Als der Deutsche Fußball-Bund vor zwei Jahren mal dringend Bedarf an einem neuen Präsidenten hatte, zählte Reinhard Rauball zu den Kandidaten. Dass er überhaupt als konsensfähig galt, beweist die Qualität des Fußballfunktionärs: Rauball ist durch seine Nähe zu Borussia Dortmund und seine Präsidentschaft in der Deutschen Fußball-Liga eigentlich viel zu sehr dem Profisport und dort einem Verein verbunden.

Doch über die Jahre hat sich der Jurist, der mal für sieben Tage unter Ministerpräsident Wolfgang Clement Justizminister von Nordrhein-Westfalen war, immer wieder durch sachlich vorgetragene, fachlich nachvollziehbare Kommentare in Fußballkreisen Anerkennung erworben.

In der Hinsicht hat er am Mittwoch bei der nationalen Anhängerschaft des Fußballs weiter gepunktet. Rauball und seine DFL haben den Antrag von Martin Kind, bei Hannover 96 ausnahmsweise entgegen der 50+1-Regel Mehrheitseigner zu werden, abgelehnt. Kind, ein 74 Jahre alter Hörgeräte-Unternehmer, wähnt sich durch sein zwei Jahrzehnte währendes Engagement bereit, die Ausnahmebestimmungen zu erfüllen. Unter den meisten Fans in Hannover ist er das absolute Feindbild.

DFL kommt Kind zuvor

Die Entscheidung von Rauballs DFL birgt Brisanz, weil sie nun die 50+1-Regelung der Überprüfung durch Gerichte öffnet − mit ungewissem Ausgang. Denkbar ist, dass die Vorschrift gekippt wird, die darauf abzielt, englische Verhältnisse in Deutschland zu verhindern, in denen oft ausländische Investoren berühmte Klubs übernehmen, um finanzielle Profite oder gesellschaftliche Anerkennung abzugreifen. Und mit ihrem Investment gleichzeitig massiv den Wettbewerb verzerren.

Hannover 96 teilte in der Kind-Diktion mit, der Klub werde „nun den angekündigten Weg gehen und alle notwendigen und rechtlichen Schritte einleiten“. Rauballs DFL allerdings baut sicherheitshalber vor: Sie hat beim Bundeskartellamt freiwillig die Überprüfung ihrer Regel auf Vereinbarkeit mit dem deutschen Wettbewerbsrecht eingereicht. „In den vergangenen Monaten hat es eine intensive, öffentlich geführte Debatte über die 50+1-Regel gegeben“, zitiert die Liga ihren Boss Rauball, „dieser Schritt soll allen Beteiligten Klarheit bringen.“

Auch den Rechtsweg für den Übernahme-gierigen Kind hat die DFL aufgezeigt: die Anrufung des Ständigen Schiedsgerichts der Lizenzligen. Die DFL ist überzeugt, dass Kind nicht die Voraussetzungen erfüllt: „In der abschließenden Bewertung kam das DFL-Präsidium zu dem Ergebnis, dass das Kriterium der ‚erheblichen Förderung‘ als Voraussetzung für die Erteilung einer Ausnahme von der 50+1-Regel nicht erfüllt ist“, teilte die DFL mit.

Kind behauptet, dass „in den 20 Jahren die Hauptsponsoren-Einnahmen bei 46 Millionen“ lagen und, dass „der DFL vorliegt, dass ich mehr Geld aufgewendet habe“. Die Darstellung wird bezweifelt: Tatsächlich, so heißt es, soll er lediglich 26 Millionen Euro binnen 20 Jahren in den Klub gepumpt haben.