Aachen - Sechstausend Menschen sangen, eine riesige Geburtstagstorte wurde hereingeschleppt und die frisch gewählte Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, gratulierte als Erste. Das schönste Geschenk zum 50. Geburtstag machte Isabell Werth jedoch die 14-jährige Bella Rose, die beim CHIO Aachen nach dem Grand Prix und dem Grand Prix Special auch die Kür mit 90,450 Punkten gewann, trotz eines Fehlers in den Galoppwechseln. Es folgten Dorothee Schneider auf Showtime (89,660) und Jessica von Werndl-Bredow auf Dalera, 87,595 Prozent Am Ende waren die Noten für die technische Ausführung dicht beieinander. Gewonnen hat Werth ihren 13. Aachener Dressurpreis mit der künstlerischen Note. Noch macht der Nummer eins der Welt niemand etwas vor in puncto Schwierigkeitsgrad und perfekter Harmonie mit der Musik. Beethovens Neunte, Klänge von Puccini und Verdi, teilweise gesungen – das gefiel Richtern und Publikum.

Fragen nach einem eventuell fälligen Karriereende beantwortete Werth unwirsch. „Ich werde 50 und nicht 100“, sagte sie. „Irgendwann höre ich bestimmt auf, aber über den Zeitpunkt, habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht.“ Schließlich gebe es Dressurreiter, die noch viel älter seien als sie. Sie hat den Stall voll junger talentierter Pferde, schwer vorstellbar, dass sie nicht selbst im Sattel die Früchte ihrer Ausbildungsarbeit ernten will.

Karriere beginnt vor 30 Jahren

Auch wenn sie den Geburtstag nicht zum Anlass nimmt, in sportliche Rente zu gehen, wird an einem solchen Tag Bilanz gezogen. Was wäre anders, wenn sie noch mal anfangen könnte? „Ich hätte vielleicht eine Medaille weniger und ein Kind mehr“, sagte sie. Ihr Sohn Frederick ist zehn Jahre alt, im Moment sitzt er lieber auf dem Trecker als im Sattel.

Vor 30 Jahren startete Werth zum ersten Mal in einem deutschen Championatsteam bei der Europameisterschaft in Luxemburg, das Pferd Weingart gehörte ihrem Entdecker und jahrzehntelangen Förderer Uwe Schulten-Baumer. Er machte aus dem hochbegabten Nachbarskind eine Weltklassereiterin. Sechs goldene Olympiamedaillen, neun Weltmeister- und 17 Europameistertitel sind die Eckpfeiler einer Karriere, die wohl lange unerreicht bleiben wird. Fast alle Pferde, bis auf ihren ersten Lehrmeister Madras und Rio-Pferd Weihegold, hat Werth selbst bis zur Grand-Prix-Reife geführt. Besaß Schulten-Baumer schon ein untrügliches Gespür für vierbeinige Talente, so zeigte Werth nach der Trennung von ihm im Jahre 2001, dass auch sie einen siebten Sinn dafür hat, aus welchem jungen Pferd mal ein Großer werden kann.

Treue trotz Dopingfall

So ging es ihr mit Bella Rose, der langbeinigen Fuchsstute, mit der sie in Aachen alle drei Prüfungen gewann. Es war Liebe auf den ersten Blick, als sie das Pferd beim Züchter entdeckte. Die Stute lernte schnell und eroberte die Herzen im Sturm. 2014 wurde Werth mit dem deutschen Team in Caen Mannschaftsweltmeisterin. Doch dann lahmte die Stute plötzlich, und wurde, von einem kurzen Auftritt in Stuttgart abgesehen, dreieinhalb Jahre nicht mehr gesehen. Stattdessen war sie Dauerpatientin der Tierärzte. Die meisten Reiter hätten längst aufgegeben und Bella Rose in die Zucht verabschiedet, damit sie ihre Dressurgene weitergibt. Doch Werth verfügt über zwei Eigenschaften, die mindestens genau so wichtig sind wie reiterliche Fertigkeiten: Geduld und Ausdauer. Sie glaubte an ihr Pferd und endlich, im Jahre 2018, wurde sie belohnt. Mit Bella Rose, inzwischen 14 Jahre alt, wurde sie Mannschafts- und Einzelweltmeisterin in Tryon (USA).

14 Pferde hat Werth im Grand-Prix-Sport vorgestellt, mit sieben davon war sie an Championatsmedaillen beteiligt, auch das ein Rekord. Mit dem Hannoveraner Gigolo gewann sie zwischen 1992 und 2000 sechs Olympiamedaillen, vier goldene und zwei silberne, ihm verdankt sie ihren Aufstieg in die Spitzenklasse. Mit Satchmo wurde Werth nicht nur 2006 in Aachen Weltmeisterin im Grand Prix Special, mit dem Wallach erlebte sie ihr sportliches Waterloo, als er 2008 bei den Olympischen Spielen in Hongkong, schon auf der Siegesstraße, plötzlich nicht mehr mitspielte. Der Dopingfall 2009 und der Medikationsfall 2012 unterbrachen Werths bis dahin makellose Karriere. Doch was immer auch passierte, ihre Freundin und Mäzenin Madeleine Winter-Schulz stand wie ein Felsen hinter ihr. Als es vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio knapp wurde, zauberte sie Weihegold aus dem Hut, die brave Stute, die schon alles konnte, aber das nie zuvor so perfekt gezeigt hatte wie unter Werth. Mit dem Comeback von Bella Rose erlebte auch ihre Reiterin einen neuen Höhenflug.

Ihren Geburtstag empfindet sie als „absolute Nebensache. Irgendwann gibt’s vielleicht eine Party“, sagt sie. „Vielleicht zum 60.“ Wenn sie nicht im Viereck reiten muss.