4:4 zwischen Union Berlin und Arminia Bielefeld: Ein Spektakel aus Offensivgeist und Unkonzentriertheiten

Eigentlich war es eher kein Tag, um quer durch die Republik nach Ostwestfalen zu reisen. Einfach zu heiß. Im Bielefelder Stadion schien dann auch die Hälfte des Publikums eine Kleiderordnung wie im Freibad an den Tag zu legen. Und wenn die Fans der Eisernen statt eines schönen Sonntags am See trotzdem den 400-Kilometer-Trip angetreten haben, dann womöglich, weil sie gegen den Abstiegskandidaten, der als einziges Team der Zweiten Liga bis gestern noch ohne eigenes Tor dastand, endlich den ersten Sieg in dieser eher träge angelaufenen Saison erhofften.

Soweit kam es dann nur fast, aber wer mitgereist war, hatte nichts zu bereuen: Das 4:4 (1:2) des 1. FC Union in Bielefeld lieferte ein schönes Spektakel, weil gleich beide Mannschaften auf dem Rasen ihr Leiden unter der Hitze nicht mit derselben Freikörperkultur wie die Fans mindern konnten und stattdessen ordentlich angezogen durch eine Menge Offensivgeist und Unkonzentriertheiten auffielen.

Dann wurde es völlig verrückt

Zwar versuchte Unions Trainer Jens Keller es zunächst mit Adrian Nikci für Kenny Prince Redondo, doch ein Keller-Effekt wurde erkennbar: Sein Pressing bringt technisch durchschnittliche Gegnermannschaften wie Bielefeld immer wieder in die Bredouille.

Allerdings bestätigte auch das Spiel in Bielefeld wieder die Erfahrungswerte aus den Partien in Bochum und gegen Dresden: So lange Unions Offensivabteilung den Gegner mit Pressing in der eigenen Hälfte verunsichert, kreiert sie so viele Tormöglichkeiten wie kaum eine andere Mannschaft in der Liga.

Wehe aber, wenn die vorne drängelnden Unioner um Collin Quaner überspielt werden und der Gegner auf den Defensivverbund des 1. FC Union einstürmt. Dann kreieren die Abwehrleute des 1. FC Union nicht minder rekordverdächtige Torchancenwerte für die Kontrahenten.

Dabei resultierte die Bielefelder Führung nur indirekt aus einem der typischen Abwehrpatzer. Die Eisernen verdaddelten den Ball eher uninspiriert, so dass Stephan Fürstner sich opfern und Bielefelds Stürmer Fabian Klos in guter Freistoßposition vor dem eigenen Strafraum auf Kosten einer Gelben Karte foulen musste. Beim Freistoß von Sebastian Schuppan machten weder Unions Mauer noch Torwart Jakob Busk einen tadellosen Eindruck: Er traf oben rechts (30. Minute).

Beim Ausgleich profitierten die Unioner von einem der vielfältigen Versuche des Bielefelder Torwarts Wolfgang Hesl, stolz technische Fertigkeiten mit dem Fuß zu präsentieren. Mit einem Querpass brachte er Verteidiger Brian Behrendt in Not. Der verlor den Ball, Quaners ersten Schuss parierte Hesl, den zweiten von Fürstner ließ er zum 1:1 durch die Beine kullern (37.). „Das passiert mir einmal in fünf Jahren“, sagte Hesl, „heute war’s soweit.“

Aus Abseitsposition

Noch vor der Pause machte Unions Hintermannschaft alles wieder zunichte. Kristian Pedersen ließ sich links vom Bielefelder Christoph Hemlein übersprinten, der drosch den Ball flach zwischen Torwart Busk und den gemächlich einrückenden Toni Leistner, Klos schob ihn ins Tor (42.).

In der zweiten Hälfte wurde es völlig verrückt, als Union plötzlich energischer aus der Kabine kam. Zwar gingen die Bielefelder zunächst durch Christopher Nöthe mit 3:1 in Führung, als Hemlein wieder Pedersen übertölpelte und Busk beim Volley-Aufsetzer Nöthes etwas regungslos verharrte. Doch angetrieben vom agilen Quaner drehten die Unioner die Partie zur 4:3-Führung: Zuerst spielte der eher unauffällige Felix Kroos in seiner stärksten Szene mit einem Freistoß den vom Gegner vergessenen Steven Skrzybski an, der einschoss (66.), dann donnerte Quaner einen Schuss aus elf Metern so unter die Latte, dass er zum 3:3 hinter der Linie aufsprang (68.), und Skrzybski traf mit Segen des Schiedsrichters Timo Gerach aus Abseitsposition zum 4:3 (81.).

Unfreiwillig machte der seinen Fehler wett: Als Kroos den Ball am eigenen Strafraum klären wollte, stand Gerach im Weg. Von ihm sprang der Ball zum Bielefelder Tomasz Holota, der den eingewechselten David Ulm bediente. Der traf mit einem Flachschuss ins lange Eck zum 4:4-Endstand (84.). „Gerade bei so ’nem Wetter so einen Rückstand aufzuholen, kostet unheimlich Kraft“, klagte Kroos, „und dann biste mit ’nem Unentschieden nicht zufrieden.“