Ob Daniel Haas die Hand auf seiner Schulter gespürt hat, als er hinter dem Rest der Mannschaft herschlich? Vorne ging Maximilian Thiel mit hängendem Kopf. Erneut sahen die Spieler des 1. FC Union aus wie Verlierer – und lange hatten sie gegen Kaiserslautern auch wie solche gespielt. Dennoch hatten die Eisernen dank Haas, Thiel und einer entscheidenden taktischen Veränderung in der Halbzeitpause kurz vor dem ersehnten Sieg gestanden. Am Ende war Haas aber wieder einmal machtlos und frustriert. Ersatztorwart Mohamed Amsif eilte nach dem Abpfiff umgehend zu ihm und legte ihm den Arm um den Hals.

Das späte 2:2, das der 1. FC Kaiserslautern in der 87. Minute erzielte, war schon der neunte Gegentreffer im vierten Spiel für Unions Nummer eins. Das ist wahrlich keine gute Quote. Große Schuld daran trägt er jedoch nicht – im Gegenteil. Viele gute Möglichkeiten der spielerisch überlegenen Gäste machte er am Sonntag zunichte. Als er dann in der 78. Minute sogar den von Kacper Przybylko getretenen Elfmeter parierte, hatte Union alle Trümpfe in der Hand.

In den zehn Minuten bevor Haas mit seiner Parade dem Gegner eigentlich den emotionalen Todesstoß versetzte, hatten Thiel und Bobby Wood mit ihren Treffern das Spiel gedreht. Doch was im Gebrüll der euphorisierten Fans der Wendepunkt im verkorksten Saisonstart hätte sein können, war letztlich nicht mehr als ein zusätzliches Spannungsmoment einer Fortsetzungsgeschichte.

Führung kurz vor Schluss, das heißt derzeit mit Sicherheit: Tor für den Gegner. Auch gegen Kaiserslautern, da sich bei einem Freistoß von der linken Seite niemand bemüßigt fühlte, den eingewechselten Angreifer Maurice Deville am zweiten Pfosten zu beschatten. Haas wurde geschlagen.

Nicht alles richtig gemacht

Torhüter verschwinden während einer Partie ja häufig in einem psychologischen Tunnel. Jede Ablenkung wird ausgeblendet, die volle Konzentration gilt dem Augenblick. Kleinste Bewegungen des Angreifers werden erahnt, und im Idealfall geht die Reaktion des Keepers der Aktion des Stürmers sogar voraus. In der ersten Hälfte trat dieser Idealfall ziemlich häufig ein. Die Trainer-Analyse der ersten Spielhälfte war diesbezüglich ein Euphemismus. „Wir haben in der ersten Halbzeit nicht alles richtig gemacht“, sagte Norbert Düwel.

Die Überraschung in Unions Aufstellung war dieses Mal das Ausbleiben einer Überraschung gewesen. Nach drei sieglosen Spielen kehrte der Union-Coach auf ein Spielsystem mit Viererkette zurück. Im Unterschied zum verlorenen Pokalspiel vor einer Woche bei Viktoria Köln blieb Angreifer Colin Quaner auf der Bank, dafür kam Linksverteidiger Fabian Schönheim ins Team. Zu mehr Stabilität verhalf das nicht. Kaiserslautern spielte geschickt in die Zwischenräume. Jean Zimmer von rechts hinten und Ruben Jenssen von Mitte links zerschnitten die Abwehrreihe mit ihren Steil- und Quersprints.

Ein einziges Mal konnte Haas nicht retten. In der 23. Minute lupfte Daniel Halfar den Ball über Groß (Benjamin Kessel), Klein (Michael Parensen) und Mittel (Christopher Trimmel), Jenssen vollendete zur verdienten Führung.

Pfiffe für Ex-Union-Spieler Markus Karl

Kaiserslautern spielte schneller und direkter, Union verlor mehr als 60 Prozent der Zweikämpfe in der ersten Hälfte. „Wir haben sie dominiert“, sagte der ehemalige Union-Spieler Markus Karl später. Seinen Abschied haben sie ihm in Köpenick nicht verziehen. Von den Rängen gellten Pfiffe, wenn er den Ball berührte. Und das tat der umsichtige Mittelfeldspieler oft. „Ich freue mich immer, wenn sie pfeifen“, scherzte er. „Das spornt mich an.

Wirkungsvoller als die Pfiffe war ein Schachzug von Düwel. Nach dem Seitenwechsel rückte Damir Kreilach etwas nach vorne, um Karl auf den Füßen zu stehen. Der Ausgleich fiel trotzdem überraschend. Christopher Trimmel grätschte einen Ball nach vorne. Dort lauerte Thiel, der zuvor an allen gefährlichen Situationen beteiligt gewesen war. Er hatte gar die Zeit, um den mitlaufenden Wood aus dem Weg zu bitten.

Der amerikanische Nationalstürmer, der sichtlich besser in Form kommt, durfte dann fünf Minuten später nach Kopfballvorlage von Sören Brandy zuschlagen. „Ich fühle mich besser“, sagte der 22-Jährige hernach. Aber eigentlich war ihm sein erstes Union-Tor egal. „Wenn wir nicht gewinnen ist das madig. Wir haben so gekämpft und jetzt fühlt es sich wie eine Niederlage an.“ Genauso erging es Haas, als er aus seinem Tunnel kam. Er sah wenig Licht. Zu wünschen ist ihm, dass er zumindest das Lob seines Stellvertreters wahrgenommen hat und die Sprechchöre der Fans. Die feierten ihren Torwart trotz Punktverlust.