Der Schweizer Profi Fabian Lustenberger kam im August 2007 als 19-Jähriger vom FC Luzern zu Bundesligist Hertha BSC. Jetzt bestreitet der gelernte Defensivspezialist seine zwölfte Saison für Hertha. Der 30-Jährige steht vor seinem 200. Bundesligaeinsatz für die Berliner. Wir sprachen vor dem 199. Spiel an diesem Sonnabend gegen Leipzig (18.30 Uhr) mit ihm.

Herr Lustenberger, in Kürze könnten Sie zu ihrem 200. Erstligaspiel für Hertha BSC kommen. Reizt Sie dieses Ziel oder ist ihnen das Jubiläum egal?

Vor Saisonbegeinn hatte ich gelesen, dass ich bei 191 Einsätzen stehe. Da war es dann schon mein erstes Ziel, auch die 200er-Marke zu schaffen. 100 Spiele waren eine schöne Zahl, aber 200 wäre eine richtig tolle Zahl. Das haben ja bei Hertha bisher nicht so viele Profis geschafft. Das zu erreichen, würde mich stolz machen.

Wissen Sie, wie viele Spieler die 200er-Grenze bei Hertha erreicht haben?

Ich glaube, wenn ich es schaffe, bin ich in den Top 10. Ganz vorn thront ja unser Trainer Pal Dardai. An den komme ich aber nicht mehr ran. Wer ist eigentlich noch alles dabei?

Klub-Legende Erich Beer, aus Ihrer Zeit Arne Friedrich, Dick van Burik, Josip Simunic, von den älteren ehemaligen Profis auch Hanne Weiner.

Oh ja, der Dick van Burik – ein guter Mann. Und der Simunic mit 222 Einsätzen. Toll. Hanne Weiner kenne ich auch noch vom Hörensagen. Der hatte ja auch eine Fußball-Kneipe am Bahnhof Zoo. Ich selbst war nie drin, aber viele Leute aus der Schweiz, die mich besuchten, haben dort vor den Spielen ein Bier getrunken.

Drehen wir die Zeit zurück: Wie kam es im Sommer 2007 zum Wechsel vom FC Luzern zur Hertha?

Ich hatte bei Luzern mein erstes Jahr als Profi in der höchsten Schweizer Liga gespielt, als es einen Anruf von Lucien Favre gab. Der war gerade Trainer bei Hertha geworden und kam als Meister vom FC Zürich. Favre und Herthas Manager Dieter Hoeneß wollten mich, und Luzern legte mir keine Steine in den Weg. Ich glaube, innerhalb von zwei Wochen war der Wechsel perfekt. Das ging extrem schnell und alle Seiten waren zufrieden. Jetzt spiele ich meine zwölfte Saison in Berlin. Wahnsinn!

Sie kamen als 19-Jähriger in die Bundesliga. War das ein Abenteuer?

Ja, schon. Damals war es schwieriger als junger Schweizer in die Bundesliga zu kommen, als heute. Mit Alexander Frei, Benjamin Huggel und Christoph Spycher spielten gestandene Schweizer Nationalspieler in der Bundesliga, aber kein 19-Jähriger. Als ich kam, war das ein kleiner Kulturschock für mich. Ich hatte bis dahin bei meinen Eltern gewohnt, in einem ein Ort mit 2 000 Einwohnern. In Berlin bekam ich meine erste eigene Wohnung, meinen ersten eigenen Haushalt – und dann die große Stadt. Aber in Berlin kann man sich schnell wohlfühlen.

Bald kamen Landsleute zu Hertha.

Ja, vor allem Abwehrspieler Steve von Bergen. Der war extrem wichtig für mich und hat mich beim Eingewöhnen unterstützt. Wir haben noch heute Kontakt und waren mit unseren Familien zwei, dreimal zusammen im Urlaub. Der ist zuletzt sogar Schweizer Meister mit Young Boys Bern geworden. Aber auch die ganze Mannschaft hat mich damals mit offenen Armen aufgenommen.

Sie haben acht Hertha-Trainer erlebt. Bitte charakterisieren Sie jeden kurz.

So etwas ist ja immer schwierig, aber ich versuche es. Lucien Favre ist natürlich ein spezieller Trainer für mich. Er hat viel mit einigen Spielern individuell trainiert, auch mit mir. Er macht alle Teams besser. Dann kam kurz Karsten Heine. Bei ihm habe ich mich auch wohlgefühlt. Unter Friedheim Funkel sind wir abgestiegen. Und im Abstiegskampf habe ich auch Dinge gelernt, die ich für meine weitere Karriere gebrauchen konnte. Unter Markus Babbel habe ich in der Zweiten Liga fast immer gespielt, in der Ersten Liga nicht mehr.

Nach Babbels Entlassung kam Michael Skibbe zum kurzen Intermesso.

Das war eigentlich schade, denn wir haben zum Teil nicht schlecht gespielt unter Michael Skibbe. Aber Fußball ist eben ein Ergebnissport.

Hertha holte Otto Rehhagel als Retter, es folgte der Abstieg.

Ich war die Rückrunde verletzt und habe nicht gespielt.

Dann Jos Luhukay.

Unter ihm habe ich auch einen Sprung als Persönlichkeit gemacht. Luhukay machte mich ja zum Innenverteidiger. Ich habe also eine zweite Position dazu gewonnen. Und er beförderte mich zum Kapitän.

Seit 2015 ist Pal Dardai im Amt. Ist es schwierig unter einem Trainer zu arbeiten, mit dem sie zuvor vier Jahre im Mittelfeld zusammen gespielt hat?

Schwierig ist das nicht. Pal ist der Boss und entscheidet. Und ich muss mich anbieten mit Leistung, egal, welcher Trainer an der Seite steht.

Dardai nahm Ihnen die Kapitänsbinde weg, machte mit Vedad Ibisevic einen impulsiveren Typen zum Boss.

Ach, das ist schon wieder so lange her. Ich habe dann die richtige Antwort auf dem Platz gegeben, gut trainiert und bin wieder in die Mannschaft gekommen.

Welcher Mitspieler hat Sie in all den Jahren am meisten beeindruckt?

Marko Pantelic, ganz klar!

Warum?

Der war ein Phänomen. Der war unglaublich selbstbewusst und von sich überzeugt. Der hat einfach immer geknipst. Punkt. Ein unglaublicher Typ. Auch wenn er unter der Woche mal ein Training verpasst hat, an den Wochenenden war er da und hat Tore gemacht.

Stellen sie doch bitte Ihre Elf der letzten elf Jahre zusammen.

Hinten mit Dreier- oder Viererkette?

Mit Viererkette, bitte!

Wen stelle ich ins Tor? Das ist schwer. Thomas Kraft oder Jaroslav Drobny? Also Kraft im Tor. Hinten von rechts nach links: Arne Friedrich, Josip Sumunic, Steve von Bergen und Marvin Plattenhardt. Im Mittelfeld stelle ich mich auf die Sechs und daneben Per Skjelbred. Eigentlich müsste schon Arne Maier mit rein, der ist ein guter Junge, aber wir nehmen die älteren Profis. Auf die 10 stelle ich Raffael. Und vorn rechts Adrian Ramos, zentral Pantelic und links Salomon Kalou.

Das ist eine starke Truppe!

Richtig! Die könnte viele andere Mannschaften schlagen.

Was hat sich denn in den zurückliegenden Jahren am meisten verändert im Hertha-Kosmos?

Die Hierarchie. Die jungen Profis sind viel weiter als wir früher. Sie machen die Musik in der Kabine, was mich nicht stört. Sie verdienen schon sehr viel Geld, müssen aber auch schneller Verantwortung übernehmen. Wichtig ist, das die Mischung stimmt zwischen Jung und Alt.

Die stimmt im Moment. Ist das die Ursache für den attraktiven und erfolgreichen Fußball in dieser Saison?

Ja, wir haben die perfekte Mischung aus jungen und alten Spielern. Und auch der Konkurrenzkampf in dem großen Kader ist ein Schub für alle. Jeder muss immer Leistung zeigen.

Herthas Auftritte werden jede Woche in den Medien bewertet, auch benotet. Legen Sie eigentlich Wert auf solche Zensuren?

Es ist so: Ich kaufe mir am Montag nicht die Zeitungen, um zu sehen, was über mich drin steht. Das habe ich früher eher mal gemacht. Andere Leute schicken mir mal etwas, zum Beispiel, wenn ich im Kicker zum Spieler des Spiels gekürt worden bin. Natürlich lese ich gern, dass ich gut gespielt habe. Das ist schon eine Bestätigung, aber ich lechze nicht danach.

Ihr Vertrag läuft im Sommer 2019 aus. Ihre Frau Monique stammt aus Brandenburg, sie haben mit ihr drei Kinder. Wie sehen denn die Planungen für die Zukunft aus?

Wir sind offen für alles. Noch gab es keine Gespräche mit Hertha. Vielleicht kommt noch einmal ein neuer Vertrag in Berlin hinzu, vielleicht ist die Zeit für eine Veränderung da. Ich warte mal ab, bin im Sommer ablösefrei. Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen bringen, vielleicht gibt es Weihnachten eine Tendenz.

Werden Sie vielleicht sogar in Deutschland sesshaft?

Das hängt vom Sport ab. Vielleicht kann ich auch noch einmal in der Schweiz spielen? Meine Familie lebt in der Region um Luzern, alle Freunde sind dort. Ich habe ein intaktes soziales Umfeld in der Schweiz und auch in Berlin. Aber die Schweiz ist halt Heimat.

Das Gespräch führte Michael Jahn.