum Oliver Ruhnert gefordert, alsbald einen adäquaten Ersatz zu präsentieren. Im Kader von Urs Fischer gibt es zwar eine Reihe von bundesligatauglichen Offensivspielern, doch die Qualitäten eines Awoniyi, der mit seiner Wucht und Unberechenbarkeit auf Bundesliganiveau in vorderster Linie den Unterschied ausmachen konnte, trägt weder ein Kevin Behrens noch ein Andreas Voglsammer in sich. Sheraldo Becker, der erklärt hat, dass er bleiben wird, Sven Michel und Sommerzugang Jamie Leweling fühlen sich hingegen wohler, wenn sie an der Seite eines Stoßstürmers den Rumtreiber geben dürfen.

Grund zur Sorge, dass mit dem Abschied von Awoniyi auch der Aufschwung der Eisernen ein Ende hat, gibt es für die Anhänger der Eisernen allerdings nicht. Wiederholt haben Leistungsträger zuletzt den Verein verlassen, ohne dass dieser hinsichtlich der sportlichen Konkurrenzfähigkeit Schaden genommen hat. Ruhnert und Fischer haben immer einen Plan B, hatten in diesem Fall sogar mehrere Monate Zeit, um sich eine Mannschaft ohne Awoniyi zu denken.