In der sechsten Spielminute war Sebastian Polter umzingelt, gefangen in einer Jubeltraube – suchte und fand aber flugs einen Ausweg. Für einen Moment wollte der Stürmer des 1. FC Union alleine feiern, seine Erleichterung zum Ausdruck bringen, über dieses frühe Tor. Den linken, großflächig tätowierten Unterarm geküsst, den rechten, nicht ganz so großflächig tätowierten Unterarm geküsst. Brust raus, Arme ausgebreitet Richtung Fankurve. Erlöserpose. Kurze Drehung nach links Richtung Haupttribüne, um die Liebsten mit einem Geheimzeichen (war’s ein Stierkopf, den er da mit seinen beiden Händen formte oder ein Doppel-Shaka?) zu grüßen. Seht her, ich bin wieder da, sollte das alles jedenfalls bedeuten; bin keiner für die Bank, wie am vergangenen Dienstag in Sandhausen, sondern ein Anführer, der bei der Bewältigung einer Krise vorneweg marschiert und Zeichen setzt.

Polter war am Montagabend vor 20.592 Zuschauern, beim furiosen 5:0 (4:0) der Köpenicker gegen einen durchweg hilflos wirkenden Gast aus Kaiserslautern, der Mann des Abends. Oder doch Marcel Hartel, der wieder einmal seine große Lust am Fußballspiel zum Ausdruck bringen konnte und beim 5:0 durch Polter mit Po-Vorlage assistierte. Oder Grischa Prömel, der im defensiven Mittelfeld ein bemerkenswertes Startelfdebüt gab. Oder doch Steven Skrzybski, der bei Polters 2:0 als blitzgescheiter Passgeber in Erscheinung trat und mit einem außergewöhnlichen Fernschuss in der 32. Minute das 3:0 erzielte.

Pedersen hat eine Ahnung

Die Wahl fällt schwer. Sie fällt aber doch auf Sebastian Polter, der als Dreifachtorschütze von den Fans in der 78. Minute bei seiner Auswechslung natürlich mit Stehenden Ovationen vom Feld begleitet wurde. All sein Frust über seine Ersatzspielerrolle beim 0:1 in Sandhausen und die jüngste Erfolglosigkeit steckte in seinem Linksschuss zum 1:0. Linksverteidiger Kristian Pedersen hatte zuvor erkannt, dass Kaiserslauterns Keeper Marius Müller mit einem Abwurf das Spiel seiner Mannschaft schnell machen wollte, der ahnungsvolle Pedersen ging energisch dazwischen, bugsierte den Ball zu Polter, der sich mit einer geschickten Annahme sogleich die Chance zum Torschuss eröffnete und den Ball aus 20 Metern in den Winke jagte. All seine Klasse kam dabei zum Ausdruck, die Klasse, die in den vergangenen Wochen irgendwo zwischen kräfteraubenden Zweikämpfen und spieltaktischen Variationen verloren gegangen war.

Grundsätzlich strebt Union-Trainer Jens Keller ja in dieser Hinsicht ein hohes Maß an Flexibilität an. Unter dem Druck, der sich aus fünf Spielen ohne Sieg im Besonderen für ihn ergeben hatte, legte der 46-Jährige dieses Mal dem Spiel seiner Mannschaft wieder eine einfachere Struktur zugrunde, mit dem Ziel, leidenschaftlich den Ball zu jagen. Dabei verzichtete er in der Anfangsformation auf altbewährte Kräfte wie Stephan Fürstner, der von Prömel ersetzt wurde, oder wie Damir Kreilach, der in seiner fünften Saison als Profi des 1. FC Union erst zum fünften Mal seinen Namen auf dem Spielberichtsbogen unter der Rubrik „Ersatzspieler“ wiederfand. Neben ihm und Fürstner suchten auch Atsuto Uchida, Akaki Gogia, Philipp Hosiner, Michael Parensen sowie Keeper Daniel Mesenhöler unter dicken Trainingsjacken Schutz vor der Kälte.

Polter mit erstem Dreierpack

Mitunter wurden an diesem Herbstabend im Stadion An der Alten Försterei gar Erinnerungen an den Rückrundenstart der vergangenen Saison wach, als die Köpenicker sich an ihrem eigenen Spiel berauschten und mit einer Siegesserie gar die Spitze der Zweiten Liga eroberten. Insbesondere nach dem 2:0, bei dem Fabian Schönheim einen Eckball von Christopher Trimmel verlängert und Giuliano Modica Malagnini den Ball ins eigene Tor gelenkt hatte, trieben die Profis in Rot und Weiß mit ihrem geradlinigen Spiel die Zuschauer zum Raunen in Minutentakt. Nicht nur wegen des von Polter verschossenen Elfmeters (27.) wäre auch ein Fünf-, Sechs-, oder gar Sieben-zu-Null zur Pause angebracht gewesen.

Das mit dem 5:0 erledigte dann, wie bereits bemerkt, Polter in der 77. Minute mit einem wuchtigen Flachschuss. Es war sein erster Dreierpack als Profi, ein beeindruckendes Statement in eigener Sache.