2:2 gegen FC Augsburg: Neun trotzige Minuten reichen Hertha BSC zum Ausgleich

Pal Dardai ging los, kam immer näher, war fast schon da. Er bebte und schrie und wer weiß schon, zu was er noch imstande gewesen wäre. Jedenfalls hatte er zuvor entschlossenen Schrittes seinen Arbeitsbereich verlassen, hatte die Seitenauslinie überquert und mit der rechten Hand wie wild durch die Luft geschaufelt, um seinen Spielern zu bedeuten, doch bitte nicht so ausgiebig den späten Ausgleichstreffer zu feiern. Und dann, endlich im Zentrum des Jubels angelangt, machte er noch einmal deutlicher, dass ihm – verdammt noch mal! – ein weiteres Tor fehlt zu seinem Trainerglück. Sofort löste sich der Knäuel um den Torschützen Davie Selke auf.

Diese letzten Heimspielminuten gegen den FC Augsburg, die Hertha BSC so dramatisch mit dem 1:2 (84.) und dem 2:2 (87.) aufgeladen hatte, stimmten den Trainer Dardai doch noch versöhnlich. Aber nur ein bisschen. Denn erst gaaanz spät sah es so aus, als würde seine Mannschaft nicht verlieren wollen. Unentschieden verließen auch die bereits früh pfeifenden und letztlich doch mal wieder hüpfenden Zuschauer am Sonnabend das Olympiastadion. Zeitgleich verfasste Marvin Plattenhardt die kürzeste Inhaltsangabe dieses Nachmittags: „Am Anfang haben wir es verkackt, am Ende die.“ Es war auch die treffendste.

Kaum Anspielstationen

Plattenhardt ist Linksverteidiger, und in dieser Funktion gewann er kurz vor der Halbzeit ein Laufduell. Er behauptete im Fallen und Sitzen den Ball, stand auf und hätte gerne seine Idee von einem gepflegtem Spielaufbau umgesetzt, allein: Er fand keinen Mitspieler, der diese Idee teilen wollte. In einem gerade noch wohl temperierten Mix aus Wut und Verzweiflung riss er beide Arme nach oben und verteilte seinen Ballbesitz ins Nirgendwo. „Wir haben zu kompliziert gespielt“, sagte Plattenhardt. „Es gab einfach zu wenige Anspielstationen.“

Nach einer mal mehr, meist jedoch weniger guten halben Stunde erlebte Hertha ein Gegentor, für das der anschauliche Fußballfachbegriff Bogenlampe erfunden wurde. Für das aber, neben dem steil Auftrieb verleihenden Bein von Vladimir Darida, auch die Sonne eine Mitverantwortung hatte – oder nicht? Rune Jarstein wollte sich leider nicht dazu äußern, ob der Netzeinschlag nicht zu verhindern gewesen wäre. Zur Sicherheit empfahl Plattenhardt dem Torwart, beim nächsten Mal besser einen Augenschutz zu tragen. Als hätte er auf der Anzeigetafel gesehen, dass Herthas an diesem Spieltag alle blauweißen Vereinssonnenbrillen rabattiert hatte.

Durch die musste man schon schauen, um etwas zu erkennen, das Hertha und die Europa League verbinden könnte. Sonst sah man kurz nach der Pause Karim Rekik, der ähnlich verzweifelt wie Plattenhardt nicht wusste, wer sich hier wie und falls ja, wo denn noch an der Aufholjagd beteiligen will. Seine Gestik war etwas ausladender. Seine Worte hinterher wieder zuversichtlich: „Wir haben lange nicht gut gespielt, aber wir haben wieder Teamgeist gezeigt, wie schon oft in dieser Saison.“

Beim zweiten Tor für Augsburg, das nach einer Stunde das Ende des großen Saisonziels zu bedeuten schien, gab Niklas Stark einen Begleitschutz, der im Sechzehnmeterraum durchaus enger sein darf. Sergio Cordova beschwerte sich natürlich nicht. „Ich hätte mir eine andere Körpersprache gewünscht“, sagte Dardai, und meinte wohl alle Spieler, die meist zu spät kamen oder gar nicht da waren, wo Entscheidendes oder nur Vorentscheidendes sich tat. Um wenigstens eine schöne Erinnerung an diesen Tag zu haben, wechselte er Pal Dardai ein, oder Palko, seinen Sohn. Denn über dessen knapp zwanzig Bundesligadebütminuten und diesen Konterlauf, den Marcel Heller kurz vor dem Abpfiff rotwürdig stoppte, wird die ganze Familie bestimmt noch lange reden.

Der falsche Kanal

Gesprächsbedarf gibt es auch nach einem Post auf Instagram. Der Absender: Jordan Torunarigha. Der Inhalt: „Why you want to mess up my mood?!“ They will ignore you until they need you.“ Heißt: „Warum möchtest du meine Stimmung vermiesen? Sie werden dich ignorieren, bevor sie dich wieder brauchen!“ So schreibt ein talentierter Innenverteidiger, der gern gespielt hätte, und gleichzeitig ein junger Mann, der seine Ungeduld falsch kanalisierte. Dardai sagte: „Ich muss mit ihm reden, warum er das gemacht hat.“ Dann machte er das, was er oft macht: Er erinnerte sich und alle anderen an seine eigene Karriere: „Wenn ich als Spieler ein Problem hatte, bin ich direkt ins Trainerzimmer gegangen und habe mit dem Coach gesprochen.“

Bleiben hier neun Zeilen, was zufällig den Minuten plus Nachspielzeit entspricht, in denen Hertha erwachte. Erst war der Trotz von Selke von der Tribüne aus zu greifen. Anscheinend auch im Strafraum, was zum Elfmeter führte: 1:2, Vedad Ibisevic. Dann erzielte Selke den Ausgleich. Ging gleich Pal Dardai los.