Eine Viertelstunde lang hatte Norbert Düwel, der Trainer des 1. FC Union, kommentarlos das Spiel seiner Mannschaft verfolgt, hatte bei der Auswärtspartie in Sandhausen Fehler jeder Art gesehen. Stellungsfehler. Abspielfehler. Laufwegefehler. Schließlich zu viele davon, um weiter zu schweigen, und so flehte er lauthals seine Profis an: „Spielt doch ruhiger.“ Sechs Minuten später drang allerdings Sandhausens Offensivmann Azis Bouhaddouz in den Strafraum der Eisernen ein, schoss nicht, sondern passte quer vors Tor, wo Andrew Wooten einen Schritt schneller war als der schläfrige Christopher Trimmel. Tja, so ist das mit den Trainerzurufen vom Spielfeldrand, nur allzu selten zeigen sie doch tatsächlich Wirkung.

Zwei Positionen verändert

Dass die Unioner an diesem Sonntagnachmittag bei diesem atemberaubenden 3:4 (1:1) im Hardtwaldstadion vor 4753 Zuschauer wenigstens noch mal ins Spiel kamen und mit einer engagierten Leistung ihren Auftritt in Hälfte eins vergessen machen konnten, hat ganz viel mit dem unverdientesten Ausgleich in der jüngeren Geschichte der Zweiten Liga zu tun. Erzielt hat ihn Sören Brandy nach Vorarbeit von Maximilian Thiel in der 41. Minute, nachdem der Gastgeber 40 Minuten lang mit seinem variablen Spiel die Systemschwächen der Gäste aufgedeckt hatten. Dieser Ausgleichstreffer aber veränderte zunächst alles, machte aus den Sandhäusern von Zweifeln bewegte, aus den Köpenickern hingegen selbstbewusste Fußballprofis.

Wie erwartet hatte Düwel sein Team gegenüber der Saisonauftaktpartie gegen Fortuna Düsseldorf auf zwei Positionen verändert. Für Toni Leistner und Steven Skrzybski gaben Dennis Daube und Raffael Korte ihr Startelfdebüt. Daube, vom FC St. Pauli im Sommer gekommen, sollte als Mittelsmann zwischen defensivem Mittelfeld und Angriff in Erscheinung treten, war aber nahezu unsichtbar. Korte, von Eintracht Braunschweig vor dieser Saison verpflichtet, sollte vor Trimmel, der für Leistner in die Dreierabwehrkette zurückbeordert worden war, Dampf machen. Dampf machten aber vor allen Dingen Leart Paqarada und Denis Linsmayer, die Korte und Trimmel zum sommerlichen Dauerlauf ohne Ball zwangen.

Daube und Korte aber allein für das fast 40 Minuten dauernde Durcheinander im Spiel der Eisernen verantwortlich zu machen, wäre nicht fair. Auch Stephan Fürstner in der zentralen defensiven Mittelfeldposition wirkte trotz seines leidenschaftlichen Engagements bisweilen hilflos, wurde wiederholt überspielt oder antizipierte eben nicht fix genug. So wie bei Wootens 1:0, das der ehemalige Fürther mit einem energischen Spurt hätte durchaus verhindern können.

Leistner lässt Jovanovic flanken

Weil Brandy aber das 1:1 gelungen war, verzichtete Düwel auf personelle Konsequenzen, wofür sich Daube nach Wiederanpfiff gleich mal bedankte. Nämlich in der 55. Minute mit einem satten Eckstoß, den er von rechts mit seinem rechten Fuß auf Brandy zirkelte, der mit seiner Kopfballverlängerung den herangeschlichenen Damir Kreilach erreichte. Wenige Minuten nach der Führung nahm Düwel wieder Einfluss auf den Lauf der Dinge, nahm zunächst Korte, dann Daube vom Platz. Der eingewechselte Leistner war allerdings noch nicht ganz auf Betriebstemperatur, als ihn der ebenfalls eingewechselte Ranisav Jovanovic zum Zweikampf herausforderte. Jovanovic flankte, Wooten schloss dieses Mal mit dem Kopf zum Ausgleich ab.

Was sich im Anschluss an dieses 2:2 entwickelte, muss Düwel allerdings doch wieder arg zu denken geben. Zuerst gelang Damir Kreilach mit einem wunderbaren Schlenzer aus 18 Metern ja noch einmal die Führung für Union, dann aber ließ seine Mannschaft die Sandhäuser gewähren, als hätte sie nichts aus der ersten Hälfte gelernt. Zunächst kam Abwehrchef Benjamin Kessel zu spät gegen Jovanovic, fuhr dem Angreifer mit gestrecktem Bein in die Parade, was Schiedsrichter Thorben Siewer dazu brachte, auf den Punkt zu zeigen. Bouhaddouz verwandelte den Strafstoß in der 80. Minute sicher. Doch damit nicht genug: Ungehindert durfte Florian Hübner fünf Minuten später in einen Eckball von Kevin Kratz fliegen und das 4:3 für die Sandhäuser köpfen.

Düwel, der sich noch über das Pech seiner Elf bei einem Schuss von Kreilach gegen die Querlatte ärgern musste, wetterte unmittelbar nach dem Schlusspfiff noch gegen Schiedsrichter: „Der Elfmeter war ein Witz.“ Wie auch immer − als grundsätzliche Erklärung für die erste Saisonniederlage der Unioner taugt das nicht.