Ein schwacher Trost zumindest blieb Sebastian Polter, als er alleine in der Kabine auf den Fernseher starrte: Um den Sieg hat er seine Mitspieler mit dem dummen Tritt in der 55. Minute nicht gebracht. Dennoch könnte das Foul den 1. FC Union noch teuer zu stehen kommen. Denn bis zum Platzverweis war die Mannschaft auf bestem Wege, die möglicherweise aufstiegsentscheidende Tordifferenz zu verbessern. So aber reichte es gegen den SV Sandhausen nur zu einem knappen 2:1 (1:0).

Polter zeigt Reue

Noch ärgerlicher ist die Rote Karte mit Hinblick auf die vorentscheidende Partie in Braunschweig: Polter wird nicht eingreifen dürfen. „Es tut mir leid für die Mannschaft. Es ist mein erster Platzverweis im Profifußball“, sagte der Angreifer, als er schuldbewusst aus der Kabine trat und sich den Fragen stellte. Zumindest kann er darauf hoffen, in dieser Saison noch mal zum Einsatz zu kommen. Er zeigte umgehend Reue und entschuldigte sich. Absicht war es nicht gewesen, aber übertrieben ungestüm und völlig unnötig, wie er seine Stollen in die Wade von Tim Kister trieb. „Ich bin ein großer Spieler und kam mit viel Tempo, um den Ball zu blocken“, erklärte Polter. Dennoch ist damit zu rechnen, dass er den Köpenickern zwei Spiele fehlen wird – als Anspielturm und Unruheproduzent.

Immerhin hat Jens Keller das Glück, derzeit in Damir Kreilach einen ehemaligen Kapitän zu haben, der das Spiel seiner Mannschaft sogar in Unterzahl überlegen zu gestalten weiß. Und der Union-Coach hat einen anderen Stürmer in Bestform im Kader: Philipp Hosiner brachte Union nach einer halben Stunde mit seinem vierten Tor in den zurückliegenden sieben Spielen verdient in Führung. Insgesamt war es sein sechster Saisontreffer. „Es tut natürlich weh, das Polti fehlen wird, aber wir werden alle versuchen, ihn zu ersetzten“, sagte Hosiner. Mit einer Einschränkung: „Ich werde wahrscheinlich nicht 20 Zentimeter wachsen, daher müssen wir uns was überlegen.“

"Die Stimmung hier ist mir zu negativ"

In seiner Karriere hat der ehemalige österreichische Nationalspieler oft als einziger Angreifer agiert. Gemeinsam mit Polter auf dem Platz zu sein, verschafft ihm aber Freiräume, weil es der lange, bullige Kollege ist, der den Ball festmacht oder gerne auch per Kopf weiterleitet. Hosiner läuft sich dann in dessen Rücken frei, so wie beim 1:0. Dennoch wollte Jens Keller dem selbst verschuldeten Ausfall nicht zu viel Bedeutung beimessen. „Die Stimmung hier ist mir zu negativ. Wir haben drei Punkte geholt“, sagte er. „Dass Polti ein wichtiger Spieler für uns ist, ist klar. Aber Steven Skrzybski ist auch ein wichtiger Spieler, den wir ersetzt haben.“

Auf die Verletzung von Skrzybski hatte der Coach mit einer Systemumstellung reagiert: Er spendierte dem Team einen zweiten Stürmer (Hosiner) und sortierte das Mittelfeld zu einer Raute um, an dessen Spitze Simon Hedlund den Platz hinter dem Sturm einnahm. Allerdings agierte der zweite Neue in der Startelf oft im ballleeren Raum, ihm gelang es nicht, die Offensivaktionen im vorderen Drittel zu lenken. Der wahre Spielgestalter war Damir Kreilach, der die linke Seite in der Mittelfeldraute besetzte.

Richtige Zeit, richtiger Ort

Um spielentscheidend zu sein, reicht es im Fußball aber manchmal auch, nur einmal im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Das war Hedlund in der 33. Minute, als er den 15 Zentimeter größeren Kollegen Polter am Kopfball hinderte. Stattdessen hielt Hedlund seine eigenen Haarspitzen in die Flanke von Christopher Trimmel und wischte den Ball so zu Hosiner. „Wir haben klar dominiert und immer wieder Gefahr vor dem Tor ausgestrahlt“, befand Keller und lobte seinen Torschützen: „Wie er sich bewegt und dazu 68 Prozent gewonnene Zweikämpfe, das ist Wahnsinn für einen Stürmer.“

Herausragend war auch Kreilachs Leistung, nicht nur, weil er nach einer Ecke sein neuntes Saisontor erzielte (54.). Insbesondere nach Polters Fehltritt und dem durch einen Stellungsfehler von Toni Leistner begünstigten Anschlusstreffer des eingewechselten Lucas Höler (76.) nutzte er seine Ballbeherrschung und sein Spielverständnis, um geschickt Freistöße, Ecken und Einwürfe herauszuholen oder seinem Team auf andere Weise die Abwehrzeit bis zum Abpfiff zu verkürzen. So gelang es Union zum zweiten Mal nach dem Sieg gegen Würzburg, eine Partie in Unterzahl zu gewinnen.

Zur Belohnung hat Keller seinen Spielern für Sonntag und Montag freigegeben:„Das hat sich die Mannschaft verdient. Sie braucht die Erholung.“ Am Dienstag beginnt dann die Vorbereitung auf Braunschweig. Polter will die Mitspieler dort in der Kabine auf den Sieg einschwören. Mit seiner Körpersprache, wie er ankündigte. Das klingt gefährlicher als es wohl ist.